https://www.faz.net/-gqz-a1r2t

Straßenrapper Luciano : „Ich habe die Fassung bewahrt“

Mag schnelle Autos und guten Rosé: Luciano Bild: Universal Music

Luciano ist der vielleicht ambitionierteste, sicher aber besterzogene Rapper seiner Generation. Mit seinem neuen Album „Exot“ will er das auch international beweisen. Eine Begegnung im Wald.

          6 Min.

          Eine gepflasterte Straße führt zum Grunewald, dem Treffpunkt für Berliner Hundebesitzer. Rechts stehen Villen. Links vor dem Gelände eines von hohen Hecken umgebenen Tennisclubs parkt ein Sportwagen mit Heckspoiler, darin drei Männer, erst erkennbar, wenn man direkt vor der Fensterscheibe steht. Man winkt, man ist verabredet. Das Fenster öffnet sich einen Spaltbreit. „Moment“, ruft einer, „wir sprechen noch die Titelliste durch.“

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kurzes Herumstehen und Villenbetrachten. Aus der Ferne das Geräusch eines Staubsaugers. Dann gehen die Türen auf. Luciano steht in schwarzem Shirt und Turnschuhen da: Kann losgehen. Für alle. Vorbei am Tennisclub des Managers, der also auch dabei ist, Kautabak verteilt und aufpasst – zum Beispiel, dass niemand am Abhang über eine Wurzel stolpert. Luciano, der natürlich nicht mehr ohne Begleitung durch den Wald läuft, sagt, er gehe gern spazieren. Die Hundebesitzer schauen herüber und dann zügig in die Wipfel.

          Teil seiner Mission

          Seit der Erfolg kam, hat Luciano wenig über seine Musik gesprochen, von den ersten eigenen Youtube-Videos, dem Plattenvertrag im Jahr darauf und schließlich den Alben, einem pro Jahr. Sein viertes, „Exot“, ist gerade erschienen, die vorher veröffentlichten Singles waren alle schon in den Top-Ten der Charts. Er ist einer der erfolgreichsten Rapper Deutschlands und spricht getreu seinem Song „Vorankommen“ (2017) doch ganz gern über seine Arbeit. Unbeliebt ist nur das Festhalten an Themen, die nicht Teil von Lucianos unternehmerischer Mission sind. Alltagsrassismus zum Beispiel.

          Also Versuch, den Gangsterrapper aus den Videos mit dem freundlichen Typen in Einklang zu bringen, der ein wenig schlurft, häufig nickt und grinst. Lucianos Hals ist tätowiert, die Hand der Fatima ragt aus seinem Kragen, auf den Oberarmen steht der Text von „Geh meinen Weg“, einem seiner persönlichsten Songs. „Die Welt ist kalt und zerfetzt dich, wenn du ehrlich bist / Halt dich fest an deinem Traum, weil es mehr nicht gibt.“

          Er sei mit Arabern und Türken groß geworden, erzählt er, habe als Jugendlicher mal bei seinem Brüdern aus dem Libanon, mal bei denen aus der Türkei zu Abend gegessen und werde, weil er aus den Kulturen zitiere, noch immer gefragt, woher er eigentlich komme. Die eine Heimat gibt es ja auch nicht, und das ist gut so. In Bautzen wurde er geboren, weil sein Vater als Gastarbeiter aus Mosambik dort einen Job auf dem Bau fand und eine deutsche Frau. Damals hieß Luciano noch Patrick Großmann. Mit vier Jahren ging es dann nach Ost-Berlin. Auf dem Kassettenrekorder seiner Schwester nahm er die ersten Hooks auf, hörte 50 Cent, spielte Fußball, war mehr draußen als daheim. Dann kam Moabit, wo er sich am wohlsten fühlte. Die ersten Partys. Schließlich Schöneberg, dort wohnte er schon allein, weil ihn sein Vater rausgeschmissen hatte. „Wenn ich Plattenbauten sehe, fühle ich mich immer zuhause“, sagt Luciano.

          Der Wiedererkennungswert seiner Musik liegt, mehr als in seiner Vorliebe für lange Nächte und „Millies“ (viel Geld), in seinem brummend-kehligen Ton, einer Kombination aus dem amerikanischen Rapper Scarface und einem tiefer gelegten Jan Delay: heruntergezogene Mundwinkel, zwischen denen Laute wie Geräusche von der Straße hervordringen. Die Adlibs, diese kurzen Improvisationen, hat er aus dem amerikanischen Rap, Puff Daddy prägte noch das schlichte „Aha“ am Zeilenende, bei Luciano ist es oft ein „Grrbao“. Jetzt, im Grunewald, klingt er nach seiner gern besungenen Jacky Cola, vertraulich, verzichtet aber auf alle Wortschöpfungen, die er erklären müsste. Nur geflext (angegeben) wird – in Maßen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Künstliche Intelligenz : Nach dem Hype

          Mit unserem Gehirn können es Computer noch lange nicht aufnehmen. Dennoch ist klar: Künstliche Intelligenz wird in immer mehr Bereichen den Menschen überflügeln – es geht um Geld, Macht und Kontrolle.

          Neue Stadtteile : Deutschland baut XXL

          In den Metropolen fehlen zehntausende Wohnungen. Gegen den Mangel soll Neubau helfen, überall entstehen neue Stadtteile. Wir stellen die größten Projekte vor.
          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

          Rüsten für zweite Corona-Welle : Das nächste Mal ohne Schlagbäume

          Deutsche und französische Parlamentarier befragen gemeinsam ihre Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Olivier Véran (LREM). Neue Exportbeschränkungen wollen sie meiden. In anderen Punkten liegen sie auseinander.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.