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Gedenkalbum für J.T. Earle : So wahr du mich belogen hast

  • -Aktualisiert am

Der Country-Musiker Steve Earle beim New Orleans Jazz Festival Bild: dpa

Ein Vater, der häufig nicht da war, gedenkt seines Sohnes, der vor ihm gestorben ist: Steve Earle singt auf dem Album „J.T.“ zusammen mit anderen die Lieder seines Sohnes Justin Townes Earle.

          2 Min.

          Die Musik war seine Vatersprache und der Vater häufig nicht da. Der Rest geht uns nichts an, wir mögen ihn uns denken. Justin Townes Earle schrieb oft über die Lasten der Familie, zwei seiner Alben nannte er „Single Mothers“ und „Absent Fathers“, auf einem anderen sang er: „I ain’t fooling no one / I am my father’s son.“ Seines Vaters Sohn zu sein, das hieß auch, einen Nachnamen zu tragen, der in seinem Metier schon seit Mitte der achtziger Jahre ein fester Begriff ist – seit der vokalschmirgelnde Heartland-Rocker Steve Earle sein Debüt „Guitar Town“ veröffentlichte.

          Mit zwei Cover-Alben hat Earle der Ältere bislang den Männern seiner musikalischen Erblinie nachgerufen. Guy Clark widmete er 2019 „Guy“, „Townes“ (2009) war sein Gruß an Townes Van Zandt. Earles dritte Hommage, betitelt mit den Initialen „J. T.“, gilt nun seinem Sohn. Im August 2020 starb Justin Townes Earle, dessen Namens- und Taufpate Townes Van Zandt war, im Alter von 38 Jahren an einer Überdosis Kokain und Fentanyl.

          Lebensfroher Country-Rock

          Auf Unfalltode folgt meist ein einseitiger Abschied, der Verstorbene hinterlässt eine abrupte Stille. Dieser hinterließ auch Lieder. Zehn Songs seines Erstgeborenen spielt Steve Earle mit seiner Band The Dukes, in der Umsetzung lieblich („Turn Out My Lights“) bis apokalyptisch („Lone Pine Hill“). Nimmt man die Idee einer Trauerfeier wörtlich, entspricht „J. T.“ in seiner elterlichen Gestik der ersten Worthälfte, in der musikalischen Stimmung der zweiten. Die autobiographische Traurigkeit liegt hier im Unterton. Als Nachweis der ungelähmten Vitalität höre man Steve Earles Interpretation von „Maria“: lebensfroher Country-Rock zwischen Mandoline und Lap-Steel-Gitarre.

          Es war im Hause Earle eine Art Familientradition, Lieder nicht nur über die Liebe und den Highway, sondern auch über Arbeiterleben zu dichten. Die ersten Töne auf Justin Townes Earles erster EP „Yuma“ (2007) entsteigen einer Spieldose, die behutsam die „Internationale“ abspult. Wie nahe sich Vater und Sohn – wenn schon nicht persönlich, so doch in ihrem politischen Lexikon – sein konnten, wird deutlich, wenn Steve Earle ausgelassen „They Killed John Henry“ singt. Erst im vergangenen Jahr hat er den mythischen Volkshelden auf seinem Album „Ghosts of West Virginia“ – Justin Townes Earles Song mit der sozialistischen Spieldose heißt übrigens „The Ghost of Virginia“ – mit einem eigenen Stück gerühmt. „J. T.“ erfordert vom Hörer keine Trauerkulanz, um musikalisch etwas herzugeben, aber nicht nur der Kehrvers „They killed John Henry, but they won’t kill me“ wirkt inzwischen anders aufgeladen. Im letzten Coversong des Albums, „Harlem River Blues“, der vom Klopfen eines Lebensmüden an den Himmelspforten handelt, heißt es: „I know the difference between tempting and choosing my fate.“ Die Realität sah wohl anders aus.

          Die letzten Worte übernimmt der Vater selbst. Über tiefen, nachdenklich brummenden Gitarrenakkorden singt Steve Earle in „Last Words“ von der ersten und der letzten Begegnung mit seinem Sohn, im Krankenhaus am Tag der Geburt, am Telefon am Tag des Todes: „I wish I could have held you when / You left this world, like I did then.“ Und dann ahnt man, was schiefgelaufen ist und was gut war: „You made me laugh, made me cry / You showed me truth and told me lies.“

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