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Taylor Swifts „Evermore“ : Ein Album für den langen, grauen Winter

„Evermore“ heißt das zweite Album, das Taylor Swift im Jahr 2020 veröffentlicht hat. Bild: Universal Music

Taylor Swift hat aufgehört, sich neu zu erfinden. Stattdessen veröffentlicht sie ein Schwesteralbum zum viel gelobten „Folklore“ – und macht einfach das, was sie am besten kann.

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          Wie kann sie nur? Wie kann eine Sängerin, die im Sommer erst, vor ein paar Monaten erst, eigentlich doch erst gestern, das Album des Jahres herausgebracht hatte, das von Feuilletonisten und Fans gleichermaßen in den Himmel gelobt wurde, wie kann diese Sängerin sich hinstellen – und einfach noch eins machen? Wie kann Taylor Swift nur?

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Ganz einfach, eben weil sie es kann. „Evermore“ heißt das Album, das sich an „Folklore“ aus dem Sommer anschließt, und auf dem Swift, wie sie schreibt, noch tiefer in die Folk-Materie eingestiegen ist. Das sind keine B-Seiten-Tracks oder Bonusmaterial, die Swift hier veröffentlicht, sondern es ist, nur viereinhalb Monate nach „Folklore“, ein weiteres sauber produziertes, sanftes Indie-Folk-Album, ausgefeilt bis in den letzten zarten Klavierton.

          „Wir konnten einfach nicht aufhören, Songs zu schreiben“, erklärt Taylor Swift im Prolog zum Album. „Um es poetischer auszudrücken: Wir standen am Rande des folkloristischen Waldes und fragten uns, ob wir umkehren oder noch tiefer in den Forst reisen sollten. Wir entschieden uns dafür, noch tiefer hineinzugehen.“ Wieder hat Swift zusammen mit Aaron Dessner (The National) aufgenommen, der bei fast jedem Song als Ko-Autor angeführt ist, ebenso mit Bryce Dessner und ihrem langjährigen Pop-Produzenten Jack Antonoff. Zu hören sind neben Swift die Stimmen von Justin Vernon (Bon Iver), Matt Berninger (The National), Marcus Mumford sowie Danielle und Este Haim. Sie hat also die Stars der amerikanischen Indie-Rock-Szene versammelt.

          Und sie hat auch wieder ein Video gemacht, in dem sie selbst Regie führte, zum Song „Willow“. Wie schon im Video zu „Cardigan“ steigt Swift darin in ihr magisches Klavier, nur um auf der anderen Seite in einem Wald in einer anderen Welt (und einem anderen Kleid) anzukommen. In der magischen Welt, die Swift auf diesem Album spinnt, tanzen im Video Menschen in langen Umhängen und goldglitzenden Masken im Schnee um ein magisches Feuer, oder Swift spielt in einer Glasvitrine Ukulele.

          Swift durchbricht mit ihrem zweiten Folk-Album gleichsam einen Teufelskreis, dem sie sich als junge Popkünstlerin immer wieder ausgesetzt fühlte: Der Druck, dass sie sich mit jedem Album neu erfinden müsste. Aus einer einstigen Country-Sängerin war schon früh ein Pop-Megastar geworden, der jedes Album mit neuer Ästhetik, neuen Klängen und Erzählungen anreicherte, der mal mit seiner Squad auf Rachefeldzug war, mal die Kritiker und Hater tanzend abschüttelte.

          Das 2019 erschienene Album „Lover“, wieder mit eigener Regenbogen-Hubba-Bubba-Ästhetik und Pro-LGBTQI*-Statement und einer klaren Kampfansage an Präsident Donald Trump, schien Swifts erste Wende zu sein: Nie zuvor hatte sie sich politisch geäußert, gleichzeitig versöhnte sie sich öffentlich mit ihrer angeblichen Erzfeindin Katy Perry, die gleich im Musikvideo auftrat, und sang wunderschöne Liebeslieder.

          Cover des Albums „Evermore“
          Cover des Albums „Evermore“ : Bild: dpa

          Und dann kam „Folklore“. Noch dem letzten verschrumpelten Bob-Dylan-Fan wurde klar, dass Swift die bedeutendste Songwriterin ihrer Generation ist, handwerklich war an den Erzählungen sowieso nichts auszusetzen, und dann hat sie auch noch diese Honigstimme, mit der man wohl geboren worden sein muss. „Evermore“ ist ein Schwesteralbum zu „Folklore“, beinahe klingt es, als sei alles aus einem einzigen Guss entstanden, an einem windigen Spätsommertag in diesem märchenhaften Wald, von dem sie schreibt. Swift hatte also nicht das Gefühl, wieder eine neue, artifizielle Version ihrer selbst erfinden zu müssen, sie hat mit „Evermore“ einfach da weitergemacht, wo „Folklore“ aufhört. Sie hat sich musikalisch gefunden, als Songwriterin – das ist die Qualität, die sie an sich selbst am meisten schätzt. Traurig, aber wahr, ist es jedenfalls fast ein Popwunder, wenn eine Popsängerin etwas, das gut funktioniert, einfach noch einmal macht (bei Hollywood-Produktionen wiederum üblich). Längst geht es bei Sängerinnen schließlich nicht mehr nur um Gesang, Talent, Gefühl, sondern um das Produkt, das der Popstar ist, die Frisur, die Bühnenshow, die Ästhetik, den Tanz, die Show. Sie widersetzt sich diesem Diktat und macht einfach die Musik, die ihr gefällt.

          Man muss Taylor Swift nicht mögen, um ihr unbestrittenes Talent als Songwriterin anzuerkennen. Man muss sie vielleicht mögen, um sich von ihrer Stimme abholen zu lassen, die eben sehr Pop ist, mal sehr schmelzend, immer recht glatt. Da schwingt immer ein bisschen Pathos mit. Aber lässt man sich einmal darauf ein, dann gelingt es genau dieser Stimme, genau diesem Pathos, die Hörer in dieses Evermore-Folklore-Dickicht zu ziehen, tief hinein in den Wald, in dem ihre Lieder ganz anders klingen und doch so, als seien sie schon immer da und für ewig.

          Eine alte Freundin, die rätselhafte Geschichten erzählt

          Wer den ganzen Herbst über noch „Folklore“ gehört hat, hat nun etwas für den langen, grauen, einsamen Winter. Eine alte Freundin, die anruft, die mal vorbeischaut, die eine ihrer rätselhaften Geschichten erzählt, zum Beispiel die von ihrer Großmutter Marjorie, einer Opernsängerin. „Sie besucht mich noch manchmal, wenn auch nur in meinen Träumen“, schreibt Swift mystisch in ihren Notizen zum Album und singt dazu: „What died didn’t stay dead, you’re alive, you’re alive in my head“. Ihre Geschichten sind nicht verzaubert, Swift verzaubert sie erst. „My mind turns your life into folklore“, heißt es in „Gold Rush“.

          Zwar hat sie sich auch bei diesem Album einen allzu großen Promo-Vorlauf gespart. Wie schon „Folklore“ kündigte sie auch „Evermore“ nur einen Tag vor Erscheinung an. Doch auf ihren Social-Media-Kanälen findet sich nun überall der eine Satz, ein Zitat aus „Willow“: „I come back stronger than a 90’s trend.“

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