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Stephen Malkmus in Köln : Der ewige Teenager

  • -Aktualisiert am

Stephen Malkmus Bild: Thomas Brill

Mit Wahnsinn und Spielwitz: Der Auftritt von Stephen Malkmus & The Jicks im Kölner Gebäude 9 gerät zu einer Mischung aus öffentlicher Probe und entfesseltem Rock-Spektakel.

          2 Min.

          Es ist keine zwei Monate her, da spielte Stephen Malkmus ein nachmittägliches Solo-Konzert auf der Dachterrasse des Kölner Museum Ludwig. Auf Zuruf bot er Perlen aus dem Back-Katalog seiner alten Band Pavement dar. Das ist jene Band, die der dumpfen Amtlichkeit des Neunziger-Jahre-Festival-Rock stets mit Nonchalance und Irrwitz begegnete und für viele Menschen um die vierzig identitätsstiftend wirkte. Dass sich Malkmus an jenem Nachmittag nicht immer an jede Zeile und jede Gitarrenmelodie erinnern konnte, trug durchaus einiges zum Charme der Veranstaltung bei.

          Das ist auch beim Auftritt von Stephen Malkmus & The Jicks im Kölner Gebäude 9 nicht anders. Malkmus hat in seinem Sommerhemd und den Kaki-Shorts etwas von einem verwirrten Adeligen im Safari-Urlaub. Sobald der Mittvierziger jedoch anfängt auf einem Bein herumzuhüpfen und dabei seine abgewetzte Gitarre haareschüttelnd hinter dem Kopf spielt, wirkt er immer noch wie der tunichtgute Sohn wohlhabender Eltern, der das Geld für die teure Privat-Universität hauptsächlich in subversive Partyabende investiert: Man fürchtet ein ums andere Mal, er könnte das Gleichgewicht verlieren und in seinen Verstärker fallen. Ist vermutlich auch schon des Öfteren passiert. Man mag diese Pose mit ewigem Slackertum erklären - nostalgisch ist nichts daran. Malkmus und seine Jicks liefern an diesem Abend den Beweis, dass man selbst ein angestaubtes Para-Genre wie Indierock als eine ganz neue Angelegenheit erklingen lassen kann. Man muss nur genügend Wahnsinn und Spielwitz mitbringen.

          In seiner eigenen spleenigen Version

          Mit dem vergleichsweise konventionellen „Tune Grief“ geht es los. Danach setzt die Band zum Freiflug an: Manches beginnt als Schrammel-Rock und steigert sich zum Schluss in veritable Zappaismen. Anderes kommt zunächst daher wie hippieesker Folk, kippt dann aber bald in funkensprühenden Rauschrock. Nach einigen Songs fällt das Licht aus. Man hat auf dieser Bühne schon Musiker erlebt, die bei ähnlichen Pannen ihr Griffbrett kaum noch fanden. Bei Malkmus ist das ohnehin egal, er steht, springt sowieso gerade wieder auf einem Bein herum und spielt die Gitarre hinterm Kopf. Es sei schön, wieder mal in Frankreich zu sein, bemerkt der Wahlberliner zwischendurch.

          Auch wenn viele Fans - und Malkmus selbst - das wahrscheinlich ganz anders sehen: der Geist von Pavement, jener besten Gitarrenband der neunziger Jahre, ist mehr als präsent in dieser Musik. Nirgendwo findet man das Naive und das Durchtriebene so verknäuelt wie in Malkmus’ Stücken. Jeder vertrackte Mucker-Break wird mit diesem einmaligen Hoppla-das-sollten-wir-aber-noch-mal-proben-Gestus gespielt, und das schlingelige Gitarrenspiel und der mäandernde Gesang führen immer wieder an Orte, die in den letzten zwanzig Jahren von keinem anderen Musiker mit Indierock-Hintergrund bereist wurden. Oft macht es den Eindruck, als fände Malkmus all die Genres, die er sich einverleibt (Southern-Rock, Prog, Psychedelia, Bowie-Pop, Americana), im Grunde schlimm; als könnte er sie nur in seiner eigenen spleenigen Version ertragen.

          Es ist eine Mischung aus öffentlicher Probe und entfesseltem Rock-Spektakel, der man hier beiwohnt. Im einen Moment wird nach einem abgebrochenen Song ewig lange auf offener Bühne fern des Mikros geplaudert, dann wieder steigert sich die Band in Jams hinein, wie sie so zuletzt in einer spätsiebziger Rockpalast-Aufzeichnung zu bestaunen waren. Am Ende bedankt sich Malkmus bei Van Der Graaf Generator „for opening for us tonight“. Und fügt hinzu: „And also thanks to the guy with the talking eel.“ Eine Siebziger-Prog-Band und ein Mann mit einem sprechenden Aal als Vorgruppe - das könnte Malkmus so passen. Als Zugabe gibt es einen Song namens „Surreal Teenagers“. Vielleicht die beste Beschreibung für den Mann: Stephen Malkmus, der ewige, surreale Teenager des Rock.

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