https://www.faz.net/-gqz-770qr

Tony Sheridan ist gestorben : Dabei statt mittendrin

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Er hat die Beatles auf den Weg gebracht und den Young-Brüdern von der Hardrockgruppe AC/DC das Gitarrespielen beigebracht. Dem großen Ruhm ist er lieber ausgewichen. Zum Tod von Tony Sheridan.

          Es war Glück und Pech zugleich für Tony Sheridan, dass er in die Leerstelle hinein stieß, die der Rock’n’Roll um 1960 ließ: Glück, sofern diese seltsame Flautezeit, in der sich zwischen England und Hamburg allerlei zusammenbraute, einem Talent wie ihm Gelegenheit bot, sich relativ ungehindert und ohne erdrückende Konkurrenz zu entfalten; Pech, sofern seine wichtigsten Schützlinge eben die Beatles waren, denen er geduldig den letzten Schliff an den Gitarren verpasste, die ihn dann natürlich schnell hinter sich ließen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Hätte aus Tony Sheridan nicht mehr werden können als dieser wichtige Steigbügelhalter der zweiten Rockgeneration? Nach seinem zögerlichen Verhalten in jener aufregenden Zeit, als er mit den Beatles Bühne und Wohnstadt teilte, befragt, äußerte er einmal, er habe Angst vor dem Ruhm gehabt. Man muss das nicht als Schutzbehauptung eines Musikers abtun, der ahnte, dass es zur ganz großen Karriere ohnehin nie gereicht hätte.

          Eine erste Ahnung

          Darüber sollen seine Pionierleistungen nicht vergessen werden. Tony Sheridan war der erste Engländer, der überhaupt mit einer elektrischen Gitarre auftrat, nachdem er Gene Vincent und Eddie Cochran schon als Teenager begleitet hatte. Die Legende will es, dass bei der für Cochran tödlich endenden Taxifahrt am 17. April 1960 eigentlich auch Sheridan hätte im Auto sitzen sollen, aber wegen seiner Unpünktlichkeit nicht mitgenommen worden war - man denkt sofort an die anderen durch Zufall Davongekommenen: Waylon Jennings, der fast bei Buddy Holly mit im Flugzeug gesessen hätte; Eric Clapton, der Stevie Ray Vaughans Hubschrauber nicht bestiegen hatte.

          Tony Sheridan war auch einer der Ersten, die ahnten, dass der neue Rock’n’Roll wieder nur als Stilkonglomerat eine Zukunft haben würde, legte seine frühen, mit den noch unbekannten Beatles scheppernd eingespielten Hits „My Bonny“ und „Skinnie Minny“ (1961/62) als Mixtur aus Rock, Skiffle, Schlager und Shanty an und bewies als Sänger wie Performer beachtliche Präsenz. Der Rest ist Geschichte. Sheridan unterhielt gegen Ende des Jahrzehnts Vietnam-Truppen, machte beim NDR eine beliebte Radiosendung und nahm mit Elvis Presleys alter Band 1978 eine Platte auf, ein entspannter, am Ende wohl doch zu unambitionierter Globetrotter, dessen Kreativität lahmgelegt wurde, sobald kommerzieller Druck ins Spiel kam.

          Was für ein bedeutender Lehrer er war, ermesse man daran, dass er auch den kleinen Young-Brüdern von der Hardrockgruppe AC/DC bei einem seiner australischen Gastspiele das Gitarrenspiel beibrachte. Nun ist Anthony Esmond Sheridan McGinnity zweiundsiebzigjährig in seiner norddeutschen Wahlheimat gestorben.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Spider-Man vor Marvel-Aus

          Sony gegen Disney : Spider-Man vor Marvel-Aus

          Im Poker um die Fortführung der erfolgreichen Spider-Man Reihe mit Kevin Feige als Produzent steckt Konfliktpotenzial. Disney will mehr Geld, Sony nicht erpresst werden. Derweil verlieren Fans im Netz die Nerven.

          Topmeldungen

          Venedig will mit einer Gebühr gegen den Gästeansturm ankommen.

          Overtourism : Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Ob Venedig oder Barcelona – viele Städte werden von Touristen überrannt. Auch in Deutschland gibt es Probleme: 2018 kamen 1,6 Millionen Touristen allein aus China. Lösungen gibt es nicht.
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.
          Klara Geywitz will nicht die zweite Geige neben Olaf Scholz spielen.

          Neues SPD-Duo stellt sich vor : Mehr als ein dekoratives Salatblatt

          Die brandenburgische Landtagsabgeordnete Klara Geywitz ist nicht gerade bekannt, will aber im Team mit Olaf Scholz SPD-Vorsitzende werden. Bei einer Pressekonferenz stellte Geywitz klar, dass sie nicht bloß Dekoration ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.