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Straßenrapper Luciano : „Ich habe die Fassung bewahrt“

Luciano: Willst du ein Foto?

Junge: Hab‘ schon eins.

Er dreht sich um, tippt auf seinem Handy. Luciano wartet freundlich lächelnd.

Junge: Schon ok, ich will nur meinen Freunden Bescheid sagen.

Kein Ding, sagt Luciano, hebt die Hand zum Abschied, dann geht es weiter.

Sein neues Album ist voller Referenzen. Im Gegensatz zum vor einem Jahr erschienenen „Millies“, das persönlich war, von der Last des Erfolgs und neuen Kämpfen im Kopf handelte und sich an Pop und Dancehall orientierte, erschließt sich „Exot“ mit seinen 21 Songs nicht so einfach, es ist sperrig und komplex. Die Phase, in der er Geschichten von der Straße erzählte und seine Mutter um Verzeihung bat, ist vorbei. Aber er schreibt immer noch selbst: Manchmal fünfzig Songs im halben Jahr.

Da sind also karibische Rhythmen und Clubbeats in „Late Night“, einer konkurrenzfähigen Version von Kid Cudis legendärem „Day ’n’ Nite“. Das dem Album vorangestellte Intro hat er von der englischen Sängerin und Produzentin Kate Wild erarbeiten lassen, die auch für David Guetta produziert: Eine schräge Proklamation auf die Melodie von „Voyage, Voyage“, die an Westküstenrap und dessen Einfluss auf die Jazzszene um Kamasi Washington erinnert – der sich wiederum als Freiheitskämpfer sieht.

Der wuchtige, neue Sound, die Querflöten und Querverweise und Kooperationen mit Profis wie Yung Hurn, die Anonymität der Orte seiner nächtlichen Streifzüge, all das deutet auf Lucianos Plan hin, die internationale Hiphop-Szene zu erreichen. Kein Berliner, sondern ein europäischer Rapstar zu sein. Mit Shirin David hat er den Song „Never Know“ produziert, eine Partyhymne, die im Club gut ankäme, gäbe es legale Clubabende in diesem Sommer. Eine sehr nette Frau mit gutem Charakter, sagt Luciano über David, ihre Seriosität als Unternehmerin habe ihm imponiert. Er nimmt Rapperinnen ernst, die internationalen Standard zeigen, Stars wie Niki Minaj und Cardi B.

Kurz bevor der Wald sich lichtet, fallen sich auf dem Weg zwei Hunde an. Lautes Gebell, Geschrei, an Leinen reißende Besitzer. Für einen Moment verhaken sich Herrchen, Frauchen und Tiere zu einem dynamischen Knäuel. Als es sich schließlich wieder löst, ruft eine der Frauen „Unfassbar – Sie schlagen doch auch keine Kinder.“ Die andere, die nur Englisch spricht, schaut sich hilflos nach dem Rapper um. „Don’t worry“, sagt der, und der Manager: „It’s not important.“

„Ich denke mal“, sagt Luciano dann, „dass ich gut erzogen bin“. Er spricht gern davon, dass sein Vater früher glaubte, er werde in der Gosse landen, ein strenger Mann, der seinem Sohn lange nicht zutraute, sein eigenes Geld verdienen statt ergaunern zu können. Bei einem seiner letzten Konzerte kam er stolz auf die Bühne. Er sei jetzt viel milder geworden, sagt Luciano. So wolle er selbst auch einmal sein: der coole Vater, der beim Elternabend dabei ist. Kein Straßenrapper. Lieber ein Geschäftsmann wie 50 Cent, der mit 45 noch aussieht wie 35.

Feierabend, Rückkehr zum Sportwagen. Jetzt noch was vom Kiosk? Nein, sagt Luciano, Jacky Cola trinkt er nicht mehr, das mache seine Leber kaputt. Ein freundlicher Abschiedsgruß, dann Abfahrt. Wird ja auch bald dunkel.

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