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Gespräch mit Wyclef Jean : Erst die Waffe, dann die Gitarre

  • -Aktualisiert am

Musiker Wyclef Jean wurde an der Seite von Lauryn Hill mit den Fugees berühmt. Bild: Katie Piper + Karl Fergus

Wyclef Jean, einer der weltberühmten „Fugees“, spricht über die künstlerische Kraft der Flucht, seine erste Heimat Haiti, seine zweite Heimat Amerika – und über seine Versuche als Politiker.

          5 Min.

          Vor zwanzig Jahren erschien „The Score“ von Ihrer Band The Fugees. Sie wurden mit dem Album weltberühmt, sind es bis heute. Ist Musik der Halt Ihres Leben?

          Definitiv. Ich wuchs in Haiti in absoluter Armut auf und kam mit Zehn nach Brooklyn. Meine Mutter bezog Sozialhilfe, die Gegend, in der wir lebten, war übel, und trotzdem war das nichts gegen die Armut, die ich in Haiti erlebt hatte. Mein Vater war Priester, daher waren Gospel und Soulmusik immer präsent in meinem Leben. Wenn man jeden Sonntag zusammen singt und spielt, schafft das Zusammenhalt. Später wurde einer meiner Cousins erschossen, und mein Vater hatte das Gefühl, dass wir wegziehen müssten, weil ich sonst wohl den falschen Weg eingeschlagen hätte. Also zogen wir nach New Jersey.

          Und, hat Sie es davor bewahrt, kriminell zu werden?

          Ja, denn hier wurde ich an der Highschool von einem Jazzlehrer entdeckt, als ich Klavier spielte. Zu dieser Zeit wuchs in mir auch die Gewissheit, dass ich für den Rest meines Lebens Musik machen würde.

          In einem Ihrer neuen Songs, „Hendrix“, singen Sie über ihre Jugend: „The devil pulled the card and he said choose one“. Kann man seine Karte wählen oder muss man geschickt die Karten ausspielen, die man kriegt?

          Da, wo ich herkomme, mussten wir das Beste aus unseren Karten machen. Deshalb sollten die wenigen Auserwählten, die zwischen zwei Karten wählen konnten und es rausgeschafft haben, eine Verantwortung tragen. Sie sollten zurück gehen an die Brennpunkte und versuchen, den Jugendlichen Perspektiven aufzeigen. Es gibt Kinder, die im Umkreis von vier Blocks von genauso vielen Gangs umgeben sind. Auf dem Schulweg und zurück müssen sie da immer durch. Wenn wir uns fragen, warum solche Kinder sich am Ende einer Gang anschließen: Da kam niemand, um sie aus dieser Umgebung herauszuholen und ihnen einen Weg zu zeigen, wie es anders ginge.

          Sie haben sich für den Weg der Musik entschieden. Erinnern Sie sich an einen Moment, an dem Ihnen diese Entscheidung bewusst war?

          Ja. Meine Mutter drückte mir eine Gitarre in die Hand – und so konnte ich zwischen einer Waffe und einem Instrument wählen. Ich bin zwischen Drogendealern aufgewachsen und habe früh gelernt, mit Waffen umzugehen. Doch dann hatte ich diese Gitarre als Ersatz. Ich saß in meinem kleinen Zimmer in unserer Sozialwohnung und dachte nicht mehr darüber nach, was draußen los war – sondern darüber, was in mir los war.

          Fühlen Sie sich als Überlebender?

          Ja, deshalb sind meine Auftritte auch eine Feier des Lebens. Mein Freund Jeffrey wurde als Jugendlicher ermordet. Andere Freunde wurden abgeschoben oder verbüßen lebenslange Haftstrafen. Mein Leben ist kein Hollywood-Film.

          1997 kam Ihr erstes Soloalbum „The Carnival“ raus, das viel deutlicher als vorher Einflüsse aus Haiti verarbeitete. Warum dieser Wechsel?

          Man kann nicht wissen, wohin man geht, solange man nicht weiß, woher man kommt. Meine Suche ging tiefer als Haiti: Ich bin ein großer Fan von Fela Kuti. Er studierte in Ghana Jazz und kehrte dann nach Nigeria zurück. Dort formte er aus dem Gelernten und traditionellen Einflüssen diesen neuen Sound. Ich wollte mich wie er zurück besinnen auf die Wurzeln von Musik. Wir hatten zwanzig Millionen Platten von unserem letzten Album verkauft. Die Erwartungen waren enorm – ich entschied mich in dieser Situation für eine andere Richtung. Mir ging es um die Fusion aus Hip-Hop und Worldbeat, einem neuen Zeitalter entsprechend.

          Ihr neues Album, das 2017 erscheinen wird, trägt den Namen „Carnival III“. Was ist das mit Ihnen und dem Karneval?

          Es geht um Eklektizismus. Die Alben sind eine Collage aus Sounds und Einflüssen - wie die Wagen eines Karnevals, die am Publikum vorbeiziehen. Jeder dieser Wagen repräsentiert eine andere Seite der Musik. Da können eine Million Menschen stehen und kein Stil klingt wie der andere, trotzdem gibt es Einklang und Harmonie.

          „Memoirs of a Refugee“ heißt einer Ihrer Songs, auch Ihre Bandname The Fugees zeugt vom Leben als Migrant und Flüchtling. Wie hat Ihre Migrationsgeschichte Sie geprägt?

          Die meisten Amerikaner können sich nicht vorstellen, wie das Leben in einem Slum ist. Keine Toiletten, keine Elektrizität, stattdessen Öllampen. Wir waren abhängig von dem Brunnen in unserem Dorf, es gab kein fließendes Wasser. Wenn man es von dort an einen besseren Ort schafft, ist man einfach nur dankbar. Bevor ich nach Amerika kam, hatten die Slums meinen Charakter geformt. Je weniger du hast, desto schneller wirst du vom Kind zum Mann, um zu überleben.

          Fühlen Sie sich noch als Immigrant?

          Der Immigrant ist für immer die Seele in mir – und ich sorge dafür, dass ich mit dieser Seele in Kontakt bleibe. Mindestens zwanzigmal im Jahr spiele ich in Afrika oder Haiti, in kleinen Undergroundclubs. Wenn ich diese Wurzeln verlieren würde, könnte ich nie wieder Musik machen.

          Im Augenblick sind auf der Welt mehr Menschen denn je auf der Flucht. Fühlen Sie sich Flüchtlingen von heute verbunden?

          Ja. Als wir Haiti verließen, herrschte dort eine Diktatur. Meine Eltern, meine Verwandten flohen vor Unterdrückung. Damals wurden viele Tote an der Küste Miamis gespült. Die Bilder von damals gleichen denen von heute. Mein Cousin erzählte mir, wie es ist, auf dem offenem Meer zu sein, in einem Boot ohne Motor, ohne moderne Navigationssysteme. Wir haben als Fugees damals gesungen: „Ready or not / Here we come / refugees taking over“. Das waren nicht einfach nur Worte, unsere Geschichte war echt.

          Sie wollten im Jahr 2010 Präsident von Haiti werden, wurden jedoch nicht zur Wahl zugelassen. Ihre Stiftung „Yele Haiti“, die Geld für Hilfsprojekte sammelte, geriet wegen finanzieller Unstimmigkeiten in die Kritik und stellte die Arbeit ein. Haben Sie das Gefühl, als Politiker gescheitert zu sein?

          Nein, nicht im Geringsten. Als meine Stiftung beschuldigt wurde, Gelder veruntreut und mir zugespielt zu haben, habe ich diesen Vorwurf zurückgewiesen. Wir ließen den Zeitungsredaktionen eine Antwort zukommen – aber schlechte Nachrichten verkaufen sich eben besser als gute. Hätte man ein bisschen genauer hingeschaut, wäre klar geworden, dass „Yele Haiti“ der Sündenbock in einem größeren Spiel war.

          Wyclef Jean in einer Episode von „Law & Order“
          Wyclef Jean in einer Episode von „Law & Order“ : Bild: Getty Images

          Was meinen Sie damit?

          Als Fela Kuti damals nach Nigeria zurück kam und sah, was die ganzen Hilfsorganisationen in seinem Land taten und wie die korrupte Regierung darin verstrickt war, sprach er offen darüber und kritisierte, was da vorging. Das gleiche tat ich, als ich nach dem Erdbeben von 2010 nach Haiti zurückkehrte und dort sah, wie die Hilfsorganisationen arbeiteten. Also beschloss ich, „Yele Haiti“ zu gründen. Ich hatte vorher die Friedensverhandlungen zwischen der UN und den Gangs von Haiti moderiert. „Yele Haiti“ hatte sich lange vor allen anderen Hilfsorganisation in Haiti engagiert.

          Trotz der Probleme mit Ihrer Stiftung ließen sie sich dann als Präsidentschaftskandidat aufstellen. Warum?

          Weil ich nicht zulassen konnte, dass die Wahrheit besiegt wird. Ich wusste, dass manche Firmen nach dem Erdbeben versuchen würden, aus der Situation Profit zu schlagen. Also dachte ich: Wenn diese Firmen in einer solchen Notlage helfen wollen, dann sollten sie an moralische Verantwortung gebunden sein: Arbeitsplätze zu schaffen, die bleiben, auch wenn die Firmen sich zurückziehen – damit etwas bleibt, das funktioniert und hilft. Nachdem ich das öffentlich gesagt hatte, wurde ich aus dem Wahlkampf genommen. Meine Staatsangehörigkeit und Integrität wurde in frage gestellt, das war Propaganda. Aber die Wahrheit ist, dass die Mehrheit der Menschen in Haiti mich liebt. Ich hätte einen Knopf drücken und damit vier Millionen Kinder mit Waffen in den Händen auf die Straße bringen können. Wir hätten das Parlament absetzen und ein Blutbad anrichten können. Aber ich habe den Leuten gesagt: „Beruhigt euch!“ Ich wollte nicht Präsident werden um des Amtes oder der Macht halber, sondern um zu helfen.

          In den Vereinigten Staaten fürchten viele jetzt, dass die politischen Polarisierung in Gewalt umschlagen könnte. Sie auch?

          Absolut nicht. Aber wenn man sieht, wie „Black Lives-Matter“-Proteste und Trump-Anhänger aufeinandertreffen, kann ich die Sorge verstehen. Wir müssen uns wieder auf Werte wie universelle Liebe besinnen. Nur so können wir das Vertrauen ineinander wieder zurück gewinnen.

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