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Tom Waits : Der Sänger ist immer der Gefühlsgärtner

  • -Aktualisiert am

Vielleicht wichtigster Außenseiter der Musikszene: Tom Waits in Berlin Bild: AP

Die Trinkertristesse mit warmem Bier und kalten Frauen hat Tom Waits durch gesundheitsbewußtes Familienleben ersetzt. Auf der Bühne aber wirkt die Kunstfigur „Tom Waits“ stärker denn je: ein triumphales Konzert in Berlin.

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          Einer muß den Müll wegschaffen, die alten Pop-Mythen, die unter einer dicken Staubschicht begraben liegen, den illusionären Dreck eines alles erlösenden Rock 'n' Roll, den ganzen Gefühlsschrott von Sehnsuchtsmelodien. Alle paar Jahre macht der Klabautermann des Röchel-Blues seine Runde. Tom Waits fängt mit Vorliebe Verfallsgeschichten ein und fragt: „Wie sieht die Nachtseite der strahlenden Tagträume aus?“

          Der Vierundfünfzigjährige ist mit seiner verwunschenen Wahrnehmung zum Chronisten von Katastrophen avanciert. Die Idylle ist ihm unheimlich. Wo andere träumen, sieht er nur die schäbigen Kulissen, in denen sich Selbstbetrug ereignet. Der ehemalige Platzanweiser, Pizzabäcker, Taucher, Feuerwehrmann und Autowäscher ist zum vielleicht wichtigsten Außenseiter der Musikszene gereift - Straßenprediger, Privatdetektiv und grotesker Gefühlsgärtner in einer Person: „Manchmal pflücke ich mir ein paar neue Songs von den Büschen am Wegesrand, spiele sie aber nicht, sondern begrabe sie im Garten und buddele sie erst ein Jahr später wieder aus. Dann haben sie den nötigen Abstand zur Zeit ihrer Entstehung.“

          Ernste Arbeitsatmosphäre

          Kürzlich hat Waits wieder eine Grabungsaktion beendet und auf dem neuen Album „Real Gone“ dokumentiert. Die Frage nach dem Reifegrad der neuen Lieder versuchte er jetzt während seines einzigen Deutschland-Gastspiels in Berlin zu beantworten. Im plüschigen Theater des Westens herrscht auf der Bühne ernste Arbeitsatmosphäre.

          Vielleicht wichtigster Außenseiter der Musikszene: Tom Waits in Berlin Bilderstrecke

          Schon mit dem einleitenden Flehen „Make it rain!“ entlarvt sich Waits als Übertreibungsspezialist. Immer wieder schlägt er mit Krallenhänden nach dem Publikum, sticht mit den Fingern in die Luft, als wollte er böse Zeichen bannen, knickt mit linkisch abgewinkelten Beinen ein und zelebriert die Kunst des Ungelenken. Manisch vibrierend, den ganzen Körper in wilden Zuckbewegungen mühsam zähmend, krächzt und faucht er wie ein wundes Tier. Nie zuvor hat man den Extremsänger so hemmungslos erlebt.

          Irritierende Inbrunst

          Zwischen Captain Beefheart und den „Einstürzenden Neubauten“ ist heute seine irritierende Inbrunst angesiedelt. Kongenial untermalt die Begleitband mit altgedienten Eigenbrötlern wie dem Gitarristen Marc Ribot und Larry Taylor am Baß die rückhaltlose Präsenz des mürrischen Mannes. Das Schratige als Pop-Prinzip: Immer wieder scheint sich Waits mit seinem schlenkernden Marionetten-Körper in den selbstgesponnenen Fäden zu verheddern.

          Auch die Band reduziert sich dann auf ein präzise klapperndes Gerippe. Mit hohlem Pochen und rotierenden Geräusch-Loops sorgt der Schlagzeuger Brain Mantia für schleifende Sogwirkung. Und wenn es dann zuviel wird mit all dem Schaben und dumpfen Schlagen, mit dem Kult ums Monströse und Defekte, wird Waits plötzlich zum Herzensbrecher der Halbwelt. Mit zartem Zupfen auf Akustikgitarren und sanften Baßlinien erlöst er das Publikum mit einer zerbrechlichen Ballade. Die kann, wie in dem neuen Titel „The Day after Tomorrow“, auch schon mal vom Heimweh eines im Irak stationierten amerikanischen Soldaten handeln.

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