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Die Rapperin 070 Shake : Alleinsein fühlt sich manchmal einsam an

  • -Aktualisiert am

Die Sängerin 070 Shake, 22, benannt nach den ersten drei Ziffern der Postleitzahl ihres Heimatbezirks in New Jersey. Bild: Universal

Warum nicht den Herzschmerz und all die Traurigkeit mit Euphorie besingen? Ein Treffen mit der Rapperin und Sängerin 070 Shake aus New Jersey.

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          Kurz vor dem Ende des Konzerts macht 070 Shake eine Pause zwischen zwei Liedern und sagt: „We gonna be okay, all right?“ Da sind ihre Haare schon klatschnass und die meisten im Berliner Club „Bi Nuu“ fast genauso verschwitzt. Wie soll man das übersetzen? Es wird schon gut werden, okay? Bei der Sängerin klingt der Satz so, als könne er alles sein: ein Versprechen ans Publikum, eine Erinnerung für sich selbst, eine zweifelnde Frage, auf die sie von irgendwo ein Ja hören will.

          Danielle Balbuena aus New Jersey ist eine Musikerin, wie es auch 2020 nicht viele gibt. Sie hat absolut keine Lust, sich als Sexobjekt, ja, überhaupt in einer klaren Rolle zu inszenieren. Oft trägt sie Lederjacketts, schwere Metallketten und Plateauschuhe. Mit zweiundzwanzig hat sie eine Stimme, als hätte sie ihr Leben lang Whiskey und den Aschenbecher vom Vorabend gefrühstückt. Zeigt man im Freundeskreis ein Video von ihr, kommt meist als erste Reaktion: Wer ist der Typ?

          Eine Art von Freiheit

          Anfang 2016 fiel sie auf einem Song der Crew 070 auf, benannt nach den ersten drei Ziffern der Postleitzahl ihres Heimatbezirks North Bergen in New Jersey. „Freestyle“ heißt das achtminütige Lied, auf dem sich die Mitglieder vorstellten, und die Jungs machten den Fehler, dass sie der Frau in der Crew den Vortritt ließen. Wie die achtzehnjährige 070 Shake im Video auf der Tribüne eines Sportplatzes sitzt und die Typen neben sich innerhalb der ersten zwei Minuten dermaßen in Grund und Boden rappt, dass deren Strophen danach bloß noch wie Werbung für sie wirken – das macht bis heute Spaß, anzusehen. Die Namen der anderen Crewmitglieder sind vergessen, 070 Shake bekam einen Vertrag bei „G.O.O.D. Music“, dem Label des Musikwahnsinnigen Kanye West.

          Sie wird ein Tipp bleiben

          Die EP „Glitter“ erschien, auf der 070 Shake schon weniger rappte und mehr sang, düstere Texte, aber mit catchy Melodien, sodass man sich erschrocken dabei ertappte, Zeilen über Selbstmordfantasien mitzusummen. Anders als einige männliche Rapper machte 070 Shake jedoch nie den Eindruck, sich im Selbstmitleid zu suhlen oder aus ihren psychischen Problemen eine Posse zu machen, sondern wirklich wegkommen zu wollen von den Drogen und Depressionen. 2018 sorgte sie auf Kanye Wests Album „Ye“ für eine der wenigen im Gedächtnis gebliebenen Stellen. Auf dem Song „Ghost Town“ sang sie: „And nothing hurts anymore, I feel kinda free“. Frei fühlte sie sich nicht. Irgendwie frei.

          Nach Gastauftritten bei den Großen, vom Rap-Altmeister Nas zur Popqueen Beyoncé, hat 070 Shake vor zwei Wochen ihr seit Langem angekündigtes Debüt veröffentlicht. „Modus Vivendi“ heißt das Album, und vom Rap ist da bloß noch seine rohe Aggro-Energie übrig. Auf manchen Liedern klingt 070 Shake jetzt eher nach den Balladen ihres Vorbilds Alicia Keys, motivierende Powersongs, die in Stadien funktionierten. Ganz nach oben in die Charts hat sie ihr Debüt trotzdem nicht gebracht, sie wird ein Tipp bleiben, den man im Freundeskreis teilt, wie in den letzten Jahren.

          Koexistenz widerstreitender Kräfte

          „Ich bin zweiundzwanzig und mit meinem ersten Album auf Welttournee. Wenn bloß zehn Leute zu meinen Shows kämen, wäre ich dankbar“, sagt sie vor dem Konzert in Berlin. Sie sitzt auf einem Ledersofa beim Label Universal, um sie herum vier Jungs ihrer Entourage. Auf die linke Schläfe hat sie ein „070“-Logo tätowiert. 070 Shake spricht sehr leise und sehr wenig, und sie hat keine Lust, ihre Musik zu erklären. „Ich denke nicht viel darüber nach, wie ich klinge. Was herauskommt, kommt heraus.“

          Natürlich muss sie in Wahrheit sehr genau überlegt haben, wie ihr Debüt klingen soll. Die Stimmverzerrungen, von denen sich kaum mehr sagen lässt, was das ist (Autotune?, Halleffekte?), die Stile der Songs zwischen Trap, Achtzigerjahre-Synthesizer-Pop und dem Experimentalrock von Pink Floyd, deren „The Dark Side of the Moon“ 070 Shake während des Aufnehmens oft hörte, der Albumtitel „Modus Vivendi“: Alles wirkt sehr durchdacht, versessen nach Sounddetails und Popkulturreferenzen.

          Der lateinische Begriff „Modus Vivendi“ beschreibt die friedliche Koexistenz widerstreitender Kräfte, eine Art Friedensvertrag, oft temporär. Das passt. Für vierzehn Songs bringt 070 Shake ins Gleichgewicht, was man bisher selten zusammen gehört hat: dunkle Texte und leichte Melodien; Samples aus einer Zeit, in der sie lange nicht geboren war, mit gegenwärtigen Themen wie der Art Beziehung, die nie Beziehung heißt und jederzeit mit einer Chatnachricht enden kann; die Hoffnungslosigkeit und die Hoffnung. Ein Schwebezustand, immer neu und bloß vorübergehend festzulegen, fragil und schön.

          So einsam wie Billie Eilish

          Ein einziges Mal während des Interviews zeigt 070 Shake doch so etwas wie eine Gefühlsreaktion. Bei der Frage, was sie vom Begriff Emo-Rap halte, der oft in Rezensionen ihrer Musik auftaucht und sie in eine Reihe stellt mit den, sehr jung verstorbenen, Künstlern Lil Peep, XXXTentacion und JuiceWRLD, die über ihr dunkles Innenleben rappten und sangen. Shake schaut in Richtung ihrer Crew. Dann lacht sie. „Wir haben uns erst vorhin über das Emo-Rap-Label lustig gemacht.“ Eine junge Latina mit Gesichtstattoo, die über Beziehungen und Einsamkeit singt, macht halt Emo-Rap. Eine junge Weiße wie Billie Eilish, die aus einer Künstlerfamilie kommt und über Beziehungen und Einsamkeit singt, wird zum Star im Pop.

          Dabei fingen sie ähnlich an, auf der Streaming-Plattform Soundcloud luden sie Lieder hoch, und eine Zeitlang schrieben die beiden einander, bevor Billie Eilish der Weltstar wurde, der sie heute ist. 070 Shake wuchs nach der Scheidung ihrer Eltern mal bei ihrer Mutter, mal bei einer Tante, mal bei der Großmutter auf. Sie schwänzte die Schule, bekam das amphetaminhaltige Aufputschmittel Adderall gegen ADHS und war mit dreizehn tablettenabhängig. Wenn sie im Loch war, hörte sie Frank Ocean, Alicia Keys, Radiohead und das genresprengende Album „Man on the Moon“ von Kid Cudi, einer früheren Entdeckung Kanye Wests, heute 070 Shakes Labelkollege. Sie schrieb Gedichte, dann sprach sie ihre Texte über Beats von Drake, dem kanadischen Star selbstzentrierten Singsang-Raps.

          Euphorie statt Introspektion

          „Allein zu sein fühlt sich manchmal ganz schön traurig und einsam an“, sagt 070 Shake während ihres Konzerts in Berlin. „Kennt ihr das Gefühl? Bitte sagt mir, dass ich nicht die einzige bin.“ Das Publikum jubelt. Nein, als junger Mensch (sowie generell als Mensch) kann man dieses Gefühl wirklich nicht nicht kennen, und wenn nicht von sich selbst, dann zumindest von anderen. Um Einsamkeit, Traurigkeit, Isolation, Depression, Fremdheit dreht sich ja ein Großteil der Popkultur der letzten Jahre: die tiefschwarzen Texten des sogenannten Emo-Rappers XXXTentacion, der minimalistische Pop von Billie Eilish und The Weeknd, selbst die traurig-nachdenklichen Blicke der Eboys auf der Musikplattform Tiktok. Alle wollen zeigen, wie sie sich fühlen, und die Antwort ist meist: nicht so gut.

          Auch auf „Modus Vivendi“ singt 070 Shake auf verträumten Beats gehauchte Zeilen wie: „My mind won’t let me rest, voice in my head.“ Der Unterschied ist, dass ein Song wie „Guilty Conscience“, der mit diesem Satz beginnt, dann ganz anders weitergeht. Keine Introspektion, ein Ausbruch. 070 Shake erwischt ihre Liebe mit jemand anderem, aber statt deshalb in Selbstmitleid zu versinken wie Drake oder The Weeknd, klingt sie – erleichtert. Euphorisch. So mitreißend, man will dazu tanzen. „I caught you but you never caught me.“ Ich habe dich erwischt, aber du hast mich nie beim Fremdgehen erwischt. Tschüss, mein schlechtes Gewissen.

          Im Prinzip handelt „Modus Vivendi“ fünfundvierzig Minuten lang vom Spannungsverhältnis von Freiheitsdrang und dem Wunsch nach echter Nähe. 070 Shakes namenloses weibliches Gegenüber dürfte das Instagram-Model Sophia Diana Lodato sein, vermutlich ihre Freundin. Wie soll man jemandem vertrauen, wenn man dieser Jemand selbst nicht alles von sich geben will? Geht das überhaupt, eine monogame Beziehung auf Dauer? 070 Shake beantwortet keine dieser Fragen, wie auch, aber sie kommt zu dem versöhnlichen, schön pathetischen Schluss: „Ich fühle mich frei in deinem Gefängnis.“

          Natürlich könnte sie ihre Sexualität mehr in den Vordergrund stellen, als lesbische Rapperin, die sich weigert, den ultrasexy Pornodarstellerinnenlook von weiblichen Rap-Stars wie Cardi B zu übernehmen. Ein Gegenmodell werden zu Sängerinnen wie Ariana Grande und Taylor Swift, die sich immer noch im hautengen Lack-Body auf die Bühne stellen, was man für emanzipiert, Kalkül oder beides halten kann. Eine Identifikationsfigur sein wie Billie Eilish für junge Frauen, die lieber in der Männerabteilung einkaufen. Oder nicht verstehen, warum es noch Frauen- und Männerabteilungen gibt. Aber 070 Shake sagt: „Das ist nichts Politisches. Ich bin nicht schwul. Ich mag Frauen.“

          Bloß kein Logo an sich kleben, das sie wieder abreißen muss. Nicht die lesbische Rapperin sein. Weder lesbisch noch Rapperin. Keine Geschichten über die kaputte Kindheit, nur Andeutungen ihrer Probleme jetzt. Keine Inszenierung (was natürlich auch eine Inszenierung ist). Frei sein und unbestimmt und Lieder singen, zu denen beides geht, die Decke über den Kopf ziehen und trotzdem tanzen.

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