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Tokio Hotel : Jungsein ist die Hölle

  • -Aktualisiert am

Ein Alien, so wie wir: Bill Kaulitz Bild: ddp

Stachelbärchens Einsamkeit: Tokio Hotel sind die beliebteste deutsche Band - und auch die unbeliebteste. Obgleich ein Massenphänomen, richtet sich ihre Musik an die Außenseiter: Getanzt wird hier nicht, nur geflüchtet und gesprungen.

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          Weil dieser 17-jährige Junge, Bill Kaulitz aus der Kalibergbau-Gemeinde Loitsche in Sachsen-Anhalt, so oft im Fernsehen kommt, weil er auf so vielen Zeitschriftentiteln erscheint und auf all die ähnlichen Interviewfragen so relativ vernünftige Dinge antwortet - deshalb registriert man kaum noch, was für ein fremdartiger Typ das eigentlich ist. Im Gesicht aus Porzellan, ohne Muskeln und Grübchen, keine zwingenden Geschlechtsmerkmale, weder am Körper noch beim Singen. Ein bisschen traurig und krank. Neuerdings mit einer großen Stachelschweinfrisur, für die nicht mal die Schwerkraft gilt.

          Als seine Band Tokio Hotel Ende Januar in einem Berliner U-Bahn-Schacht eine Pressekonferenz gab, wirkte Bill Kaulitz auf dem Sofa zwischen seinen drei straßentauglicher gestylten Partnern, 17, 18 und 19 Jahre alt, wie ein hochglänzender, raschelnder Fremdkörper, wie ein Popstar in der U-Bahn eben, und erst das neue Gruppenfoto, das ausgeteilt wurde, erklärte den Kontext. Auf dem Bild stehen Tokio Hotel in der aus Science-Fiction-Filmen bekannten, breitbeinigen Formation einer apokalyptischen Planetenretter-Polizei. Der schwarzleuchtende Kommandant mit seinen drei Maschinisten, alle vier gleich wichtig, weil jeder etwas anderes am besten kann.

          Anhaltende Aufregung

          Und gemeinsam konnten Tokio Hotel nun schon die Auflagen mehrerer Jugendzeitschriften nachhaltig heben, in anderthalb Jahren gut 1,5 Millionen CDs und auf einer Tournee über 350.000 Konzertkarten verkaufen, vor allem eine tiefe, anhaltende Aufregung unter Teenagern in Deutschland, Osteuropa und Frankreich stiften, von der man nie geglaubt hätte, dass man sie allein mit Popmusik heute noch hinkriegen könnte.

          Ein Alien, so wie wir: Bill Kaulitz Bilderstrecke

          Vieles, was so ganz ohne Kenntnis der Shell-Jugendstudie über die jungen Leute dahingesagt wird, stimmt halt nicht: dass sie nicht zu mobilisieren sind, dass alle nur noch über ihre Handys nachdenken, dass sie sich ohne Internet nicht mehr raustrauen. Übernächste Woche erscheint das zweite Tokio-Hotel-Album „Zimmer 483“. Die junge Begeisterung darüber wird die Band endgültig in den Superstatus befördern, obwohl diese dunkle Platte vor allem davon erzählt, dass jung zu sein die absolute Hölle ist.

          Die beliebteste und die unbeliebteste Band

          Nicht nur der „Stern“, auch die „Titanic“ hatte Tokio Hotel vor kurzem auf dem Titel: „Vier gute Gründe, keine Kinder zu bekommen“, denn natürlich sind sie nicht nur die beliebteste, sondern auch die unbeliebteste deutsche Band. Sie seien Teil eines kalkulierten Produkts, heißt es, was bei Künstlern dieser Größenklasse eh immer stimmt. Sie könnten ihre Gitarren nicht spielen, sie seien gecastet worden - lustigerweise kann man das sogar widerlegen, weil selbst die kleinsten Künstler heute so schnell ihre Spuren in den Medien hinterlassen. Im Internet findet man den Ausschnitt aus einer Sat.1-Casting-Show vom Juli 2003, wo der 13-jährige Bill Kaulitz antritt und ausscheidet und auch ein kurzes Stück einer prähistorischen Tokio-Probe in Loitsche zu sehen ist, über zwei Jahre vor der ersten Single.

          Aufschlussreicher sind die Attacken, die von Gleichaltrigen kommen, den Jungs, den Hip-Hop-Hörern, die oft auch nur die Mädchen ein wenig ärgern wollen: Sie setzen Playboy-Models mit Photoshop den Kopf von Kaulitz auf, sie verfluchen in einem weit verbreiteten Rap-Stück die „Versager, Streber, Opfer und Schwulen“, die sie in den Tokio-Hotel-Fans sehen. Dass Kaulitz damals auf Sat.1 tatsächlich den Gay-Disco-Jauchzer „It's Raining Men“ gesungen hat, wissen die meisten der homophoben Kritiker wohl nicht mal: Es ist das Fremde, Hybride, Koboldhafte und Außerirdische am Sänger und der Band, das die Chauvinisten abstößt und verunsichert.

          Das Mehrdeutige, das Heimliche

          Was die vielgescholtenen Casting-Shows dem Pop entrissen haben, ist ja nicht etwa die Originalität, sondern das Mehrdeutige, das Heimliche, das nicht Dokumentierte. Und obwohl auch Tokio Hotel sicher mehr Making-ofs gedreht als Sachen gemacht haben und obwohl es schon einige Mühe kostet, sie so ernst zu nehmen - einen bedeutenden Rest vom Pop-Geheimnis haben sie noch, als Überbleibsel oder Implantat, rätselhafterweise. Dieses Alienhafte, das manche Leute schwul an ihnen finden.

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