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Stevie Wonder wird 60 : Der Sonnenschein unseres Lebens

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Ein-Mann-Orchester Wonder: Am heutigen Donnerstag wird der Musiker 60 Jahre alt Bild: dpa

In den Siebzigern war der Sänger, Komponist und Multi-Instrumentalist das Maß aller Dinge. Stevie Wonder schenkte dem Soul eine Dimension, die bis heute nachwirkt. Heute feiert er seinen 60. Geburtstag.

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          Die Soulmusik hatte, als Produkt aus Rhythm & Blues und Gospel, lange damit zu kämpfen, aus den Schablonen dieser beiden Ursprungsstile herauszukommen. Nicht nur unter diesem Aspekt muss man Stevie Wonder als ihren Befreier und, neben Michael Jackson, Vollender betrachten. Dies wurde er nicht nur auf Grund seiner unüberbietbaren Musikalität, sondern auch dank seines sozialkritischen Gespürs, mit dem er den Soul um eine wesentliche und bis heute nachwirkende Dimension erweitert hat, zur selben Zeit wie Marvin Gaye.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Das bedeutete nicht nur eine Bereicherung; es brachte auch die Notwendigkeit mit sich, den Soul, der bis dahin vor allem unter seinem erotisch-aufheizenden Aspekt verstanden worden war, zwischen Liebesausdruck und Sozialkritik in der Balance zu halten. Stevie Wonder gelang dies wie keinem Zweiten, vermutlich auch wegen seines bisweilen naiv anmutenden, ausgesprochen sonnigen Gemüts, das ihn nicht nur das Schicksal, mit Blindheit geschlagen zu sein, meistern ließ und Welten legte zwischen ihn und die Militanz der Blaxploitation-Ära. Stevie Wonder erreichte seine Ziele spielend und setzte seine einzigartige Autorität, die ihm dank seiner technischen Überlegenheit zugewachsen war, auch für außermusikalische Anliegen ein. Ihm ist es maßgeblich zu verdanken, dass der Geburtstag Martin Luther Kings amerikanischer Nationalfeiertag wurde, dem er „Hotter Than July“ (1980) widmete, mit den noch einmal um die Welt gehenden Singles „Master Blaster (Jammin')“ und „Happy Birthday“, sein letztes Meisterwerk.

          Produktionskunst mit Finesse

          Dem waren Plattenlieferungen vorausgegangen, die selbst die allergrößten Konkurrenten entmutigten. Paul Simon, ebenfalls lange Zeit unfähig zur Erfolglosigkeit, dankte Stevie Wonder anlässlich seines Grammy-Gewinns einmal ausdrücklich dafür, dass dieser gerade nichts eingespielt hatte. Stevie Wonder war Mitte der Siebziger auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Um sich davon einen Begriff zu machen, vergegenwärtige man sich, dass Platten wie „Where I'm Coming From“, mit der er 1971 seine Befreiung von dem erdrückenden Einfluss Motowns feierte und die Berry Gordy deswegen am liebsten verhindert hätte, oder „Music Of My Mind“ zwar schon Außergewöhnliches wie die bitter-herbe, todtraurige Ballade „Never Dreamed You'd Leave in Summer“ oder das ausgefuchste „Superwoman“ enthielten, aber noch nicht in die absolute Superstar-Zeit gehörten, die dann mit „Talking Book“ 1972 begann und mit „Songs In The Key Of Life“ 1976 endete, jenem Doppelalbum, das ein „Songpanorama schwarzen Sehnens und Seins“ (Rowohlts Rocklexikon) war.

          Konzert im Jahr 1970 in New York: Stevie Wonder kennt keine stilistische Begrenzung

          In dieser Zeit gelang ihm alles. Seine Musik, in die Soul, Jazz und Rock wie ein quecksilbriges Amalgam eingingen, war makellos, die Finesse seiner Kompositions-, Arrangeurs- und Produktionskunst unerhört; die Evidenz seines Vortrags sorgte dafür, dass seine Musik ungeachtet ihrer Komplexität und elektronischen Anmutung immer eine persönliche, warme Note hatte. Es schien geradezu so, als ob sich seine Persönlichkeit erst in der Ausreizung der Möglichkeiten des Moog-Synthesizers und des Clavinets so richtig entfalten würde.

          Anschmiegsam, ansteckend und unwiderstehlich

          Der Songreigen, den er in dieser Epoche hervorbrachte und der ihn größer als die Beatles erscheinen ließ, kannte keine stilistische Beschränkung mehr: der unwiderstehliche Funk von „Superstition“ und „Living in the City“, die ätzende (gegen Richard Nixon gerichtete) Anklage von „You Haven't Done Nothing“, der anschmiegsame, jazzig untertönte und doch reine Pop von „You Are the Sunshine of My Life“, die ansteckende Fröhlichkeit von „Sir Duke“ und die tief empfundene Kindheitsreminiszenz von „I Wish“ - das waren alles Lieder, die wie die Feier von Musik an sich klangen.

          Es ist heute schwer vorstellbar, dass dies der Ertrag eines Mittzwanzigers war. Ihm vorausgegangen war, eingezwängt ins Motown-Korsett, der Karriereabschnitt eines Kindes und Teenagers, der anderthalb Dutzend Platten abwarf und von denen ein Bruchteil gereicht hätte, ihm einen sehr günstigen Platz im Pop-Pantheon zu sichern. Der Elfjährige spielte vor und wurde sofort unter Vertag genommen, in den er in Ray-Charles-Pose startete und der Motown bis 1970 dreißig Millionen Dollar einbrachte.

          Sündenfall in den Achtzigern

          Der Multiinstrumentalist, aus dem später ein Ein-Mann-Orchester wurde, spielte und hechelte sich mit einer solchen Intensität und Direktheit durch sein Material, dass schon damals das meiste zündete, obwohl ihm die spätere Finesse natürlich noch fehlte - vom ersten Hit „Fingertips, Pt. 2“ über „Uptight“, Dylans „Blowin' in the Wind“ bis hin zu den mächtig ausschwingenden und bereits meisterlichen Liedern „I Was Made to Love Her“, „For Once in My Life“, „My Cherie Amour“ oder „Yester-Me, Yester-You, Yesterday“.

          Niemand kann unbegrenzt schöpferisch sein. Stevie Wonders Kraft oder zumindest der Wille, sie auszudrücken, ließ in den achtziger Jahren nach, auch wenn sein bekanntestes Lied erst noch kommen sollte: „I Just Called to Say I Love You“ gilt, auf Grund der schlichten Machart, als sein Sündenfall. Das Album „In Square Circle“ (1985) fiel schon durch Ideenklau (bei sich und anderen, etwa Hall & Oates) auf, während seine gesellschaftlichen Engagements nicht nachließen. Auch wenn er seither mit nichts mehr Furore machte - die Folgen seines Genies können wir bis heute spüren, sobald wir Popmusik hören, die in irgendeiner Form vom Rhythym & Blues geprägt ist. Am kommenden Donnerstag wird Steveland Hardaway Judkins, der Mann, der Stevie Wonder ist, sechzig Jahre alt.

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