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Udo Lindenberg : Der Gin des Lebens

  • -Aktualisiert am

Schlagkräftig wie in besten Tagen: Udo Lindenberg Bild: Warner

Mehr kann sich ein deutscher Rockhörer gar nicht wünschen: Udo Lindenberg hat mit etwas Hilfe von seinen Freunden eine rockige und zeitlos gute Platte gemacht - von blanker Hand, direkt ins Herz und mit Seelenanschluss.

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          Es gehört sich eigentlich nicht, groß auf die Waschzettel einzugehen, die PR-Büros den Platten ihrer Klienten beilegen. Was aber die Firma Lanz-Unlimited Communications über die neue Udo-Lindenberg-Platte in Umlauf bringt, bedarf vielleicht doch der Erwähnung. Dieses „Album-Bio“ macht sich die aus Großspurigkeit und Unbeholfenheit seltsam stimmig zusammengesetzte Diktion des „Maestro“ dermaßen zu eigen (das gilt aber auch für den einen oder anderen Plattenrezensenten, der sich schon zu Wort gemeldet hat!), dass man nicht weiß, was man tun soll: wegschmeißen? Oder dem Lindenberg glauben, dass seine alte Säufer- und Spürnase immer noch, wie er jetzt wieder prahlt, „relativ cool“ ist?

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Selbst wer das Prinzip „nicht kleckern - klotzen“ nicht für grundverkehrt hält, wird zugeben, dass die Vergleiche mit Einsteins Relativitätstheorie und Mozarts Jupiter-Sinfonie, zu denen die PR-Firma hier greift, doch etwas stark sind. Aber dann wird's angenehm poetisch: „Schwebt der Funke des Meisterwerks wie ein goldenes Staubkorn durch den Raum, gewaltig und schwerelos zugleich?“ Lindenberg würde sagen: „Eh, Alter, mach dich mal locker!“ Denn, und auch da hat man den Meister auf seiner Seite: „Vergiss die Lehrer, die Bedenkenträger tritt in den Arsch.“

          Was war zuerst da?

          Der Waschzettel ist vor allem deswegen aufschlussreich, weil er ein Vorurteil über den Sänger bestätigt: „Udo ist gefährlich. Er okkupiert einen, er beherrscht einen“, hatte einst der ehemalige Mitautor Horst Königstein behauptet und damit gemeint, dass Lindenberg einerseits die Leute aussaugt, ihnen also Sprüche ablauscht, die er dann imagefördernd verwendet, und dass man aber andererseits dessen typische Art, so betont ungestelzt daherzureden, irgendwann selber übernimmt - so dass man am Ende gar nicht sagen kann, was zuerst da war: die Henne oder das Ei?

          Da trifft es sich gut, dass unlängst die 1996 zuerst erschienene Anekdoten-Sammlung „Sax oder nie! Die Bekenntnisse des Johnny Controletti“ (Panama Publications) des ehemaligen Lindenberg-Saxophonisten Olaf Kübler in zweiter, überarbeiteter Auflage herausgekommen ist. Dort wird gallenbittere Klage darüber geführt, dass längst in die Umgangssprache eingegangene Lindenberg-Zitate nach Art von „Alles klar auf der Andrea Doria“ in Wirklichkeit von jemand ganz anderem stammen, nämlich von Kübler selber, der als Hoflieferant und -narr einen „kreativen Vampirismus“ bedient hat: Man saß, meistens an der Theke, zusammen und ließ spontan etwas vom Stapel.

          Im Schlafsack im Studio

          Nach allem, was man so hört, war dies auch die Arbeitsweise, aus der die Platte „Stark wie zwei“ hervorgegangen ist: „Wir haben manchmal im Schlafsack im Studio geschlafen, wie in den alten Zeiten eben. Mit ordentlich Whisky oder Sonstigem wie die Hippies. Wir haben auch alle Synthesizer und alle Computer aus dem Fenster geschmissen, alles ging nur von blanker Hand, mit Seelenanschluss, alles live.“ So klingt die Platte auch.

          Lindenberg saß also beispielsweise mit Helge Schneider an der Bar des Hotel Atlantic, in dem er ja seit langem fest wohnt, und die beiden fragten sich witzelnd, ob es nicht unheimlich crazy wäre, mal als Hoteldetektiv unterwegs zu sein, mit Rex, dem Drogenschnüffelhund - fertig war „Chubby Checker“, ein sehr lustiges Lied, das von Schneiders Dadaismus mehr profitiert hat als von Lindenbergs doch nun schon etwas ausgelatschten Ganovengamaschen. Ansonsten herrschen ernste Töne vor, mit denen das seit alters her vertraute, aus Hermann-Hesse- und Jerry-Cotton-Lesefrüchten windschief zusammengezimmerte Denk- und Gefühlsgebäude aus Liebe, Suff, Sehnsucht und Erwähltheitsdünkel beschallt wird.

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