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Tom Jones : Der Tiger mit der kugelsicheren Weste

  • -Aktualisiert am

Tom Jones in seinem Element Bild: AP

Der Mann mit den Goldkettchen und der Solariumbräune hat trotz seiner achtundsechzig Jahre nichts an Strahlkraft verloren: Tom Jones lässt auf „24 Hours“ die Jukebox dröhnen, bis die Koteletten brennen. Es ist sein bestes Album seit vierzig Jahren.

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          Man muss es erst einmal schaffen, einen ganz normalen Raum so zu betreten wie Tom Jones. Aber wenn man sein Leben lang Showtreppen heruntertänzelt und breite Casino-Bühnen auf- und abgeschritten ist, dann ist die Kunst des großen Auftritts wohl irgendwann ins Blut übergegangen.

          Und jetzt kommt er also durch die Tür einer Suite im Kölner Hotel Hyatt, und es wirkt fast, als beträte mit ihm eine ganze verblasste Epoche des Showgeschäfts das Zimmer.

          Jones schafft es, mehrere goldene Ketten und Armbändchen sowie eine dicke blau getönte Sonnenbrille zu tragen und trotzdem nicht wie eine Karikatur zu wirken. Im Gegenteil: Er wirkt äußerst einnehmend. Im Grunde sieht Tom Jones aus wie ein schwerreicher Box-Promoter; er ist groß, schwer höhensonnenversengt, und nach seinem markigen Händedruck möchte man erst mal zur Kur fahren. In die Innenseite seines goldenen Armkettchens ist womöglich ein Frauenname eingraviert. Er spricht auch wie ein Box-Promoter: laut und tief, die Stimme erinnert an etwas, das man so donnernd zuletzt bei einer werkgetreuen „Götz von Berlichingen“-Aufführung gehört hat. Und eigentlich singt er auch wie ein Box-Promoter.

          Drei Oktaven umfasst Tom Jones Stimme
          Drei Oktaven umfasst Tom Jones Stimme : Bild: AP

          Er will nicht nostalgisch sein

          Wer dieser Tage unvorbereitet auf einen Song aus dem neuen Tom-Jones-Album stößt, der mag zunächst einem Fehlschluss unterliegen: Ach, hör mal - noch so ein wildes Mädchen, das so schönen Sixties-Soul-Pop macht wie Amy Winehouse und Duffy. Dabei kommt Tom Jones, der 1940 als Thomas Jones Woodward im walisischen Pontypridd zur Welt kam, neben Dusty Springfield wohl die Patenrolle für diesen funkensprühenden Beat-Soul und charmanten Cocktail-Pop zu.

          Doch auch wenn auf der neuen Platte „24 Hours“ die Sechziger-Jukebox dröhnt, bis die Koteletten brennen - Nostalgie interessiert Jones nicht: „Es ist mir wichtig, dass ich nicht herumsitze und mich erinnere, sondern weiter jeden Tag neue Erinnerungen erschaffe“, sagt er mit dieser schweren Anpacker-Stimme. „Ich bin heute ein besserer Sänger - und ein besser Mensch, ich möchte keinesfalls noch einmal achtzehn sein.“

          Operationsnarben unter'm Bart

          Dies sagt ein Mann, der sich vor einigen Jahren einer kosmetischen Operation unterzogen hat. „Nun“, sagt Jones, „als Thomas Woodward hätte ich das vermutlich nicht getan. Aber ich sehe das pragmatisch: Im Showgeschäft wird man viel fotografiert und muss so gut aussehen wie möglich. Mein Arzt in Los Angeles sagte: ,Das Wichtigste ist, dass Sie danach noch aussehen wie Tom Jones.' Also habe ich mir die Falten an den Augen entfernen und Fett unter den Wangen absaugen lassen. Und um die Narben zu verbergen, trage ich jetzt diesen Bart. Mein Vater hatte auch so einen - aber er hatte keine Narben drunter“, sagt Tom Jones und gluckst kehlig.

          Man merkt schnell, dass es womöglich nichts gibt, worüber er nicht zu sprechen bereit wäre. Dazu ist er auch zu lange dabei, und für falsche Behutsamkeiten hat er sein Tigerbadehosen-Image stets zu gerne bedient.

          Bergarbeitersohn mit 3-Oktavenstimme

          Die Karriere dieses Mannes begann 1964, als er von dem Agenten und Songschreiber Gordon Mills entdeckt und nach London geschleppt wurde. Mills erkannte, dass der Mann mit der Knapp-3-Oktaven-Stimme und dem wüsten Bühnengebaren eine große Nummer werden könnte - und behielt recht: Gleich die zweite, von Mills mitgeschriebene Single „It's Not Unusual“, ein knapp zweiminütiges cleveres Popkleinod, wurde ein Nummer-1-Hit. Es folgten weitere stilvolle Gassenhauer: „What's New, Pussycat?“, „Thunderball“, „Green, Green Grass Of Home“, „Detroit City“ und „Delilah“.

          Tom Jones' Größe kann man recht gut an seinen B-Seiten ablesen: Einen Song wie Burt Bacharachs enorm kniffliges „Promise Her Anything“ brachte nur Jones so souverän nach Hause. Seine Hits und die überschäumenden, selbstironischen Bühnenshows schlossen die Lücke zwischen der Beatlemania und großen Croonern wie Sinatra oder Andy Williams. Der Bergarbeitersohn mit der schwarzen Stimme war der Smoking-Sänger des kleines Mannes - und der großen Mädchen.

          Das Image sollte nicht alles sein

          Es war 1968 in New York, als weibliche Fans anfingen, erst Zimmerschlüssel und dann Unterwäsche auf die Bühne zu werfen. Jones ließ sich nicht lumpen, trank bei seinen Shows Champagner aus Damenschuhen und verbrachte fast ebenso viel Zeit mit launigem Flirten und Sprücheklopfen wie mit Singen.

          Ist er ein Opfer seines Images? „Mir wurde das erst klar, als ich Kritiken über mich las. Da stand dann oft mehr über das Geschrei und das Unterwäschewerfen als über meine Stimme. Ich wollte immer eine gute Show abziehen, aber ich wollte nie, dass mein Image alles übernimmt.“

          „Ich war immer diskret“

          Dass er in seiner wilden Zeit kein Kind von Traurigkeit war, kann man sich aber denken. Dennoch ist er seit einundfünfzig Jahren, seit dem sechzehnten Lebensjahr, mit seiner Frau Linda verheiratet, mit der er einen Sohn hat. Ihr ist die bebende Ballade „The Road“ gewidmet: „The road always leads back to you.“

          War seine Frau denn niemals verletzt von all den Damengeschichten? Er lächelt und reibt mit seinen großen Händen auf der Tischplatte umher; wenn er so aussieht, möchte man am liebsten, dass er an Weihnachten zum Essen kommt. „Doch, sie war verletzt. . ., aber ich war immer diskret. Ich habe nie etwas vor ihrer Nase getan. Und sie hat immer klar gesagt: Ich habe Thomas Woodward geheiratet, nicht Tom Jones. Trotz allem haben Linda und ich nie unsere Nähe und unseren gegenseitigen Respekt verloren. Ich wollte sie niemals verlassen und sie mich nicht. Nie.“

          Das erste Mal Autor

          „24 Hours“ ist Tom Jones' bestes Album seit Ende der Sechziger - und das erste, an dem er als Autor mitschrieb. Es beginnt als Partyplatte und wird in der zweiten Hälfte immer ernster, manchmal fast düster. Jones singt - wie immer ein wenig zu dick aufgetragen, aber gerade deshalb ja so reizvoll - von Vergänglichkeit, vom Alter und vom Tod. Und er singt Bruce Springsteens „The Hitter“. Manchmal hat man fast den Eindruck, es wäre ein gemeinsames Album von Tom Jones und Thomas Woodward.

          Nein, sagt er, Angst vorm Tod habe er nicht. „Ich fühle mich heute mit achtundsechzig ziemlich kugelsicher. Das ist ein gutes Alter - freuen Sie sich drauf!“ Dann gibt es noch einmal einen festen Händedruck, und als er geht, fragt man sich schon, ob das gerade Thomas Woodward oder Tom Jones war.

          Tom Jones, 24 Hours. S-Curve 7944866 (EMI)

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