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Sufjan Stevens in Berlin : Ich mache euch glücklich

Ein Außerirdischer ist er nicht. Aber Sufjan Stevens Lieder klingen manchmal so, als seien sie nicht von dieser Welt Bild: Andreas Pein

Es war, als lachte das Publikum beim Mitsingen: Sufjan Stevens gehört zu den begabtesten Liedermachern Amerikas. Beim Auftritt im Berliner Admiralspalast machte er auch dort seine Fans sehr, sehr glücklich.

          Wer ist Sufjan Stevens, und warum hat er nur so einen seltsamen Vornamen? Erstens: Seine Eltern waren Hippies und folgten eine Zeitlang einer synkretistischen Sekte. Zweitens ist er ein hochbegabter amerikanischer Liedermacher, vielleicht der begabteste von allen, jedenfalls der einzige, der dort weitermacht, wo Simon and Garfunkel vor vierzig Jahren bei „Scarborough Fair“ aufgehört haben, bei der Erfindung des amerikanischen Kunstliedes aus den Mitteln des Pops also. Drittens ist er ein Chronist amerikanischer Alltagskultur mit einem hypertrophen Sinn für die absonderlichsten Seltsamkeiten, die in diesem riesigen Land Platz finden. Und viertens, und das vor allem, ist er ein Musiker, der seine Fans sehr, sehr glücklich machen kann.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es gab einen Augenblick am Samstagabend im ausverkauften Berliner Admiralspalast, nach zwei Stunden mit Sufjan Stevens und seiner Begleitband, da man sich im Jubel und Getrampel und den Rufen nach mehr, bitte mehr von dieser Traummusik umsah und ernsthaft fragen musste, wann und wo man diese Art Liebe und Begeisterung das letzte Mal erlebt hatte. Sufjan Stevens, ein schmaler Mann Mitte dreißig, kam dann noch einmal zurück auf die Bühne.

          Er hatte sich inzwischen umgezogen, den fluoreszierenden Overall und den Kopfschmuck, die Flügel vor allem abgelegt, die er in den zwei Stunden davor getragen hatte. Er setzte sich ans Klavier und spielte nur die ersten Töne seines Stücks „Concerning the UFO sighting near Highland, Illinois“, mit dem 2005 sein Meisterwerk „Come on feel the Illinoise!“ begann - und wieder brach Jubel aus, kurz diesmal aber nur: weil man möglichst leise sein muss, um Stevens und seiner zerbrechlichen, weichen Stimme zu folgen.

          Eine Disco-Science-Fiction-Operette

          Seit dieser Platte, einer Art Geschichtsbilderbuch über den Bundesstaat Illinois, hat Sufjan Stevens eine Oper über den Brooklyn-Queens-Expressway geschrieben und einen Comic dazu gemacht, in dem Superhelden gegen den New Yorker Stadtplaner Robert Moses antreten, der seine Stadt zubetonieren will. Im vergangenen Herbst ist dann „The Age of Adz“ erschienen, und weil man so lange auf dieses achte Album hatte warten müssen, gefiel es einem erst mal vielleicht nur deshalb. Sobald sich das aber legte, blieben elf Lieder, von denen mindestens die Hälfte schwer nervten, weil sie so elektronisch dick aufgetragen waren und es einfach zu viel vom Zuviel war: zu viel Außerirdische, zu viel Privatreligion, zu viel Flohmarktkunst. Lieder über den Vesuv! Man wünschte sich doch einfach nur eine kleine Melodie von ihm.

          Auf der Bühne reimte sich dann aber alles plötzlich zusammen, weil zu der Intensität der Musik Bilder gehörten und Sufjan Stevens und seine Band sie jetzt lieferten. Die Sängerinnen, die sehr hübsch tanzten, Stevens selbst, die zwei Schlagzeuger, die Bläser und Gitarristen und Keyboarder trugen Kostüme, die je nach Licht leicht irre leuchteten. Eine Videowand zeigte Bilder von Royal Robertson, einem verstorbenen, mehr als leicht irren Maler und Propheten aus Louisiana, dem Sufjan Stevens „The Age of Adz“ gewidmet hatte und über den er eine kleine Rede hielt, mitten im Konzert. Stevens tanzte selbst auch, und da klärte sich endlich auf, was an der letzten Platte, zu Hause, mit Kopfhörern, noch irritierte: Sie sollte Dancemusic sein, eine Disco-Science-Fiction-Operette, „Oklahoma“ aus einem Studio 54 auf dem Mond. Man muss nur die Kopfhörer abnehmen und dazu tanzen, um es zu verstehen.

          Dann, nach dem Jubel und dem Trampeln, kehrte Sufjan Stevens also noch einmal zurück, setzte sich erst ans Klavier, nahm danach die Gitarre, spielte „John Wayne Gacy, Jr“, sein herzzerreißendes, stilles Lied über einen Serienmörder, schließlich kam auch die Band dazu, Luftballons regneten von der Decke, und es war, als lachte das Publikum beim Mitsingen. Wer ist Sufjan Stevens? Ein Mann, der es schafft, dass ein dunkler Saal von innen leuchtet.

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