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Udo Lindenbergs neues Album : Dadn-daa-dat, dött-dö-dö

  • -Aktualisiert am

Ey, du weißt doch! Udo Lindenberg hat nach acht Jahren wieder eine Platte vorgelegt, rechtzeitig zu seinem siebzigsten Geburtstag am 17. Mai. Bild: Warner Music

„Stärker als die Zeit“, Udo Lindenbergs Album zum Siebzigsten, klingt nach dem großen Abschied. Auch wenn es Anzeichen eines Alterswerks gibt, so formuliert er sie in Jugendsprache.

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          Nichts ist älter als die Jugendsprache von gestern – wie schnell blamiert man sich damit. Doch für einen Menschen gilt das offenbar nicht: Udo Lindenberg, der demnächst siebzig wird, besitzt wohl einen lebenslangen Freibrief für den ulkigsten Jargon. Ich hab’ die Power, volle Dröhnung, ich mach’ mein Ding, das mit uns geht so tief rein: Bei wem sonst würde man solche Sprache nicht als peinlich empfinden? Lindenberg nimmt man sie ab, weil er sie zum Teil selbst erfunden hat. Mit Sicherheit jedenfalls war er es, der diese Sprache maßgeblich ins deutsche Lied eingebracht und es damit für immer verändert hat.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          So, wie er singt, redet er auch; man bekommt ihn immer nur in seiner Rolle zu sehen. Das hat zuletzt Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem Buch „Panikherz“ treffend beschrieben: „Es wirklich geschafft zu haben, Udo Lindenberg zu sein. Also: sehr früh eine Figur entworfen zu haben – gegen alle Wahrscheinlichkeit. Und sich der angeglichen zu haben. So dass er zwischendurch auch in Kauf genommen hat, einfach 20 Jahre Witzfigur zu sein – die Parodie seiner selbst. Und der Triumph darüber – als Comicfigur. Das ist das Größte.“

          Mit den zwanzig Jahren als Witzfigur ist eine Phase gemeint, in der Lindenberg nicht mehr so erfolgreich und außerdem vom Alkohol schon fast zerstört war - so wollen es zumindest viele Erzählungen. Sicher ist, dass er tatsächlich mit dem Album „Stark wie Zwei“ ein erstaunliches Comeback geschafft hat, das ihn, ungewöhnlich für einen gealterten Rockstar, auch bei ganz jungen Leuten sehr beliebt machte. Das liegt aber auch an einigen geschickten Kooperationen mit jüngeren Musikern wie Clueso oder Jan Delay, die er mit auf seine Bühne geholt hat.

          Anzeichen eines Alterswerks in Jugendsprache

          Was die Witzfigur angeht, hat wohl so ziemlich jeder hierzulande eine Vorstellung von ihrem charakteristischen Nuschel-Slang – aber wie groß sie ist, merkt man auch daran, das kaum jemand sie wirklich treffend nachmachen kann. Stuckrad-Barre ist darin ziemlich gut, wirklich geschafft hat es aber nur einer: Helge Schneider kann Udo Lindenberg so täuschend echt imitieren, dass es fast gespenstisch ist. Das liegt vielleicht daran, dass er selbst eine solche Kunstfigur ist.

          Mit Udo-Slang könnte man inzwischen schon ein eigenes Wörterbuch füllen: Das enthielte dann die Landessprache von „Udopia“, wie er 1981 eine Platte nannte. Um dort hin zukommen, muss man fliegen, und alle Mitreisenden werden zu „Udonauten“: Die ganze Metaphorik vom Highsein auf dem Raumschiff wirkt zwar ihrerseits wie ein Relikt der Siebziger und Achtziger, aber auch hier gilt wieder: Wer, wenn nicht Udo, darf heute noch etwas ungestraft als „galaktisch“ bezeichnen?

          Seiner Sprache bleibt er treu: „Es ist nie zu spät, um nochmal durchzustarten“, lautet eine Kernbotschaft seines neuen Albums, das an diesem Freitag erscheint. Auf der Platte sind Liebeslieder sowie kernige Rockmusik, natürlich auch einige von Udos legendären gesummten Passagen, „dadn-daa-dat, dött-dö-dö“ – auch hier hat sich also nichts geändert. Aber schon durch den Titel „Stärker als die Zeit“ erhält dieses Album auch noch einen ganz anderen Zug: Es ist geprägt vom reflektierenden Heraustreten, Zurückschauen, Bilanzieren, trägt also alle Anzeichen eines Alterswerks.

          Angst vor der goldenen Landebahn

          Wenn das erste Stück „Durch die schweren Zeiten“ nur zur gezupften Gitarre anhebt, fühlt man sich zurückversetzt in die ganz frühe Lindenberg-Zeit: 1972, mit „Daumen im Wind“, da klang er noch wie ein Liedermacher. Dann kam mit Macht der Rock’n’Roll und regierte sehr lange. Ob er ihn noch immer im Blut hat? „Einer muss den Job ja machen / Bitte keine halben Sachen“, heißt es selbstironisch, dazu erklingt ein Gitarrenriff, das von Ferne an die Rolling Stones erinnert – ein bisschen mau ist das Lied schon, wenn man bedenkt, was früher so los war. Das Slidegitarren-Intro zu „Göttin sei Dank“ hingegen hat Tom-Petty-Qualität, und der Sänger ist um keinen Anmachspruch verlegen: „Ey, als Gott Dich schuf, war er verdammt gut drauf!“ Aber die Klavierballade „Der einsamste Moment“ wird dann doch schon bleischwer: Da singt ein eben noch auf der Bühne Gefeierter über das Herunterkommen allein im Hotel, wo der große Abend schließlich „vor der Glotze“ endet. „Der nächste Berg, das nächste Tal, noch ’n Champagnerwasserfall“, heißt es anderer Stelle – ist der Mann etwa doch müde? Bei dem Lied „Eldorado“ ist dann kein Zweifel mehr: „Ich komm’ an / auf der goldnen Landebahn“. Man wird sehr hellhörig bei diesen Zeilen, ängstlich auch, wenn man etwa an David Bowies unheimliche Abschiedslyrik denkt, die dann so bald schon Bestätigung in seinem Tod fand.

          Aber das ist noch nicht der emotionale Höhepunkt der Platte: Der kommt erst gegen Ende mit dem Lied „Wenn Du gehst“. Die Melodie ist die eines Kinderlieds, vielleicht auch ein bisschen Friedrich-Hollaender-Chanson, und der Udotext dazu ist so naiv-ehrlich-schön, dass man vollkommen überwältigt wird. „Wenn Du gehst / kracht der Himmel ein / Und die Sonne, sie hört auf zu schein’ / Und die Nächte werden endlos“. Ach so, also wieder mal nur das Ende einer Liebe? Nein, es kommt noch schlimmer: „Mit deinem kleinen Koffer in der Hand / Verschwindest Du in der Nebelwand / Und ein andrer nimmt dich an die Hand“:

          Hier geht es wohl wirklich um den großen Abschied, und dass er mit der Form eines Kindertotenliedes spielt, macht ihn fast unerträglich. So darf kein Song, darf kein Album enden. Und deswegen kommt im allerletzten Moment doch noch der rettende Tonartwechsel, ein leicht abgewandeltes Selbstzitat aus Udo Lindenbergs vielleicht größtem Hit, „Horizont“: „Das mit uns beiden ist sowas von groß / Das wird immer bleiben, wir lassen uns nicht los“.

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