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Neues Album von The Notwist : Ohne Knistern, aber nicht ohne Reiz

Aus Weilheim in die Welt: The Notwist Bild: dpa

Polyrhythmen für Schwindeltage: Die deutsche Band The Notwist entwächst mit dem Album „Vertigo Days“ endgültig ihrem elektronischen Klangkonzept.

          3 Min.

          Das neue Album von The Notwist ist das erste seit sieben Jahren und das erste seit gut einem Vierteljahrhundert, an dem Martin Gretschmann nicht mitgewirkt hat. Das ist wichtig, weil dieser DJ und Klangkünstler, der wie die Band aus dem oberbayerischen Weilheim stammt, ihr zum Überlandflug verholfen hat, mit dem sie zu einem international beachteten, respektierten und verehrten deutschen Musikphänomen wurden. The Notwist besteht im Kern aus den beiden Multiinstrumentalisten Markus und Micha Acher. Sie entwickelten sich schnell zu einer guten deutschen Independent-Rockband. Anfang der Neunziger nahmen sie zunächst zwei Hardcore-Platten und dann eine Alternative-Rockscheibe auf. Ein ausgiebiges Studium ihrer Vorbilder ging voraus – amerikanische Indiebands aus den achtziger Jahren –, und sie „klangen ein bisschen, wie“ ihre Idole, mit denen sie sich auf deren Europa-Tourneen während ihrer Stationen in Bayern austauschten. Diese hatten hörbare Spuren hinterlassen, eigenständig war der Sound noch nicht.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das änderte sich, als Gretschmann – oder Console, wie er sich bis heute nennt – 1997 dazustieß. Dadurch ergab sich die Vermählung von Independent und Elektronik, die Szenekenner bald von „Indietronics“ sprechen ließ. Console steuerte komplexe, knisternde, kühle Beats bei, die Achers droschen nicht mehr ganz so brachial auf ihre Saiteninstrumente ein, Schlagzeuger Martin Messerschmidt dagegen schon. Ihr Album „Shrink“ ist ein Gründungsdokument dieses Genres.

          Raum zur Entfaltung

          Seine Wirkung entfaltete es aber auch, weil Markus und Micha Acher mehr von ihren eigenen musikalischen Wurzeln hervorkehrten: den Jazz, den sie seit frühester Jugend einstudiert und in zahllosen Nebenprojekten ausgelebt hatten, und die Freude an elegischen Instrumentalschlachten, die sie über die Jahre immer mehr verfeinerten. Auf „Neon Golden“, ihrem Meisterwerk und in seiner Wirkung vielleicht nur mit Kraftwerks „Autobahn“ oder Cans „Tago Mago“ zu vergleichen, kam ein exzellentes Gespür hinzu, wie man gut geschriebene Popnummern durch Klang, instrumentelle Dynamik, dezente Bläser und Elektronik zu unnachahmlichen Klassikern aufwertet. Die nachfolgenden Alben „The Devil, You + Me“ und „Close to the Glass“, die mit großen zeitlichen Abständen erschienen, verfeinerten diesen Ansatz. 2016 erschien darüber hinaus das Livealbum „Superheroes, Ghostvillains + Stuff“, das Klassiker in ein neues Klanggewand tauchte und einen Eindruck hinterließ, wie The Notwist ohne den zwei Jahre vorher ausgeschiedenen Console klingen könnten.

          „Vertigo Days“ ist also das erste Album seit 1998 ohne Knistern. Die Auswahl der Gastmusiker, mit denen die Brüder Acher zusammenarbeiten, verrät etwas über die Richtung, die sie einschlagen. Noch mehr Jazzelemente, ohne damit den improvisierenden Charakter zu meinen – stattdessen Klänge, die sich gut in den insgesamt ruhigen Strom einfügen. Zwei dieser Musiker entstammen der Jazz-Szene von Chicago: Die sensationelle Klarinettistin Angel Bat Dawid, deren Debüt „Oracle“ ein Höhepunkt des Jazzjahres 2019 war, veredelt den Song „Into the Ice Age“, Ben LaMar Gay singt auf „Oh Sweet Fire“ und beschließt damit das Herzstück des Albums aus den drei besten Songs der Platte, das mit „Loose Ends“ beginnt. Auch der Gastauftritt der argentinischen Folksängerin Juana Molina in „Al Sur“ hinterlässt einen starken Eindruck.

          Abgeklärt und reif

          Insgesamt fährt die Band auf dieser Platte über die Schwindeltage die Noise-Attacken und die Gitarrenklȁnge des Independent Rock zurück und lässt den einzelnen Tönen mehr Raum zur Entfaltung. Rhythmisch ist sie variabler geworden, was mit Andi Haberl zu tun hat, der 2007 Messerschmidt ersetzt hat. Er wechselt mühelos zwischen Polyrhythmen, die an Jaki Liebezeit erinnern, und dem walzenden Groove des Jazzdrummers Larry Bunker, mit dem dieser Tom Waits Mitte der achtziger Jahre eine neue Erdung verschaffte. Bei jedem Song entwickelt er eine eigene rhythmische Sprache, wodurch man das Knistern der Erfolgsalben aus der mittleren Notwist-Phase vielleicht nicht vergisst, aber doch entbehren kann.

          Es ist das ruhigste Album der Band seit „Neon Golden“ geworden – abgeklärt und reif. Und vor allem seiner Sache extrem sicher. Markus und Micha Acher sind längst einem Stadium entwachsen, in dem sie jemandem etwas beweisen müssten. Doch ihr eigener musikalischer Anspruch ist so hoch, dass sie immer wieder nach Fortentwicklung ihres Konzepts suchen. Und das Publikum geht dankbar mit. Die neuen Stücke sind im Durchschnitt eher auf Popsong-Länge angelegt. Alternative Hits, wie sie sie mit „Pilots“, „Gloomy Planets“, „Chemicals“ oder „Kong“ schon geschrieben haben, sucht man allerdings vergeblich. Am nächsten dran ist „Where You Find Me“ mit seinem markanten Refrain. Doch seit ihrer Hinwendung zu den „indietronischen“ Experimenten hatten The Notwist schon immer Songs auf ihren Alben untergebracht, die nicht als Singles ihre Wirkung entfaltet hätten. Für Freunde von atmosphärischen Live-Favoriten wie „Trashing Days“, „This Room“, „Another Planet“ oder „Day 7“ gibt es auf dem neuen Album viel zu entdecken. The Notwist bilden längst ihre eigene Klasse, die nicht klingt „wie“, sondern in der andere manchmal klingen wie sie.

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