https://www.faz.net/-gqz-a9gf1

Hiphop aus Tansania : Ein Wanderprediger vor dem Herrn

  • -Aktualisiert am

In der grünen Farbe der Revolution: Kala Jeremiah (rechts) wird von Tansanias Präsidenten John Magufuli empfangen. Bild: Issa Michuzi

Der Rapper Kala Jeremiah bescherte dem Bongo Flava, einem in Tansania sehr bekannten Genre des Hiphop, auch moralische Autorität – aber zwischen Zensur und Kommerz droht diese nun verlorenzugehen.

          4 Min.

          Über Nachrichtensprecher, die ja vor allem gut ablesen können müssen, gibt es normalerweise keine Entdeckungsgeschichten zu erzählen. Außer vielleicht über die Karriere des tansanischen Rappers Kala Jeremiah. Noch bevor er wirklich etwas von Musik verstand, ging er 2004 regelmäßig mit seinen journalistischen Artikeln auf die Radiostation in Mwanza und wurde jedes Mal vom Türsteher abgewiesen. Das könne in diesem Ton nicht auf Sendung gehen, es müsse schon ein Rap oder so sein. Mit einem eingekauften Beat und neuen Reimen für seine aufklärerischen Botschaften über Kinderarmut, Albinismus oder Korruption betrat Jeremiah 2005 erstmals ein Tonstudio und lernte, wie man beim Radio einen Fuß in die Tür kriegt.

          Am meisten Gehör findet Bongo Flava als international beliebter Hiphop Tansanias, der sich in den neunziger Jahren herausbildete. Musikalisch ist das Genre ein Schmelztiegel von Einflüssen, lebte aber stets von seinen sozial- und regierungskritischen Texten auf Suaheli – zum Beispiel trug es zur Aufklärung über die Aids-Epidemie bei. Mittlerweile ist die Bezeichnung schwammiger geworden, das Genre kaum wiederzuerkennen. Das liegt auch an dem seit Oktober in zweiter Amtszeit regierenden Präsidenten John Magufuli, einem autoritären Corona-Leugner. Ihm ist es gelungen, Musik zu zensieren und sogar dem Bongo Flava seinen kritischen Geist auszutreiben.

          „Ich singe nie ohne Agenda oder guten Zweck“, sagt Kala Jeremiah in einem Gesprȁch per Skype. Er sitzt im pinken Polohemd in seinem geparkten Auto, das Gespräch wird nur von lautem Vogelzwitschern unterbrochen. Wegen seiner politischen Texte kam im April 2020 eine Münchner Hilfsorganisation auf ihn zu. „Es hieß, es gebe da jemanden namens Toni Garrn, die interessiert daran wäre, in Tansania über die Pandemie aufzuklären“, erzählt er. Garrn ist ein deutsches Topmodel, deren Stiftung bereits in anderen ostafrikanischen Ländern Projekte realisiert hatte. Mit ihrer Hilfe entstand der Song „Corona Ipo“ („Corona existiert“), der zu einem Hit wurde. Clemens Mulokozi, Gründer der Hilfsorganisation Jambo Bukoba für Tansania, hatte den Kontakt zwischen den beiden hergestellt: „Wir dachten uns, wir könnten für ein Aufklärungsvideo der anderen Art doch Kala Jeremiah nutzen – also beauftragen. Seine Songs kennt in Tansania wirklich jedes Kind.“

          In Tausenden von Videos, die online gepostet wurden, nahmen die Tansanier diese Herausforderung an und wuschen zum Sound des Liedes ihre Hände. Bald darauf hatte jedes Geschäft seine eigene Waschstation installiert. „Kein anderes Land hat im Frühling 2020 so viele Hände gewaschen wie wir“, sagt Jeremiah. Genauso ausführlich besungen wurden die anderen beiden AHA-Regeln, die Warnsymptome einer Infektion, sogar der mögliche Anstieg von häuslicher Gewalt und Genitalverstümmelung im Lockdown. „Jeder ist ein Soldat“ lautet eine Zeile.

          Andere Künstler des Bongo Flava schlossen sich an, kurz darauf erschien der optimistischere und leicht ironische Song „Quarantine“, dessen Text keine medizinischen Details enthält, aber gut für die Stimmung im Land war. Nicht nur die Quarantäne, auch die Tanzschritte aus dem zugehörigen Musikvideo waren zur Nachahmung gedacht. Die bestverdienenden Musiker des Landes prahlen darin mit den Villen, in denen sie sich zu mehreren isolieren. Sie dürfen das, selbst ein Titan wie der Sänger Diamond Platnumz, in Tansania auch als „König des Bongo Flava“ bezeichnet, hat schließlich mal ganz unten angefangen.

          Weitere Themen

          Was will Polen von der EU?

          FAZ Plus Artikel: F.A.Z. Frühdenker : Was will Polen von der EU?

          Es knirscht heftig zwischen Warschau und Brüssel: Ministerpräsident Morawiecki will nun „Polens Position im Detail“ vor dem EU-Parlament erklären. Ampel-Koalitionsgespräche könnten Donnerstag starten. Und die Frankfurter Buchmesse öffnet. Der F.A.Z.-Newsletter.

          Topmeldungen

          Größerer Bundestag, mehr Stühle: Arbeiter bereiten den Plenarsaal vor.

          Posten und Plätze : Fast alles neu im Bundestag

          In wenigen Tagen tritt das neu gewählte Parlament zusammen. Stühle werden geschraubt und Posten verteilt – etwa im Bundestagspräsidium. Auch um die endgültige Sitzordnung wird noch gestritten.
           Die Handlung findet nicht einvernehmlich statt. Genau das reizt die Exhibitionisten – und macht sie zu Straftätern. (Symbolbild)

          Exhibitionisten in der Bahn : Masturbieren nur mit Mundschutz

          Immer mehr Exhibitionisten sind in deutschen Zügen unterwegs. Auch wenn sie dies mitunter nicht so wahrnehmen, begehen sie strafbare Sexualdelikte. Wie sich Betroffene wehren können – und wie man Tätern den Erfolg nimmt.
          Neun auf einen Streichen: Umgewehte Fahrräder am Donnerstagmorgen in Köln

          Wetterdienst warnt : Sturm „Ignatz“ fegt über Deutschland

          Sturmtief „Ignatz“ beschert Deutschland bereits in der Nacht viele Einsätze von Polizei und Feuerwehr, vor allem in Hessen. Der Deutsche Wetterdienst warnt vor orkanartigen Böen mit bis zu 105 Stundenkilometer – die Deutsche Bahn vor Zugausfällen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.