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Neues Album von Tokio Hotel : Das habt ihr doch gar nicht nötig

  • -Aktualisiert am

Wie immer gut frisiert: Die Band Tokio Hotel zur Feier ihres kommenden Albums „Kings of Suburbia“ - extra vor ihrem eigenen Banner Bild: Reuters

Sie werden so schnell erwachsen: Bill und Tom Kaulitz sind wieder da. Und auch wenn ihre Band Tokio Hotel alles dafür tut, wild, gefährlich und paarungsbereit zu wirken – im Grunde sind sie immer noch die kleinen Jungs von damals.

          Die Kaulitz-Brüder schwingen wieder die Hedonismuskeulen. Das kommende Album ihrer Band Tokio Hotel, „Kings of Suburbia“, steht für den 3. Oktober an, ein schicksalsträchtiges Datum. Seit fünf Jahren war wenig von ihnen zu hören, was viele, abgesehen von ihren Fans natürlich, womöglich gar nicht mitbekommen haben. Vielleicht sind Bewerbung und Singleauskopplungen – „Girl got a gun“ und „Love who loves you back“ – deshalb so schrill und aufmerksamkeitsheischend.

          Im Video zu „Girl got a gun“ tauchen masturbierende Stoffpuppen und mit Handfeuerwaffen schießende Fabelwesen auf, und auch „Love who loves you back“ ist, wenngleich es sich am Discosound bedient, auf den körperlichen Exzess ausgelegt: Während die anderen Bandmitglieder hin und wieder musizierend ins Bild geraten, bewegt sich Sänger Bill Kaulitz durch eine Diskothek, verteilt recht hochfrequent Zungenküsse und liegt am Ende in einem sich streichelnden Menschenhaufen.

          Nach 9 Jahren Medienerfahrung netto: Die Posen bei Presseterminen sitzen als wären sie aus Stein gemeißelt Bilderstrecke

          Der offen zur Schau gestellte Hedonismus – das sind Bilder, deren Färbungen der Generation Selfie durchaus bekannt sind und die gar nicht so viel Reaktion auslösen. Anders beim Coverdesign der Single „Love who loves you back“, das durch geschickte, gestalterische Arbeit eine Computermaus wie eine stilisierte, von einer Hand gespreizten Vulva erscheinen lässt. Von Seiten der Medien wie auch der Fans ist Erstaunen und Empörung zu vernehmen. Sogar das Lager der Fans reagiert größtenteils ablehnend: „Solche billigen Tricks braucht ihr doch gar nicht!“

          In der Streetart, als Kunstgrafik oder als Albumcover einer anderen Band würde das Bild vermutlich als Subversion beklatscht. Bei einer Band wie Tokio Hotel allerdings erscheint das Ziel der Provokation zu gewollt, zu „billig“. Ein ähnliches Phänomen war das intersexuelle Erscheinen des Sängers Bill Kaulitz – bis ihm ein Bart wuchs. Die Frisuren wurden pompöser, das Make-up aufwendiger, die ganze Kunstfigur immer geschlechtsloser. Oder -offener. Bei Musikern wie David Bowie und Brian Molko wird das Spielen mit Androgynität als Teil ihrer Kunst verstanden, selbst Marilyn Mansons ins Fratzenhafte verzerrte Variante wird als künstlerischer Akt hingenommen. Bei Bill Kaulitz wirkt es jedoch wie ein ewiger Versuch. Hier unterschied die interessierte Öffentlichkeit „künstlerisch“ von „artifiziell“.

          Ein konsequenter Schritt

          Tokio Hotel haben die Image-Maschinerie ihrer schon neun Jahre währenden Medienpräsenz immer radikaler ausgerichtet. Als Band kleiner Jungs hatte das Quartett für jeden Fan eine Figur dabei: den Gefühlvollen, den Draufgänger, den Geschmeidigen, den Normalo. Schon das zweite Album begleiteten im Jahr 2007 Versuche der damals siebzehn Jahre alten Kaulitz-Zwillinge, dem Kleine-Jungs-Image durch Statements und Auftreten in eine eher beischlaforientierte Richtung zu entfliehen. Mit dem dritten Album 2009 bekamen Tokio Hotel einen eher futuristischen Anstrich, Bill Kaulitz schritt lasziv im Weltraumlederanzug über die Bühne, und der Klang des Albums entfernte sich vom überproduzierten E-Gitarrensound hin zum elektronischen Dancepop, das Allgemeinkonzept „Tokio Hotel“ wurde gestrafft.

          Nun tritt Tokio Hotel 4.0 noch sexualisierter auf - die Sehnsucht, paarungsfähig wirken zu wollen, scheint dem Betrachter förmlich mit den Händen zu greifen. Dass sie ihre Wiederkehr mit dem Credo „Sex Sells“ versuchen, scheint nur konsequent. Doch auch wenn die Fans das Image-Morphing über die Jahre akzeptiert haben und ihnen selbst in dieses Stadium folgen: Bei den meisten Außenstehenden bleibt der Eindruck ewigkleiner Jungs von 2005. Vielleicht sind sie inzwischen nur etwas außer Rand und Band geraten.

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