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Matt Berninger im Gespräch : „Wir befinden uns in vier verschiedenen Dramen“

Berninger im Studio Bild: Chris Sgroi

Mit The National spielte er für Obama und Hillary Clinton. Nun veröffentlicht Matt Berninger in Ausnahmezeiten ein Solo-Album. Während „Serpentine Prison“ entstand, blickte der Sänger auf die Lage seines Landes.

          5 Min.

          Matt Berninger kann sich persönlich kaum beklagen: „Wir haben einen kleinen Garten, und statt ständig unterwegs zu sein, war ich eben bei meiner Frau und meiner Tochter“, sagt der Sänger von The National am Telefon über die vergangenen Monate im Zeichen der Corona-Pandemie. Die Monate seien für ihn „ganz in Ordnung“ gewesen, erst recht, wenn man sich die vielfältigen Auswirkungen der Krise anschaue. Nur etwas zu viel Wein, stellt Berninger selbstkritisch fest, sei es tagsüber vielleicht.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In normalen Zeiten hätte Berninger mit seinen vier Bandkollegen in März und April zunächst Japan, Australien und Neuseeland bereist und sich dann nach einem Heimspiel in Cincinnati nach Europa aufgemacht. Der 49 Jahre alte Sänger der gefeierten Indie Rock-Veteranen hätte seinen Weinkonsum auf die abendlichen Auftritte konzentriert und wäre zu Klassikern wie „Mr. November“ oder „Terrible Love“ durch die dichtgedrängten Publikumsreihen gewandert. „Kann es kaum erwarten, dass sie die Swimming Pools wieder aufmachen“, schrieb er Ende Juni unter ein Instagram-Bild, das ihn vor einer begeisterten Menge zeigt.

          „Viel übler, als ich es mir hätte vorstellen können“

          Nun dürfte die Zwangspause für Berninger und Co. noch eine Weile andauern. Wahrscheinlich deshalb ist bislang auch keine Release-Tour für das erste Solo-Album angekündigt. Man spricht mit einem Wahl-Kalifornier über die Pandemie, und von dort geht es selbstredend direkt weiter zu einem anderen Thema: den nahenden Präsidentschaftswahlen. „Rassismus, Sexismus, womöglich der Kollaps der Demokratie und dann noch die Pandemie – wir befinden uns in Amerika gerade zur gleichen Zeit in vier verschiedenen Dramen.“

          „Es war ein Schock für mich, als Trump vor vier Jahren die Wahl gewonnen hat“, erinnert er sich. Danach habe es immer wieder Momente gegeben, in denen er dachte: „Ich kann nicht glauben, dass Leute diesen Mann immer noch unterstützen. Es wurde einfach immer schlimmer. Letztlich waren die vier Jahre noch viel übler, als ich es mir hätte vorstellen können“.

          Wahlkampfhilfe für Barack Obama

          The National und Berninger sind nicht dafür bekannt, politische Protest-Songs zu schreiben. Aus ihrer Unterstützung für die Demokraten machen sie aber keinen Hehl. Immer wieder wird die Gruppe als Barack Obamas Lieblingsband angekündigt. Tatsächlich gelangte der Song „Fake Empire“ – eigentlich ein Lied darüber, sich gerade nicht mit Politik und allen Widrigkeiten in der Welt auseinanderzusetzen – 2008 über Bekannte der Band, die in Obamas Team arbeiteten, in ein Werbevideo des späteren Präsidenten.

          Es folgten Auftritte auf Wahlkampfterminen, später auch für Hillary Clinton und nun für Joe Biden. Mangels Auftrittsmöglichkeiten präsentierte Berninger im September einen Song in seinem Garten, verbunden mit der Botschaft: „Das ist die wichtigste Wahl in unserem Leben“.

          Die Vereinigten Statten, sagt Berninger, seien heute gespaltener denn je: „Ich denke, das hat auch viel mit den Nachrichtensendern oder dem Einfluss von Facebook zu tun.“ Angst sei am einfachsten zu verkaufen. Heute erhalte jeder und jede einen eigenen „kleinen Cocktail Angst“ und glaube, nur er oder sie habe Recht. „Es bestand mal ein Grundkonsens darüber, ob etwas im Grundsatz wahr oder falsch ist, heute sind sich die Leute manchmal nicht mal mehr darüber einig“, so Berninger. „Dass manche sogar in Frage stellen, ob uns wissenschaftliche Erkenntnisse überhaupt kümmern sollten, ist schockierend.“

          „Die chronischen Wunden unserer Nation“

          Dann wieder gibt es Entwicklungen, die ihn all den negativen Ereignissen zum Trotz optimistisch stimmen. Die ehrlichere Auseinandersetzung mit der amerikanischen Geschichte und dem Rassismus innerhalb der Polizei, zum Beispiel. „Die chronischen Wunden unserer Nation, die wir lange versteckt haben, wurden jetzt zumindest offengelegt“.

          Berninger ist offenkundig gut informiert über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten, zum News-Junkie will er aber nicht werden: „Es ist wichtig, engagiert zu sein, aber du darfst dich nicht permanent mit den Nachrichten beschäftigen, das macht dich nur zu einer unglücklicheren Person.“

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