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The Crash : Die Band der Stunde: The Crash aus Turku

„England erstickt, während wir hier sprechen” - Crash-Sänger Teemu Brunila Bild: Warner

Ihr neues Album „Melodrama“ haben The Crash auf einem Bauernhof 150 Kilometer nördlich von Helsinki aufgenommen. Die Musik elektrisiert. Sprüht Telefunken. Jongliert mit Discokugeln, angestrahlt von Caprisonnen.

          Turku ist eine Stadt in den Schären Südfinnlands. Sie hat 175.000 Einwohner, drei Universitäten, einige hundertjährige Holzhäuser, Werften und die beste Band der Welt. Zumindest für die nächsten fünfzehn Minuten, und falls es Gerechtigkeit gibt, dann vielleicht noch ein paar Minuten länger.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Band heißt The Crash und besteht aus vier schmächtigen Jungs Ende Zwanzig, die schon seit Jahren zusammenspielen. Es ist schwer, sie in eine Schablone zu pressen. Denn sie haben sämtliche Schablonen längst in ihr Repertoire aufgenommen und übermalen nun deren Ränder, wie es ihnen gefällt. Sie sind, um es mit einem berühmten Buch von Friedrich Meinecke zu sagen: schaffende Spiegel. Denn The Crash sind wohl die erste Popband in klassischer Besetzung, die manisch Versatzstücke der Popgeschichte aufliest, neu montiert und zugleich umdeutet. Ähnlich wie Daft Punk, nur handgemacht. Und sie tut das alles ganz und gar nicht akademisch, sondern sehr sinnlich, frühlingshaft unbeschwert und im Bewußtsein, daß alles schon einmal dagewesen ist, selbst der Zitatpop.

          Superstars auf Fahrrädern

          Ein Lied von The Crash funktioniert in etwa so: Vom Stadionrock Van Halens nehmen sie die Synthesizerfanfaren, vom Funk der Jackson Five den Bass, von Bowie und Bolan den Glamour, von Aerobic-Platten die Dynamik und aus amerikanischen Billigfernsehserien die Gitarrenriffs. Das arrangieren sie sehr sorgfältig, mal lauter, mal leiser, und legen dann noch den überkandidelten, aufgekratzten, zartbitteren Tenor von Teemu Brunila darüber, dem Sänger und Kopf der Band. Dieses Muster ist deutschen Fernsehzuschauern seit kurzem bekannt, weil die Finnen das Lied zum aktuellen Werbespot von ebay beigesteuert haben: "Star", eine filigrane Hymne auf ein Mauerblümchen, auf ein kleines Licht, das leuchtet wie ein Stern. Im Grunde ist das Stück ein Selbstporträt dieser Gruppe: Außenseiter, die vom Rande her den Pop neu aufrollen.

          Kein Mensch in Finnland kennt ebay, so wie kaum ein Mensch in Deutschland weiß, welch außergewöhnliche, rührende, euphorisierende Musik aus Finnland kommt. Das wiederum wissen die Finnen, weswegen The Crash daheim längst Superstars sind. "Superstars auf Fahrrädern", sagt Teemu Brunila, denn in Finnland bekommt man schon mit 15.000 verkauften Alben eine Goldene Schallplatte. Die Band ist also in den Charts, berühmt und geliebt im eigenen Land, in Schweden und Lettland, aber sie verdient daran vergleichsweise wenig. Teemu Brunila schließt wohl auch deshalb bald ein Jura- und BWL-Studium ab.

          Radiohead? Pomadiges Kunstgewerbe!

          Brunila ist natürlich glücklich über den kleinen Erfolg, den sie bislang in Deutschland hatten, mit "Star", das inzwischen auf mittleren Hitparadenplätzen notiert ist und im Radio läuft, und mit den Tourneen als Vorgruppe: The Crash traten vor zwei Jahren mit Eskobar auf (und spielten die Schweden Abend für Abend in den Schatten), im Januar waren sie mit Reamonn unterwegs, im Mai werden sie Sportfreunde Stiller begleiten. Diese Bands sind eigentlich keine Konkurrenz mehr für The Crash, und Teemu Brunila weiß das auch, er ist aber viel zu höflich, das zu erwähnen.

          Dafür kanzelt er lässig all die britischen Bands ab, mit denen The Crash immer wieder verglichen werden. Den letzten Schrei von der Insel, The Darkness also, deren Vorliebe für Hardrock die vier Finnen hörbar teilen, mag er zwar, findet sie aber auch ein bißchen doof und wenig originell. "England erstickt, während wir hier sprechen", sagt Brunila, es erstickt an Erwartungsdruck und Prätention. Radiohead nennt er "pomadiges Kunstgewerbe" und "elektronischen Unsinn", der leicht zu fabrizieren sei. Und Coldplay hat er empfohlen, sich in "Warmplay" umzutaufen, weil das englische Wetter, gemessen am düsteren finnischen Loch zwischen Oktober und April, eher lau sei und Coldplays Melancholie daher bemitleidenswert.

          "Wenn ich singe, stelle ich mir vor, eine schwarze, traurige Sängerin in einem Jazzclub der fünfziger Jahre zu sein", sagt Brunila. Nostalgie treibt ihn an, das gibt er schnell zu, doch es ist mehr nostalgia for an age yet to come, wie die Buzzcocks einmal sangen. Solange diese Zukunft noch aussteht, phantasieren The Crash sie sich selbst herbei: Eine Welt, in der man erwachsen wird, ohne zu altern, in der niemand trennt zwischen cool und uncool, drinnen und draußen, erlaubt und verboten. Im Video zu "Star", dem ebay-Hit, kehrt Lassie wieder. Das ist als Balsam gedacht, sie wollen einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern, ohne Reue. The Crash überziehen solche Reminiszenzen an die Fernsehkindheit nicht mit einer Glasur aus Ironie, wie es zum Beispiel kürzlich mit "Starsky and Hutch" geschah. Sie riskieren, sagt Brunila, für "verrückt, kitschig und dämlich" gehalten zu werden, für kindisch und sentimental, weil sie das als Lebensqualität empfinden.

          Ihr neues, drittes, wieder wunderbares Album "Melodrama" hat denn auch nicht Umberto Tozzi maßgeblich beeinflußt, dessen "Gloria" alle paar Takte irgendwo aufscheint, sondern Zeichentrickfilme. "Wir wollten die Platte als Märchenkassette herausgeben, das wäre aber zu teuer gewesen", erklärt Brunila. Das Booklet zieren leider tatsächlich verrückte, kitschige, dämliche Zeichnungen von Elfen, Froschkönigen und Teddybären mit laufender Nase. Die Musik aber, aufgenommen auf einem Bauernhof in Hollola, 150 Kilometer nördlich von Helsinki, elektrisiert. Sprüht Telefunken. Jongliert mit Discokugeln, angestrahlt von Caprisonnen. Versendet Ferienprogramm. "Es ist ansteckend", singt Teemu Brunila auf "It's contagious", einem von gleich mehreren Hits des Albums, in dessen Video eigentlich nur Sydne Rome die Hauptrolle spielen dürfte. "Es ist ansteckend, und es ist ernst gemeint." Und es kommt nicht aus Sydney oder Rom, London oder New York, sondern aus Turku in Finnland.

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