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Tina Turner auf Tournee : Sind Mädchen im Haus?

  • -Aktualisiert am

Ein Schautanz, ein Statement: Tina Turner in Köln Bild: AP

Sie tanzt, kreischt, räuchert, rockt und schmeichelt mit ihrer exzeptionellen Stimme, wechselt flink die Glitzerkostüme, zeigt die immer noch berückenden Beine - und nichts davon wirkt peinlich trotz ihrer fast siebzig Jahre: Tinas Turners erstes Europakonzert in Köln.

          Im Anfang war die Hydraulik. Ein Freudscher Fiebertraum. Als sich der riesige rote Vorhang endlich öffnet, starren fünfzehntausend Menschen auf eine technizistische Erektion: Ein kleines, quadratisches Stück Bühnenboden reckt sich triumphal gen Himmel. Darauf steht sie und schwankt nicht, statuengleich, in Stöckelschuhen und ohne Geländer, die unverwüstliche Göttin des unverwüstlichen Rock-Pop-Blues. Dann fährt sie dröhnend („Steamy Window“) zu uns Verwüsteten hinab. Ganz hinab fährt sie, anders als so viele Messiasadepten. Schon im vierten Jahrhundert knallte man die Zwei-Naturen-Lehre der verdatterten Logik vor den Latz: gottgleich und doch ganz Mensch. Für Tina Turner gilt das in der popmodern verschärften Version: Göttin und doch ganz Frau.

          Es war eine Männerwelt, in die Anna Mae Bullock 1939 in Nutbush, Tennessee, geboren wurde, just in dem Moment also, als diese Welt vollends den Verstand verlor. Es war eine Männerwelt, die es nicht wert war zu überleben und in die, längst überfällig, der radikale Feminismus mit Wucht hereinbrach. Und es war eine Männerwelt, mit der sich Anna Mae einließ, als sie sich, kaum erwachsen, mit Ike Turner verband, ihren Namen 1960 in Tina änderte und mit dem Rhythm-and-Blues-Musiker Songs wie „River Deep, Mountain High“ oder die ganz eigene Version des Creedance-Clearwater-Revival-Stücks „Proud Mary“ aufnahm, die zum Herausragendsten der sechziger Jahre überhaupt zählen. Die Geschichte endet traurig, man weiß es: Nach immer brutaleren Attacken durch den drogensüchtigen Ike trennte sich Tina 1978 von ihm – und ihre Karriere schien zu Ende. Sie zog nach London, lebte mehrere Jahre in Köln, dann in Zürich. Die großen Platten-Labels hatten den Altstar abgeschrieben, der es musikalisch ohne Mann an der Seite schaffen wollte.

          Die immer noch berückenden Beine

          Dreißig Jahre später steht Tina Turner in Köln auf der Bühne, dem ersten und natürlich ausverkauften Europa-Konzert auf ihrer überraschend noch einmal gestarteten Welttournee, und reißt das Publikum mit (die Bestuhlung hätte man mal einfach bleiben lassen können: zumindest im Innenraum saß niemand). Sie tanzt, kreischt, räuchert, rockt und schmeichelt mit ihrer exzeptionellen Stimme, die schlicht in Bestform ist, wechselt flink die Glitzerkostüme, erscheint mal in flatteriger Robe, mal im kurzgeschnittenen Kleid, die immer noch berückenden Beine zeigend, um die sich längst ein eigener Mythos gesponnen hat – und nichts davon (mit Ausnahme vielleicht des Mad-Max-Aufzugs bei „We Don’t Need Another Hero“) wirkt peinlich trotz ihrer fast siebzig Jahre. Mehrmals überlässt sie den anderen Musikern die Bühne, ihre Backgroundsängerin darf „Better Be Good To Me“ allein zu Ende bringen. Dass sie etwas weniger herumhopst als früher, ist allein der Würde des Alters geschuldet. Mit mangelnder Fitness jedenfalls hat es nichts zu tun: Bravourös tanzt die „Hottest Granny on Earth“ (so ein Fan-Plakat) über einen Laufsteg von gerade einmal einem Meter Breite, der sich hoch oben über die Zuschauer ausfährt.

          Eine technizistische Erektion

          Präsentiert wird eine perfekt choreographierte Multimediashow inklusive Schautanz, Diavorführung, Pyrotechnik und Abspann – alles von der Meisterin selbst komponiert. Letztlich aber will sie natürlich etwas demonstrieren. Nicht nur dem 2007 verstorbenen Ike oder all jenen, die sie unterschätzt haben, sondern sich selbst: „I’m the gypsy, the acid queen./ I’ll tear your soul apart.“ Nur so lässt sich die Inbrunst und Überzeugungskraft erklären, mit welchen diese Zigeunerkönigin ihre Texte herausschmettert.

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