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TV-Show „Singing Bee“ : Schiefer die Töne nie klingen

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Die Moderatoren Oliver Petszokat (r.) und Senna (l.) prüfen in „Singing Bee” die Textsicherheit ihrer Kandidaten. Bild:

In der Karaoke-Show „Singing Bee“ treten mittelmäßig begabte Hobby-Sänger gegeneinander an, um 50.000 Euro zu gewinnen. Einzige Bedingung: Die Texte der vorgespielten Hits müssen auswendig gekonnt werden. Das ist ein bisschen wenig für eine gute Unterhaltungssendung.

          Wer erfolgreiches Fernsehen machen will, lässt sich am besten von den Erfahrungen anderer inspirieren. Zum Beispiel denen von RTL. Alle Jahre wieder zeigt der Sender eine neue Staffel „Deutschland sucht den Superstar“, und die lebt anfangs nicht davon, dass möglichst viele gute Sänger auf der Bühne stehen, sondern von den kuriosen Zeitgenossen, die sich mit bei ihrem Casting-Auftritt vor der Jury gründlich blamieren.

          Das bringt RTL zwar regelmäßig Ärger ein, weil diskutiert wird, ob das Fernsehen Menschen so bloßstellen darf - aber die Quoten sind phantastisch. Sobald nachher der eigentliche Wettstreit beginnt, ist alles nur noch halb so interessant. Und die Quoten sinken.

          Einfach die guten Sänger gleich weglassen

          Was liegt da näher als die guten Sänger von vornherein einfach wegzulassen? So in etwa funktioniert die neue Pro-Sieben-Show „Singing Bee“. Sechs Otto-Normal-Duschbarden stehen auf einer Bühne und müssen Hits, die von einer Band angestimmt werden, korrekt zu Ende singen: Udo Jürgens, Sugababes, DJ Ötzi.

          Wer singt am schiefsten? Das herauszufinden, ist die Aufgabe des Moderators.

          Auf eine tolle Stimme kommt es dabei nicht an, bloß darauf, dass der Text stimmt. Ein bisschen wie bei einer Oktoberfest-Gaudi mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad, bloß ohne Zelt drumherum. Andererseits: Warum soll das nicht funktionieren, wenn die halbe Nation inzwischen zuhause auf der Spielekonsole mit eingestöpseltem Mikrofon Karaoke übt? Na, ganz einfach: Weil dabei zuzusehen, wie sich Menschen mit schiefen Tönen blamieren, nur halb so lustig ist, wenn nicht die Gefahr besteht, dass man es nachher selbst noch schlechter macht.

          Zugedudelt werden lohnt sich doch

          Das Konzept zu „Singing Bee“ stammt aus Amerika, und für die deutsche Version macht Pro Sieben ein ganz beachtliches Preisgeld locker: 50.000 Euro kann derjenige gewinnen, der seine Gegenkandidaten weggrölt und sich nicht scheut, ein paar hunderttausend Leute zusehen zu lassen, wie er oder sie keinen Ton trifft. Es ist bloß schade, dass wegen des hohen Preisgelds offenbar kein Geld mehr übrig geblieben ist, das in die Produktion der Sendung gesteckt werden konnte.

          „Mein Name ist Olaf, ich singe für mein Leben gern, aber nicht schön“, hat einer der Kandidaten im Casting erzählt, und obwohl er es mit seiner Howard-Carpendale-Nummer anschließend nicht in die Show geschafft hat, muss Olaf zumindest ein gewisses Maß an Selbsterkenntnis zugestanden werden, das den meisten „DSDS“-Bewerbern fehlt. Stattdessen durften sich in der Auftaktsendung am Dienstagabend unter anderem Beatrice aus München, Stefan aus München, Theresa aus Zeitz und René aus Berlin beweisen. Der hat zum Schluss, weil er den Text des Prinzen-Hits „Millionär“ kannte, tatsächlich die Sofortrente abgesahnt. Da sag noch mal einer, es würde sich nicht lohnen, den ganzen Tag aus dem Radio zugedudelt zu werden.

          Der Notarzt wird schon nervös

          Moderiert wird der Spaß von Oliver Petszokat und Sängerin Senna, die seit ihrem Sieg bei der Castingshow „Popstars“ vor zwei Jahren gezwungen wird, mit ihrer Band Monrose durchs Land zu touren und alle paar Wochen in einer anderen Pro-Sieben-Sendung einen neuen „Hit“ vorzustellen.

          Für beide ist das bedauerlich. Petszokat hätte man gewünscht, dass ihm sein Haussender irgendwann mal eine richtige Show anvertraut, in der er seine durchaus vorhandene Begabung zur Selbstironie angemessen zelebrieren kann und nicht bloß den Aufsager spielen muss. Genau das ist in „Singing Bee“ aber wieder der Fall. „Danke, dass du's gebärdentechnisch gleich mitübersetzt hast“, scherzte er über die wilden Tanzbewegungen eines Karaoke-Kandidaten. Für mehr hat es nicht gereicht.

          Warum man Petszokat aber auch noch Senna an die Seite stellen musste, ist ein Rätsel. Na gut, die Frau kann vielleicht singen. Moderieren aber kann sie nicht - es sei denn, moderieren wird neuerdings dadurch definiert, jemanden so schnell sprechen und nach jedem Satz so hörbar nach Luft schnappen zu lassen, dass der Notarzt im Studio schon ganz nervös auf seinem Stuhl herumrutscht.

          „Ganz einfach, ganz easy, einfach locker“

          Immerhin, den angeheizten Zuschauern im Studio scheint das Spaß gemacht zu haben. „Isch lieb des, wenn die sisch so freuen“, babbelte Senna in breitestem Hessisch. Eine Dame aus dem Publikum hatte die Gelegenheit, gemeinsam mit Roberto Blanco „Ein bisschen Spaß muss sein“ zu Ende zu singen (was ihr leider nicht gelang), aber auch da war nicht klar, wer von beiden mehr Bedauern verdient hatte: Nicole, die dann doch keine 500 Euro zur Belohnung bekam, oder Roberto Blanco, der dazu verdammt ist, ständig als Geist seiner selbst durch schlechte Unterhaltungsshows zu touren.

          Produziert hat „Singing Bee“ die neue Pro-Sieben-Firma Red Seven Entertainment, die sich gerade auf günstigste Fernsehshows zu spezialisieren scheint. Vor kurzem scheiterte bereits die sehr uninspirierte Red-Seven-Produktion „Comedy Zoo“. Ach, wie traurig. Es gibt zwar sicher Schlimmeres im deutschen Fernsehen. Aber Volksfest-Gegröle zur Hauptsendezeit, das hätte Pro Sieben uns (und sich) ruhig ersparen können. „Ganz einfach, ganz easy, einfach locker und so“, lautete Sennas Motivationsspruch für die Kandidaten im Studio. Vielleicht hat sie beim nächsten Mal auch noch einen für die Zuschauer vor dem Fernseher übrig.

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