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Stevie Wonder wird 70 : In der Tonart seines Lebens

  • -Aktualisiert am

Weise: Stevie Wonder 1982 in New Mexiko Bild: AP

Wie aus einem blinden Jungen erst der amerikanische Heintje, dann ein Alleskönner und Erneuerer des Soul wurde: Stevie Wonder zum Siebzigsten.

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          Zunächst ein Witz: „Mister Wonder, macht es Ihnen eigentlich etwas aus, dass Sie blind sind?“ – „Nein. Hauptsache, ich bin kein Schwarzer.“ Es war absehbar, dass der von einer fehlerhaften Sauerstoffbehandlung gleich nach seiner Geburt am 13. Mai 1950 in Saginaw, Michigan, Erblindete, falls er Musiker werden wollte, dies in der Ray-Charles-Pose tun würde.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit vier Jahren, zu der Zeit, als der Soul und der Rock ’n’ Roll Gestalt annahmen, sang er im Kirchenchor; mit neun konnte er Klavier, Mundharmonika und Schlagzeug spielen; als Motown-Gründer Berry Gordy den Elfjährigen vorspielen ließ, engagierte er ihn sofort. Und so begann die Geschichte des größten Junggenies, das die Popmusik je gesehen hat.

          Aufgrund des Tempos, in dem sich Stevie Wonders Entwicklung vollzog, war es gar kein langer Weg vom zwölfjährigen, noch halb in der Glenn-Miller-Ära steckenden Schmalzbubi, der auf seinen ersten, mit Big Band orchestrierten Platten dermaßen zart und sentimental sang, dass man ihn fast als den amerikanischen Heintje bezeichnen könnte, bis zum Maß wirklich aller Popdinge in den Siebzigern, als das er ewig gelten wird. Man kann darüber streiten, wann er in seine mittlere Phase eintrat: mit der Platte „At the Beach“ (1964, da war er vierzehn), auf der sich sein quecksilbriger Party-Frohsinn schon breitmachte und ihm selbst seine Rolle als bloßer harmonica man beziehungsweise boy nicht mehr genügte, oder – der Stimmbruch scheint ihn, anders als normale Chorknaben, nicht nennenswert ausgebremst zu haben – mit „Down to Earth“ (1966, da war er sechzehn), als er, nicht nur in einer gelungenen Version von Bob Dylans „Mr. Tambourine Man“, schon einen Pop-Universalismus mit den Singer-Songwriter-Ambitionen anklingen ließ, die er später so hemmungslos und zur Freude jedes halbwegs an Musik interessierten Menschen auslebte.

          Er reifte jedenfalls unglaublich schnell: stimmlich zu immer mehr Direktheit und Intensität, als Instrumentalist zu einem Alleskönner, vor allem am Keyboard und am Clavinet, und als Interpret, der mit dem unterschiedlichsten Material fertigwurde, ob mit Dylans „Blowin’ in the Wind“, mit Merle Travis’ Cowboy-Weise „Sixteen Tons“, dem Repertoire aus dem eigenen Motown-Stall oder mit von ihm bereits mitkomponierten Liedern wie „I Was Made to Love Her“ (1967) und dem wunderbaren „My Cherie Amour“ (1969).

          Dies war, wie alles weitere, von reiner, zwingender Musikalität; es entbehrte aber der sozialkritischen Dimension, die Berry Gordy ihm damals aus rein geschäftlicher Vorsicht heraus genauso wenig zugestehen wollte wie Marvin Gaye, dem zweiten großen Motown-Solostar. Und es ist die Frage, welche Phase man für die bessere hält: die bis einschließlich 1971, als Stevie Wonder noch im Firmenkorsett steckte und seine gehemmten Ambitionen durch Unmittelbarkeit und Wärme wettmachte; oder die 1972 einsetzende, als die epochemachenden Alben „Music Of My Mind“ und, auf der amerikanischen Original-Plattenhülle mit Blindenschrift gespickt, „Talking Book“ herauskamen und allein schon mit „You Are the Sunshine of My Life“ und „Superstition“, seinem wohl immer noch größten Song, den Soul in eine neue Umlaufbahn schossen.

          Musikkritiker werden letzterer den Vorzug geben und darauf verweisen, dass erst hier Stevie Wonders absolute, mit Grammys überhäufte Meisterschaft Laut gibt. Zweifellos sind Stücke wie die Ghetto-Moritat „Living for the City“ (1973), die Nixon-Attacke „You Haven’t Done Nothing“ (1974) und erst recht das Doppelalbum „Songs in the Key of Life“ (1976) musikalisch und textlich relevanter. Aber man höre sich dann wieder an, was er vor der Entlassung in die Selbständigkeit gemacht hat, etwa „Heaven Help us All“, „I Wanna Talk to You“ oder das todtraurige „Never Dreamed You’d Leave in Summer“: Lieder von makelloser Schönheit, mit einem direkteren emotionalen Zugang.

          Man kann es verschmerzen, dass dieser Musiker in der Zeit nach seinem dreißigsten Geburtstag fast gar keine Furore mehr machte; er hat in seinen jungen Jahren weiß Gott genug gemacht. Wenn wir an diesem Mittwoch Stevie Wonders siebzigsten Geburtstag feiern, dann erinnern wir voller Respekt daran, dass dies der Mann ist, der nicht lockerließ, bis Amerika aus dem Geburtstag Martin Luther Kings, dem 15. Januar, einen nationalen Feiertag machte. Happy Birthday.

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