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Türkischer Protestrap : „Ich kann nicht schweigen“

Rapper Sehabe und Yeis Sensura im Musikvideo „Susamam“ Bild: Youtube

Die Türkei diskutiert über einen Rapsong, der von Missständen im Land handelt. Das Musikvideo zu „Susamam“ wurde schon über 20 Millionen Mal aufgerufen – auch von Mitgliedern der türkischen Regierung.

          2 Min.

          Fast 15 Minuten lang rappen und singen die 20 Künstler im Musikvideo zum Lied „Susamam“ – auf Deutsch „Ich kann nicht schweigen“ – über das, was sie an der Türkei stört. Es geht um Korruption, Polizeigewalt, Gewalt gegen Frauen und die Einschränkung der Meinungsfreiheit. „Hab keine Angst, komm mit mir. Der Tag wird kommen (...) Ich kann nicht schweigen“, heißt es im Refrain von Rapper Şanışer. Über 20 Millionen Menschen haben das Video bislang aufgerufen, rund 1,6 Millionen Menschen markierten ihn mit einem „Gefällt mir“.

          Şanışer, der mit bürgerlichem Namen Sarp Palaur heißt, ist der Produzent des Clips, der seit seiner Veröffentlichung für hitzige Debatten sorgt. Vor einem Monat rief der Künstler andere Musiker dazu auf, sich den politische Themen ihrer Zeit anzunehmen und sie musikalisch zu verarbeiten. Palaur kündigte den Song auf seinem Instagram-Account an: Als Werk von 20 Künstlern, die daran glaubten, mit ihrer Musik für mehr Umweltbewusstsein, Gerechtigkeit, Bildung, Gewaltlosigkeit und Tierschutz eintreten zu können.

          Im weißen Palast

          Am 5. September ging „Susamam“ online. Mit ihm, so heißt es unter den Künstlern, werde das Schweigen über die Missstände in der Türkei gebrochen. In einer Passage des Liedes rappt Şanışer: „Du hast deine Stimme nicht erhoben, also bist du selbst schuld.“ 

          Die Regierung und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan werden zwar nicht erwähnt – dennoch ist unmissverständlich klar, an wen sich die Worte der Musiker richten. „Du musst Geld haben oder jemanden kennen, die hohen Tiere müssen deine Nummer haben, du musst jemandem im weißen Palast kennen“, singt der Künstler Tahribadiisyan. Der weiße Palast, auf Türkisch „Ak Saray“, gehört zu den deutlichen Anspielungen im Song.

          Auch der in Berlin geborene und aufgewachsene Rapper Fuat Ergin ist an dem Rap-Video „Susamam“ beteiligt.

          Kritik an der türkischen Regierung zu üben, und sei es in Form von Versen und begleitet von Musik, ist ein riskantes Unterfangen: Im vergangenen Jahr saßen drei türkische Rapper wegen kritischer Verse monatelang in Untersuchungshaft. Das Risiko einer Strafverfolgung ist groß.

          Auch im Fall von „Susamam“ gab es Reaktionen. Der stellvertretende Ministerpräsident Hamza Dağ von der Regierungspartei AKP kommentierte das Musikvideo mit den Worten, Kunst solle nicht für Provokationen und politische Manipulation missbraucht werden. Die regierungsnahe türkische Zeitung „Yeni Safak“ ging mit ihrer Kritik noch weiter: Das Video sei ein gemeinsames Machwerk linksextremer Randgruppen, der kurdischen PKK sowie der Gülen-Bewegung.

          Unter dem Hashtag „Sustunuz“ („Ihr habt geschwiegen“) bemängeln islamisch-konservative Nutzer, dass sich die Musiker um Şanışer in ihrem Musikvideo weder gegen den Putschversuch von 2016 noch gegen den Terror der PKK ausgesprochen hätten.

          Immerhin der Rapper Şanışer gibt sich betont gelassen: „Hätte ich vorgehabt, in Angst zu verfallen, hätte ich dieses Lied und all meine vorherigen Lieder nicht produziert“, schrieb der Künstler drei Tage nach der Veröffentlichung des Songs auf Twitter.

          Fast wirkt es, als hätte sich Şanışer mit einem anderen türkischen Rapper abgesprochen. Der Musiker mit dem Künstlernamen Ezhel, der im vergangenen Jahr bereits mehrere Monate  in Untersuchungshaft saß, veröffentlichte zeitgleich mit „Susamam“ das Lied „Olay“. Darin zu sehen sind Aufnahmen von Protesten der vergangenen Jahre – auch der während des Putschversuchs am 15. Juli 2016. Wer weiß, wer als nächstes einen Song schreibt.

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