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Tom Jones : Der Tiger mit der kugelsicheren Weste

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Die Karriere dieses Mannes begann 1964, als er von dem Agenten und Songschreiber Gordon Mills entdeckt und nach London geschleppt wurde. Mills erkannte, dass der Mann mit der Knapp-3-Oktaven-Stimme und dem wüsten Bühnengebaren eine große Nummer werden könnte - und behielt recht: Gleich die zweite, von Mills mitgeschriebene Single „It's Not Unusual“, ein knapp zweiminütiges cleveres Popkleinod, wurde ein Nummer-1-Hit. Es folgten weitere stilvolle Gassenhauer: „What's New, Pussycat?“, „Thunderball“, „Green, Green Grass Of Home“, „Detroit City“ und „Delilah“.

Tom Jones' Größe kann man recht gut an seinen B-Seiten ablesen: Einen Song wie Burt Bacharachs enorm kniffliges „Promise Her Anything“ brachte nur Jones so souverän nach Hause. Seine Hits und die überschäumenden, selbstironischen Bühnenshows schlossen die Lücke zwischen der Beatlemania und großen Croonern wie Sinatra oder Andy Williams. Der Bergarbeitersohn mit der schwarzen Stimme war der Smoking-Sänger des kleines Mannes - und der großen Mädchen.

Das Image sollte nicht alles sein

Es war 1968 in New York, als weibliche Fans anfingen, erst Zimmerschlüssel und dann Unterwäsche auf die Bühne zu werfen. Jones ließ sich nicht lumpen, trank bei seinen Shows Champagner aus Damenschuhen und verbrachte fast ebenso viel Zeit mit launigem Flirten und Sprücheklopfen wie mit Singen.

Ist er ein Opfer seines Images? „Mir wurde das erst klar, als ich Kritiken über mich las. Da stand dann oft mehr über das Geschrei und das Unterwäschewerfen als über meine Stimme. Ich wollte immer eine gute Show abziehen, aber ich wollte nie, dass mein Image alles übernimmt.“

„Ich war immer diskret“

Dass er in seiner wilden Zeit kein Kind von Traurigkeit war, kann man sich aber denken. Dennoch ist er seit einundfünfzig Jahren, seit dem sechzehnten Lebensjahr, mit seiner Frau Linda verheiratet, mit der er einen Sohn hat. Ihr ist die bebende Ballade „The Road“ gewidmet: „The road always leads back to you.“

War seine Frau denn niemals verletzt von all den Damengeschichten? Er lächelt und reibt mit seinen großen Händen auf der Tischplatte umher; wenn er so aussieht, möchte man am liebsten, dass er an Weihnachten zum Essen kommt. „Doch, sie war verletzt. . ., aber ich war immer diskret. Ich habe nie etwas vor ihrer Nase getan. Und sie hat immer klar gesagt: Ich habe Thomas Woodward geheiratet, nicht Tom Jones. Trotz allem haben Linda und ich nie unsere Nähe und unseren gegenseitigen Respekt verloren. Ich wollte sie niemals verlassen und sie mich nicht. Nie.“

Das erste Mal Autor

„24 Hours“ ist Tom Jones' bestes Album seit Ende der Sechziger - und das erste, an dem er als Autor mitschrieb. Es beginnt als Partyplatte und wird in der zweiten Hälfte immer ernster, manchmal fast düster. Jones singt - wie immer ein wenig zu dick aufgetragen, aber gerade deshalb ja so reizvoll - von Vergänglichkeit, vom Alter und vom Tod. Und er singt Bruce Springsteens „The Hitter“. Manchmal hat man fast den Eindruck, es wäre ein gemeinsames Album von Tom Jones und Thomas Woodward.

Nein, sagt er, Angst vorm Tod habe er nicht. „Ich fühle mich heute mit achtundsechzig ziemlich kugelsicher. Das ist ein gutes Alter - freuen Sie sich drauf!“ Dann gibt es noch einmal einen festen Händedruck, und als er geht, fragt man sich schon, ob das gerade Thomas Woodward oder Tom Jones war.

Tom Jones, 24 Hours. S-Curve 7944866 (EMI)

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