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Neues Album von Tocotronic : Den Monstern ausgeliefert

  • -Aktualisiert am

„Die Rockgruppe Tocotronic“, würde Tocotronic sagen. Bild: Gloria Endres de Oliveira

Tocotronic machen auf ihrem 13. Album „Nie wieder Krieg“ fast nichts neu und fast alles richtig. Aber braucht es das wirklich: Gitarrengeschrammel, Wortspielereien, Berufsjugendlichkeit und eine Handvoll Melodien?

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          Bitte nicht noch ein Lockdown-Projekt, bitte nicht auch noch Tocotronic. Es kann einem beim Band-Statement zum neuen Album kurz mulmig werden, wenn es heißt: „Wir wollten, passend zur Zeit, Lieder über allgemeine Verwundbarkeit, seelische Zerrissenheit und existenzielles Ausgeliefertsein schreiben.“ Verwundbarkeit, Zerrissenheit, passend zur Zeit? Wird eine Warnmeldung aus der Corona-App weniger ätzend, wenn Dirk von Lowtzow sie besingt?

          Dann aber liest man, dass die meisten Songs schon ein paar Jahre alt sind, man erinnert sich an die zwölf Alben, die die Hamburger Band mittlerweile herausgebracht hat, und ist beruhigt. Im Ausgeliefertsein haben Tocotronic sich ohnehin immer gut eingerichtet, Pandemie hin oder her. Mal gab sich die Band auf dem „Roten Album“ komplett der Liebe hin, mal ganz autobiographisch dem Erwachsenwerden, wie zuletzt auf „Die Unendlichkeit“.

          Jetzt also „Nie wieder Krieg“: Getragenes Piano, ernster Gesang, Glockenklänge. Gleich beim ersten Song des Albums viel zu viel des Guten. Immerhin brüllt das niemand in ein Demo-Megafon, sondern in den Spiegel einer Sanifair-Toilette. Es haben sich auf Raststättenklos bestimmt schon seltsamere Situationen zugetragen, aber so eine Figur, so eine Szene merkt man sich.

          Was für eine Geschichte wollen sie da erzählen?

          „Nie wieder Krieg“ wird Fans begeistern und Nicht-Fans (es gibt sie, auch wenn sie anscheinend kaum in deutschen Feuilletonredaktionen sitzen) nicht bekehren. Zu prätentiös sind Tocotronic vielen, zu kitschig obendrein. Schon zwei Alben gibt es, die heißen wie die Band – eines 2002 veröffentlicht, eines 2015 – aber wollten sie noch ein drittes haben, dieses könnte es sein. Es bringt die ganze, mittlerweile fast dreißig Jahre lange Karriere der Band auf den Punkt. Konzentriert versammeln sich hier lässiges Gitarrengeschrammel, die typischen Wortspielereien, Berufsjugendlichkeit und eine Handvoll Melodien, die Zugeneigten das Herz zerreißen und es zu den Kartoffelschalen auf den Kompost werfen.

          Interessant wird es, wenn man ein Versprechen der Band ernst nimmt und sich das Album daraufhin anhört: Hört man es in einem Rutsch durch, sagen sie, „werdet ihr den Eindruck bekommen, es mit einen kleinen Roman oder einen Film zu tun zu haben“. Was für eine Geschichte wollen sie da erzählen? Welche Figuren tummeln sich darin? Und wer soll ihr zuhören? Wenn der erste Protagonist des Albums an sich herabschaut – selbst leider „ziemlich abgeschabt“ –, möchte man es ihm direkt nachtun und sich fragen, wie viele Songtitel später auf offiziellen Bandshirts landen. Darauf scheinen es Tocotronic nämlich angelegt zu haben: Die Slogans sind zurück.

          Nach Sprüchen wie „Ich will Teil einer Jugendbewegung sein“ oder „Aber hier leben, nein danke“ war lange Jahre Pause. Jetzt stehen plötzlich wieder Titel wie „Ich gehe unter“ oder, ganz besonders, „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ auf der Tracklist.

          Perfekt für Konzerte, die es grad nicht gibt

          Letzterer ist ein solider, simpler Indierocksong, perfekt für all die Konzerte, die es vielleicht so bald nicht geben wird. Veröffentlicht haben sie ihn zwei Tage vor der letzten Bundestagswahl. Darin hadern Teenager (hoffentlich, alles andere wäre peinlich) mit eigentlich allem, was sie umgibt: Mit den Zwängen der Umgebung, mit sich, mit dem Nicht-Haben, nicht aber mit der politischen Haltung.

          Schon seit Beginn ihrer Karriere engagieren sich Tocotronic gegen Rechts, spielen Soli-Konzerte vor der Hamburger „Roten Flora“ und sammeln Spenden für Geflüchtete. Der Slogan im Song muss gar nicht weiter ausgeführt werden, so klar ist das.

          Das erste Drittel der Platte vermittelt Aufbruch, Freiheit, Open Air. Kein Krieg oder Faschismus, „komm mit in meine freie Welt“, das kann man naiv oder mutig nennen. Arne Zank drischt aufs Schlagzeug, von Lowtzow singt verzerrt gegen die Gitarren an. Ein Soundtrack für einen Roadtrip, der bald endet – spätestens im neunten Track, „Crash“. Doch schon vorher trüben kleine und große Kränkungen die Stimmung: Man wird verlassen, wünscht sich vor lauter Einsamkeit eine Entführung herbei, und dann blendet morgens auch noch das Licht aus dem Tiefkühlfach. Der sechste Song heißt nicht ohne Grund „Ich hasse es hier“.

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