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Tom Jones zum Siebzigsten : Jeder Song ist ihm ein Balzritual

  • -Aktualisiert am

Der Tiger brüllt: Tom Jones macht seinem Beinamen alle Ehre Bild: dpa

Eine unschlagbare Mischung: Der ehemalige Staubsaugervertreter kombiniert den neuen Beat mit Harmonien öliger Schlagerbarden. Tom Jones' Gesang machte die banalsten Söngchen zur erotisierenden Sensation. Heute wird der Tiger 70 Jahre alt.

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          Anfang der sechziger Jahre zerrieselte das mentale Empire der englischen Middle- und Upperclass wie eine trockene Sandburg im Wind. Es begann kaum merklich 1959 mit Cliff Richard, der seinen Elvis-Stil noch mit Sonnyboy-Gehabe tarnte. Doch dann fegten die Beatles heran, eine Liverpooler Vorstadtbande, die immerhin noch bedarfsweise kleinbürgerliche Wohlerzogenheit aktivierte. Was gleich darauf die Rolling Stones, ebenfalls Kleinbürgersöhne, verweigerten und stattdessen ununterbrochen böse Buben à la Clockwork Orange gaben. Den endgültigen Fall jedoch brachte 1964 ein walisischer Bergarbeitersohn und ehemaliger Staubsaugervertreter, der den neuen Beat mit Harmonien öliger Schlagerbarden kombinierte: Tom Jones eroberte mit „It’s not Unusual“ die englische Hitparade.

          Unwiderstehlich war nicht nur die Mixtur aus sämigem Schlager und aufpeitschendem Jazzbeat, sondern vor allem die Stimme. Guttural, durchdringend, ein kratziger Bariton, fähig zu extremen Höhen und Tiefen. Dem Establishment verschlug sie die Sprache. Nur einem nicht: Prinzgemahl Philip, selten um eine Taktlosigkeit verlegen, kommentierte einen Auftritt des Proleten im immer zu knapp sitzenden Anzug, zu dicken Siegelringen und Goldkettchen, mit der Bemerkung, der Kerl singe nicht, sondern gröle, als gurgele er regelmäßig mit Kieselsteinen.

          Tom who?

          Der ewige königliche Gatte hatte recht, verkannte aber (oder erkannte nur zu gut), was dieses Organ bewirkte: Tom Jones’ Gesang machte die banalsten Söngchen zur erotisierenden Sensation. „What’s New Pussycat“ zum Beispiel, eigentlich eine dämliche Hommage an alle Weibchen, denen Puderquaste, Lippenstift und Hüftschwung den Verstand ersetzen, wurde 1965 dank dem testosteronstrotzenden und ironietriefenden Jones-Vibrato zum doppelbödigen Vergnügen. Ähnlich 1968 der Rockwaltz „Delilah“, die Kapitulation eines Übermannes vor dem Vamp. Oder „Help Yourself“, wörtlich genommen der Slogan eines Callboys, bei Tom Jones Musik gewordene Omnipotenzphantasie. Dass seine vokalen Zündeleien über Sein oder Nichtsein dieser Songs entschieden, zeigt der Vergleich mit den deutschen Versionen Peter Alexanders, in denen sie zu Hits für nette Schlagerherren von nebenan mutierten. Dass wiederum Tom Jones nicht auf vertonten Sex zu reduzieren war, bewies 1966 sein Vorstoß ins Country-Genre. „Green, Green Grass of Home“, das Lied vom heimwehkranken einsamen Wolf, brachte ihm nicht nur Spitzenplätze in den europäischen und amerikanischen Charts, sondern enthält so viel musikalische Qualitäten, dass sogar die madonnenhafte Nana Mouskouri mit einer melancholischen französischen Version des Lieds in Paris reüssierte.

          Roger Moore und Tom Jones wurden 1999 von der Queen geehrt
          Roger Moore und Tom Jones wurden 1999 von der Queen geehrt : Bild: picture-alliance / dpa

          Trotzdem blieb Tom Jones eine Art singender viriler Trieb. So war es nur eine Frage der Zeit, bis Amerika und insbesondere Las Vegas ihn für sich beanspruchten. Anfang der siebziger Jahre war es so weit. Mit dauergewellter Lockenpracht, dito Brustbehaarung, in noch engeren Glitzeranzügen und mit penetrant eindeutig zweideutigem Hüftrollen füllte „The Tiger“ jahrelang die Konzertsäle von Caesar’s Palace bis Desert Inn, scheffelte Gagen – und ließ die Studioarbeit schleifen. Nur selten, wie mit „She’s a lady“ und „I, Who Have Nothing“, zeigte er, dass ihn Amerika dem Soul und Rhythm & Blues noch näher gebracht hatte.

          Tom who? Kurz bevor die Karriere diesen Punkt erreichte, kam 1999 „Burnin’ Down the House“. Sich von den Cardigans mitreißen lassend, klang der Neunundfünfzigjährige explosiver denn je. Im Jahr 2000 erschien, genauso vibrierend, „Mama Told Me not to Come“. Zwischen diesen beiden Erfolgen lag „Sex Bomb“, der Superhit, mit dem ihn nicht nur die alten Anhänger wieder identifizierten, sondern mindestens zwei Generationen, die zuvor nur gerüchteweise von Tom Jones gehört hatten. Jones hatte vor der Aufnahme darauf bestanden, den Text von „I’m a sex bomb“ in „You’re my sex bomb“ abzuändern. Das hat wenig mit den Vorbeugestrategien eines sich dem Rentenalter Nähernden zu tun, sondern viel mit Würde und daraus resultierender Selbstironie.

          Dennoch klingt fast jeder Jones-Song weiterhin wie die (kalkuliert dürftig) verbrämte Transformation eines Beischlafs. Doch aus einem ewig das Vulgäre schrammenden Mister Doolittle ist ein Professor Higgins zeitloser Leidenschaft geworden. Wer wissen will, wohin es Mann jederzeit treibt, hört Tom Jones, vorzugsweise seine neuen abgeklärten Alben. „Seine Stimme“, so die Rocklexika, „reicht vom Dis (über dem Contra-C) über fast drei Oktaven bis hin zum D oberhalb des doppelt gestrichenen C.“ Heute wird der Mann siebzig Jahre alt, und es hat sich nichts an seiner Stimme geändert – die Lebenserfahrung, die hinzugekommen ist, misst sich nicht in Oktaven.

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