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The Mars Volta : In der Hexenklangküche

  • -Aktualisiert am

In der Räucherstäbchen-Lounge: Sänger Cedric Bixler Zavala und Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez von The Mars Volta Bild: Foto Universal

Sprechende Geister und die Rache der Verstorbenen: The Mars Volta zelebrieren eine schwarze Messe zur Rückkehr des Progrock - Exorzismus für Fortgeschrittene.

          3 Min.

          Um es vorab klarzustellen: The Mars Volta nerven, und zwar gewaltig. Wurden die Hörer schon bei den letzten Alben auf eine quasireligiöse Bewährungsprobe geschickt, um Lärmwüsten aus dauerfeuerndem Schlagzeug und unentwirrbaren Gitarrenmäandern zu durchqueren, dem Klang zerberstender Fenster und stotternder Bohrmaschinen zu lauschen, müssen sie sich diesmal auch noch kruden okkultistischen Andeutungen aussetzen: Um ein Ouija oder Orakel-Brett soll es da gehen. Um sprechende Geister. Und die Rache der Verstorbenen. Glaubt man den Musikern aus El Paso, haben sie ihr neues Album „The Bedlam in Goliath“ eingespielt, um die einmal gerufenen Dämonen wieder loszuwerden, bevor sie die geistige Gesundheit und das Leben der Bandmitglieder vollends ruinieren.

          Kuriositätenkabinett

          Bandleader und Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez aber meint es ernst: Das Album habe seinen Anfang auf einer Jerusalem-Reise genommen. In einem Kuriositätenladen entdeckte er dort ein Geschenk für Volta-Sänger Cedric Bixler Zavala – besagtes Ouija eben. Gemeinsam versuchten sie, über dieses Hexenbrett Kontakt mit den Toten aufzunehmen, und gerieten bald in einen Strudel aus Sucht, Angst, Neugierde und dem Gefühl, dem „Goliath“ genannten Geist, der ihnen immer neue, bedrohlichere Botschaften schickte, ausgeliefert zu sein.

          In jeder Studiopause beugte sich die Band über das Ouija. In der Folge häuften sich die unglücklichen Zwischenfälle: Zavala verletzte sich schwer am Fuß, der Schlagzeuger musste mehrmals ausgetauscht werden, und technische Schwierigkeiten wie gelöschte Tracks verhinderten immer wieder die Produktion des Albums. Als auch noch der Toningenieur durchzudrehen droht und von einer „Höllenmaschine“ spricht, beschließt Zavala, das Brett zu begraben.

          Marsianer im Lärmuniversum

          Ob die Mars-Voltianer sich diese haarsträubende Geschichte als Alibi für ihre Improvisationsungeheuer ausgedacht haben? Oder wird das Album erst durch diesen spirituellen Sinnzuwachs verständlich? Egal. Als Türöffner zu seinem opaken, kryptischen Lärmuniversum funktioniert das Geister-Thema hervorragend. Schließlich sind Rodriguez wie Zavala vom Katholizismus ihrer puertoricanischen Eltern geprägt, haben sie deren Santería-Zeremonien miterlebt – spirituelle Sitzungen mit Getrommel, Kerzen und Räucherstäbchen. Eine Ahnung dieser dunklen Religiosität ließen sie zunehmend auch in ihre Musik einfließen.

          Ursprünglich hatten Rodriguez und Zavala mit der Punkband At The Drive Inn Drei-Minuten-Songs gemacht. Doch dann brauchten sie mehr Raum für ihren Eklektizismus, der vom Proto-Techno der Gruppe Can über Funkadelic-Jams bis zum falsettierenden Hardrock von Judas Priest reicht, und so feierten sie 2003 als The Mars Volta die Rückkehr des längst beerdigten Konzept-Albums. „Deloused In The Comatorium“ drehte sich um Leben und Selbstmord eines befreundeten Musikers und Schwerenöters.

          Die Nachfolger „Frances The Mute“ und „Amputechture“ schwelgten über ähnlichen Abgründen. Unwahrscheinliche rhythmische Kombinationen und lose konfigurierte Jams verdichteten sich da zu einer mal implodierenden, mal sich wieder ausweitenden Klangwolke. Das neueste Werk aber schließt einen Kreis: Tatsächlich verfügt es mit „Wax Simulacra“ sogar über eine clubtaugliche Drei-Minuten-Single. Kurze Stücke wie der Wah-Wah-Funk von „Ilyena“ kontrastieren angenehm mit dem Überladungseffekt des Rests: Wer fühlt nicht die Erlösung, wenn zwischen all dem bombastischen, psychedelischen Gedröhne ein hartes Bluesrockriff oder gar ein schlüssiger Refrain aufblitzt? Allerdings sind diese Momente ziemlich rar.

          Skulpturen aus Klang

          Keine Frage: The Mars Volta wollen keine Pop-Band sein. Und man kann ihre manischen, vielfach geschichteten Klangskulpturen nur schätzen, wenn man bereit ist, alle Progrock-Klischees – die sich endlos verspinnenden Gitarren-Soli von Lopez und John Frusciante von den Red Hot Chili Peppers oder Zavalas hysterischen Falsett-Gesang – als Teil eines exorzistischen Rituals zu ertragen.

          Genau hier aber wird die Platte richtig interessant: wenn die Atmosphäre zur Dichte hinzutritt und unerwartete Zwischentöne vom Hörer Besitz ergreifen. Etwa in „Soothsayer“. Orientalische Streicher-Arrangements, Sitarläufe und das Sprachgemurmel aus den Gassen von Jerusalem erinnern an die Hexenbrett-Geschichte und bändigen das entfesselte Monster mit akustischem Wohlklang – Rodriguez lässt den Song mit mehrstimmigen Gesängen eines orthodoxen Gottesdienstes ausklingen. Wie hatte es der Gitarrist doch selbst formuliert? „Unsere Musik gleicht einer alten katholischen Kirche – mit viel finsterer Geschichte unter der Fassade.“

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