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Gwen Stefani : Stylistisch wertvoll

  • -Aktualisiert am

Knalleffekt Cocktailkirschenlippen: Gwen Stefani in Hamburg Bild: F.A.Z. - Foto Holde Schneider

Es ist nicht alles platinblond, was glänzt: Die amerikanische Popsängerin Gwen Stefani ist auf Deutschland-Tour. Christina Hoffmann sah in Hamburg eine perfekte Show. Zwischen Manga-Ästhetik und Militärparade.

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          Das Stockdunkel der Hamburger Colour Line Arena tastet ein Suchscheinwerfer ab, Kreise beschreibt er, und plötzlich taucht in der Menge ein Polizist auf. Er ist hinter einem Mädchen her. Aber keine Angst, die wollen nur spielen! Treuherzig lächelt der good cop in seiner schwarzen amerikanischen Montur der zierlichen Japanerin zu, die direkt einem Manga entsprungen scheint.

          Süß grinst sie zurück, das „Hasch mich“ der beiden führt sie auf die Bühne, wo sogleich ein monströses schwarzes Podest auseinanderfährt. Aus dem Nichts schiebt sich wie von Zauberhand ein riesiger Kubus in die Lücke nach vorn. Dem goldenen Käfig mit Diskokugel entspringt Gwen Stefani. Die Quietschfidele trällert: „The Sweet Escape“ – Powerpop, der eine kleine Liebesflucht nach einem Streit heraufbeschwört, denn dann: „I could be your favourite girl forever / perfectly together.“

          Der Fleisch gewordene Comic-Traum

          Perfekt scheint der Fleisch gewordene Comic-Traum tatsächlich, auch als ewiges Mädchen geht Gwen Stefani durch. Keinen Tag wirkt sie gealtert, seit sie als Frontfrau von „No Doubt“ Weltruhm einheimste. Damals, vor zehn Jahren, als sie Ende zwanzig war und ihr Schlussmachsong „Don’t Speak“ auf allen Kanälen lief. Seinerzeit haftete ihr das Image des lustigen Ska-Punk-Rock-Mädchens an. Heute umgibt sie eine Aura makelloser Sauberkeit. Egal, wie wild sie über die Bühne fegt: Die platinblonde Frisur sitzt; ihr Lippenstiftmund leuchtet rot wie eine Cocktailkirsche; die falschen Wimpern halten. In ihrem schwarzweiß gestreiften Overall, der mit sehr knappen Hotpants über ihren Stelzenbeinen endet, sieht sie aus wie ein exotisches und teures Insekt.

          Gwen Stefani überragt die japanischen Tänzerinnen im Hintergrund um einen guten Kopf. Die „Harajuku Girls“ unterstützten sie schon auf der vorherigen Tour. Wer niedlich und sexy wie die Girls aussehen will, kann bei „Harajuku Lovers“ einkaufen – Gwen Stefanis Zweitlabel. Nein, vornehme Zurückhaltung ist ihre Sache nicht. Dick trägt sie auf, beim Make-up, in ihrer Show und auch bei der Selbstvermarktung. Die Klamotten, die sie auf der Bühne trägt, stammen zum großen Teil von ihrer anderen Modelinie „L.A.M.B.“.

          Beats zum Schütteln

          Viel (Schleich-)Werbung, bedenkt man, dass sie fast so viele Outfits je Konzert braucht wie Produzenten pro Album. Schon eine ganze Horde Stars hat sich Gwen Stefani ins Boot geholt für ihre vorigen Platten: etwa Tony Kanal, den Bassisten von „No Doubt“, Tim Rice-Oxley von den Softpoppern der Band „Keane“ und vor allem Pharrell Williams und Chad Hugo alias „The Neptunes“. Die haben ihr etwa den Hit „Wind it Up“ geschrieben: Vor der Videoprojektion eines blauen Himmels mit Schäfchenwolken jodelt Gwen Stefani nun, was das Zeug hält, dann mischen sich Marschmusik und R-&-B-Hinternschüttelbeats, ehe Gwen Stefani von allerlei Dingen sprechsingt – zum Beispiel von ihrem Label „L.A.M.B.“. Die Tänzerinnen führen Cheerleadergehopse dazu auf und enden mit einem lauten „Hey“.

          Angst vor Entertainment kann man Gwen Stefani wahrlich nicht vorwerfen: Zu „Rich Girl“ rieselt güldenes Riesenkonfetti dem Publikum auf die Köpfe, die visuals zeigen rollenden Rubel. Das große goldene G, das flach über der Bühne ruhte, wird gen Zuschauer geschwenkt. Unzählige Scheinwerfer zieren es, die auf einmal, bling-bling, wie Diamanten funkeln. Der Abklatsch von „If I Were a Rich Man“ aus dem Musical „Fiddler on the Roof“ kommt an beim Publikum in der halbvollen Colour Line Arena.

          Tänzer, bleibt auf dem Boden

          Es sind nicht etwa wie erwartet vor allem Teenager da; vielleicht dürfen die unter der Woche nicht so lange aufbleiben. Stattdessen: viele Frauen zwischen dreißig und vierzig, die entweder stocksteif dastehen oder so sexy tanzen, als hätten sie die Schritte vor dem Spiegel einstudiert. Wer dem Rauchverbot trotzt, erntet offenen Tadel. Besser als Qualmen kommt der neue Song „Now That You Got it“ an, der in Kürze veröffentlicht wird: Hip-Hop trifft auf Reggae, die Tänzer tragen Adidas-Jogginganzüge, in bester „You Got to Keep it Real“-Attitüde.

          Wenn sich Popzitate an Hip-Hop-Huldigungen an Danceknaller reihen, wenn das Musical von einem Moment zum nächsten in eine Militärparade kippt, fragt man sich irgendwann doch, ob das nun postmodern ist oder doch nur ein wahlloses Potpourri? Die Effekte überstürzen sich, an der Show gibt es nichts auszusetzen, jeder Tanzschritt sitzt, jedes Kostüm überrascht, alles ist perfekt – und doch kommt Langeweile auf. All die Starproduzenten, all die Stylisten können Gwen Stefani nicht aus ihrer künstlerischen Durchschnittlichkeit befreien. In Interviews gibt sie bereitwillig zu, dass sie von Musik keine Ahnung und nur immer mit den richtigen Leuten zusammengearbeitet habe. Tatsächlich fehlen ihr Eigenständigkeit und Seele. Hinter der hochglanzpolierten Oberfläche wartet nichts, nur gähnende Leere. Wie lange sie damit wohl noch Erfolg haben wird?

          In der Häschen-Schule

          „Tick-tack-tick-tack“, zählt Gwen Stefani den finalen Countdown ein und singt: „You’re Still a Superhot Female!“ Die Japanerinnen tragen jetzt Babydolls und weißblonde Perücken, hüpfen als Häschen über die Bühne. Plötzlich wird die Arena in gleißendes Licht getaucht. Geblendet von den Scheinwerfern, all dem Platinblond und dem strahlenden G über der Bühne, versteht man: Das Spektakel ist zu Ende. Gwen Stefani und ihre große Entourage reihen sich auf, verbeugen sich, wie im Theater. Wer jetzt nicht mit leeren Händen nach Hause gehen mag, kann sich am Merchandise-Stand noch eine Gwen-Barbiepuppe kaufen.

          Weitere Konzerte in der Nähe:

          Mittwoch, 12. September: Zenith, München
          Freitag, 14. September: Velodrom, Berlin
          Samstag, 15. September: Kölnarena, Köln

          Sonntag, 7. Oktober: Rockhal, Esch-Alzette, L

          Mittwoch, 17. Oktober: Stadthalle, Wien, A

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