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„The White Stripes“ : Das weiß-rote Nichts, angefüllt mit einer Gitarre

  • -Aktualisiert am

Wie in einem futuristischen Western: „The White Stripes” Bild:

Wo rohe Kräfte basslos walten: Das puristische Duo „White Stripes“ aus Detroit bleibt seiner musikalischen Dogma-Ästhetik auch auf seinem neuen Album treu - und ist einfach zu gewalttätig, um den Hörer zu langweilen.

          3 Min.

          Kann man sich diesen käsigen Burschen aus Detroit vorstellen, wie er auf einem Zugwagen Richtung Mexiko sitzt, obendrein betrunken? Warum nicht, so was ist ja nicht verboten und noch nicht einmal eine Frage der Haltung. Trotzdem nimmt man es Jack White nicht so richtig ab, dass er auf der neuen, jetzt gerade erschienenen „White Stripes“-Platte, die den allerdings guten, stoneslastigen Titel „Icky Thumb“ trägt, schon wieder so tut, als wäre er ein Hobo, besungen womöglich von Robert Johnson, Woody Guthrie und Bob Dylan zusammen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          „Sittin’ drunk on an wagon to Mexico“, hebt der erste, der Titelsong an; aber die außerordentlich gewalttätige Musik bläst alles weg – die Wanderburschen-Romantik, den Erlebnishunger des südwärts Reisenden, die staubige, erhabene Verzweiflung des Delta-Blues. Man betritt, mit diesen lauten Klängen, einen Raum, in dem nichts ist – außer das Weiße und das Rote, die bandeigenen Farben des uramerikanischen candy.

          Diesmal übertreibt er's - fast

          Soviel ist ja richtig, dass Robert Johnson für Jack White das große Idol ist. White, einer der wenigen eigenständigen, originellen Rockstars dieses Jahrzehnts, wusste, dass er dieses Erbe, in das natürlich auch andere Namen und Werke mit einflossen, nicht einfach buchhalterisch verwalten darf – wie dies der späte Clapton nun schon seit fast zwanzig Jahren tut –, sondern, dass er sich etwas Neues einfallen lassen muss, wenn sich die Leute dafür noch interessieren sollen. Dafür wählte er einen klanglichen und instrumentellen Minimalismus – keine Gitarre, kein Verstärker darf jüngeren Baujahrs sein als 1965 –, mit dem er dann durchweg zum Äußersten geht, und, als äußeren Habitus, eine fiebrige Aggressivität, die der lauernden Unberechenbarkeit von Johnsons Voodoo-Nähe entspricht. Das Ergebnis ist eine meistens hochphonige, seltsam klaustrophobische Musik, die den Anspruch erheben kann, eine oder sogar die zeitgenössische Form des Blues darzustellen und in die alles eingeht, was seit den frühen „Led Zeppelin“, „MC 5“, „ZZ Top“, „Free“, „Fleetwood Mac“ bekannt, beliebt und begehrt ist.

          Verschafft sich Gehör wie ein störrisches Kind: Meg White
          Verschafft sich Gehör wie ein störrisches Kind: Meg White : Bild: ddp

          Man kann sicher sein, dass Jack White jeden Robert-Plant-Manierismus aus dem Effeff beherrscht, seine Gitarre strangulieren und ihr solche Powerakkorde entreißen kann wie alle Jimmy Pages, Paul Kossoffs und Leslie Wests dieser Welt zusammen und dass er überhaupt mit allen Spielarten des weißen Blues – denn um den handelt es sich – vertraut ist. Jack White spielt Riffs, die hochimitativ sind, aber wie eine sehr persönliche Errungenschaft wirken.

          Diesmal aber übertreibt er’s – fast. „Icky Thumb“ ist sehr roh geraten, zu roh sogar für den an Hartes gewöhnten Hörer; die Platte ist anstrengend. Sie ist auch deshalb anstrengend, weil ihr der Bass fehlt. Etwas anderes war auch nicht zu erwarten – Meg White verschafft sich an ihrem Rumpfschlagzeug Gehör wie ein störrisches Kind, das halb mitmachen, halb aber auch die Sache stören will. Diese vorsätzliche Besetzungslücke, deren Originalitätspotential mittlerweile erschöpft sein dürfte, ist und bleibt der einzige Fehler in Jack Whites Musik; ein Bass würde ihr ein Minimum ein Geschmeidigkeit verleihen, sie flüssiger machen. Statt dessen: das weiß-rote Nichts, angefüllt mit einer Gitarre, die wie eine Kettensäge arbeitet, und mit einer Stimme, die zuweilen richtig in die Ohren sticht.

          Fährte nach Mexiko

          Zuhalten sollte man sie sich trotzdem nicht, dafür haben die „White Stripes“, die sich fürs Cover zurechtgemacht haben wie das Personal zu einem futuristischen Western nach Art des „elektrischen Reiters“, zu viel zu bieten: Songs, die sich nicht etwa steigern, sondern einen sofort ausknocken wie „You Don’t Know What Love is (You Just Do as You’re Told)“, „300 M.P.H. Torrential Outpoor Blues“ und vor allem „Bone Broke“, das nicht von ungefähr an „Thin Lizzys“ Heavy-Husarenstück „The Rocker“ erinnert. Nur beim schneidbrennerartigen „Little Cream Soda“, geht White zu weit.

          Es gibt auch Bluesrock nach Art der „22/20s“, einer Band, die den klassisch songorientierten Stil indes besser, allgemeinverträglicher spielt, aber über die erste Platte bisher nicht hinaus gekommen ist („Rag and Bone“); dazu deftigen Orgelrock, der einem das Herz in die Schlaghose treibt („I’m Slowly Turning Into You“) und einen selbstreferentiellen, pseudo-psychedelischen, aber sehr kraftvollen, schönen Lovesong („A Martyr for My Love for You“). Offensichtlich nur zur Erholung haben sie einen Folksingsang dazwischen geschoben („Prickly Thorn, But Sweetly Worn“) und leider auch eine alberne Latinoanbiederung mit Mariachi-Imitation („Conquest“), die wohl die eingangs ausgelegte Fährte nach Mexiko weiter verfolgen soll.

          Es ist kein Zufall, sondern Ausdruck des Problems, vor das sich jeder Traditionalist gestellt sieht, dass die genretechnisch stimmigsten Lieder die eingängigsten und vielleicht auch besten sind: das Slidestück „Catch Hell Blues“ und, nun aber doch ganz nahe an Robert Johnson, „Effect and Cause“. Doch unabhängig davon – die „White Stripes“ haben, in ihrem nunmehr zehnten Jahr, die Rockwelt abermals herausgefordert.

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