https://www.faz.net/-gqz-nva7

The Thrills : Land unter

  • -Aktualisiert am

Iren am Pazifik: The Thrills Bild: Virgin

„So Much For The City“ ist eine beängstigend gekonnt eingespielte Mixtur aus dem Besten der amerikanischen Popmusik. Was die CD von "The Thrills" so bemerkenswert macht, ist deren Herkunft: Die Musiker kommen aus Dublin.

          3 Min.

          Selbst die Sonne an der amerikanischen Westküste scheint keineswegs ungetrübt. "It Never Rains In Southern California" - Albert Hammonds Song war ironisch gemeint und enthält damit eben doch den Kern einer Wahrheit, die der dort beheimateten Musik generell und noch in ihren sonnigsten Spielarten abzuhören ist: Dem Frohsinn ist das Bedrohliche grundsätzlich beigemischt, fröhliche Musik gibt es eigentlich gar nicht. Es ist ein Irrtum anzunehmen, die "Beach Boys" hätten auch abseits von "Fun, Fun, Fun" so unbeschwerte Musik gemacht; das taten sie vielleicht, wenn Brian Wilson nicht mit im Studio war. Freilich behauptete deren Mitglied Al Jardine 1988, nach einem der vielen Band-Comebacks: "Wir erwecken in den Leuten ein Gefühl von Sommer. Ich glaube, manche Leute gehen erst mal ins Bräunungsstudio, bevor sie zu uns ins Konzert kommen."

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist kein Zufall, daß ausgerechnet diese Band über ihren Schlagzeuger Dennis Wilson Kontakte zum Mörder Charles Manson hatte, jenem Mann, der 1969 im Haus des "Byrds"-Produzenten Terry Melcher Roman Polanskis schwangere Ehefrau Sharon Tate umbringen, man kann auch sagen: abschlachten ließ. Die "Byrds" wiederum standen nicht nur über ihren nachher entlassenen Gitarristen und Songschreiber David Crosby auf Tuchfühlung mit jener Paranoia, in der das vermeintlich unbekümmerte Jahrzehnt, das die "Beatles" eingeläutet hatten, gewissermaßen absoff.

          Was für ein Jahrzehnt und was für eine Musik! Es hilft nichts, man muß das alles wieder und wieder aufwärmen, weil die Musiker, die man noch am ehesten dem mainstream zurechnen könnte, sich mit ihr, nach den Britpopexzessen der neunziger Jahre, nun wieder gründlich auseinandersetzen. Der Geist von damals ist dieses Jahr besonders fruchtbar, und es ist ein schöner Zufall, daß all die Americana-Platten gerade zu dieser heißen Sommerszeit auf unseren Plattentellern landen. Neben dem Prominenten-Trio "The Thorns", das ein täuschend echtes Imitat von "Crosby, Stills, Nash (& Young)" vorgelegt hat und es demnächst auch während einiger Deutschland-Konzerte präsentiert, muß man nun ein Album nennen, das die vermutlich vorteilhafteste Einspielung der Westcoast-Musik der späten sechziger, frühen siebziger Jahre darstellt und gleichzeitig mehr ist als Nachahmung: nämlich eine beängstigend gekonnt eingespielte Mixtur aus dem Besten der amerikanischen Popmusik überhaupt. Was aber "So Much For The City" von dem Quintett "The Thrills" darüber hinaus so bemerkenswert macht, ist deren Herkunft: Die Musiker, die noch in einem Alter sind, in dem man an die Spitze der Dankesliste nicht etwas Freundinnen oder Ehefrauen, sondern Eltern und Geschwister setzt, kommen aus Dublin. Es dürfte an einem der vielen Regentage gewesen sein, als sie einen Studienaufenthalt in San Diego beschlossen haben, der ihnen nicht nur das Bräunungsstudio ersparte, sondern auch den Vorwurf, sie wüßten rein gar nicht, wovon sie singen. Doch selbst wenn diese Platte ohne Ortskenntnis aufgenommen worden wäre - Karl May war auch nie im Wilden Westen.

          "Hey, hey you're the monkees / People said you monkeyd around / But nobody's listening now" - so luftig charmiert in der Single "Big Sur" Sänger, Gitarrist und Hauptsonglieferant Conor Deasy (Conor scheint ein an diese Generation gern vergebener Name zu sein: nach Conor in "Terminator 2" und Conor Oberst von der Band "Bright Eyes" nun also Conor Deasy). Mit einer Stimme, die abseits der Fröhlichkeit vom Mut zur Neil-Young-Nachahmung getragen ist, trällert Deasy diese Zeilen, als wüßte jeder den Unterschied zwischen einem monkey und einem "Monkee". Mit der ersten bedeutenden synthetischen Band haben die Iren indes nur diese Frische gemeinsam, die naiv wirken müßte, steckte dahinter nicht eine Spielsicherheit, mit der sich die Band so unterschiedlicher Stile bedient: neben Surfsound und Westcoast sanfter Country-Blues ("Just Travelling Through"), Bluegrass ("Say it ain't so"), Motown- und gleichzeitig sogar Memphis-Sound ("One Horse Town"). Dies alles und noch viel mehr - eine Kritiker-Zählung ergab achtundzwanzig Einflüsse - geht ein in den Klangkörper, der manchem möglicherweise zu gekonnt gebastelt vorkommt, aber dafür frei ist von jeder Unbedarftheit.

          Deswegen und entgegen manchem äußeren Anschein darf das Werk auch nicht als Daseinsfeier genommen und schon gar nicht als "Sommerplatte" bezeichnet werden - es wird diese Jahreszeit und auch dieses Jahr überleben -, sondern ist abzuhören auf seinen Gehalt an melancholischer Reflexion, die sich bis zur Melodramatik eines Roy Orbison aufschwingt, hauptsächlich aber den Grübeleien eines Neil Young oder Tim Buckley verpflichtet ist und schließlich auch den Kalifornien-Überdruß der "Eagles" aus der Zeit 1975/76 artikuliert: "Hollywood Kids" läßt, von ruppigen Dissonanzakkorden unterbrochen, die steel guitar so lieblich und die Mundharmonika so westernmäßig aufheulen, daß man am liebsten sofort seine Sachen packen würde, um ganz sicherzugehen, ob man von der Westküste auch wirklich irgendwann genug haben kann.

          Das Hauptlied auf diesem erstaunlichen Debüt aber ist "'Til The Tide Creeps In", bedrohlich im Text und unwiderstehlich im Refrain. Das Zusammenspiel von Gitarre uns Orgel klingt verdächtig nach dem Hause Stax, und Booker T. Jones und Steve Cropper werden nasse Füße bekommen: Das Westküstenwasser schwappt herein, direkt ins Südstaatensoul-Studio. "Tide Is High" spielten sie einst. Mit den "Thrills" ist ein neuer Höchststand erreicht: "I was surfing this tidal wave of fades glories." Das Wellenreiten auf der großen Tradition hört nie auf.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.