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Huey Lewis wird siebzig : Square Dance mit Dr. Hip

  • -Aktualisiert am

Seine News sind in die Jahre gekommen: Huey Lewis (3. v.l.) und Band im August 2018 in Sausalito Bild: Deanne Fitzmaurice/BMG/Warner/dpa

Wer wäre nicht gern zu seiner Musik einmal Marty McFly gewesen? Huey Lewis, der Happy Camper des Rock and Roll, der nicht nur Teenager an die Macht der Liebe glauben ließ, wird siebzig.

          2 Min.

          Neulich diese Szene in einem Fernsehfilm: Auf einem deutschen Campingplatz dringt laute Musik von Heino aus einem Wohnmobil, und der genervte Mittvierziger, der etwas auf seinen Popmusikgeschmack hält, reißt die Tür auf, um sich bei Omi und Opi zu beschweren. Doch drin sitzt eine Zwanzigjährige, die ihm entgegenschreit: „Das is ironisch! Du glaubst doch nicht, dass wir das wirklich hören!“ – während die „Haselnuss“ laut weiterplärrt.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Nach gut zwanzig Jahren Ironie-Diskurs in der Popkritik ist diese Pointe für manche vielleicht nur noch ein müder, massentauglicher Abklatsch – aber doch einer, der eine weiterhin bestehende Klemme zwischen Verstand und Gefühl veranschaulicht: etwas zu genießen, was eigentlich „gar nicht geht“. Längst spricht man deswegen von „guilty pleasures“, von schuldbewusst empfundenen Freuden.

          Als solche gilt häufig auch die Musik von Huey Lewis – jenem Happy Camper der amerikanischen Rockmusik, der in den achtziger Jahren Visionen von gelingendem Leben vertonte, innig verbunden mit den zugehörigen Filmbildern und Musikvideos. Wie viele Teenagerträume, auch lange nach 1985, handelten davon, sich zu „The Power of Love“ auf dem Weg zur Schule mit einem Skateboard einfach lässig an einen Geländewagen zu hängen so wie Marty McFly in dem prägenden Film „Zurück in die Zukunft“, mit einem Gitarrensolo die Welt zu retten und trotzdem rechtzeitig wieder zu Hause im Bett zu liegen: „Back in Time“, wie Huey Lewis singt? Ja, ein braver Traum vielleicht – mit den grundoptimistischen Liedern als warmen Decken.

          Als Lewis damit ganz groß rauskam, hatte er schon eine Karriere als gefragter Mundharmonika-Spieler hinter sich, etwa für die Rockband Thin Lizzy. Nun machten sein weißer Soul-Gesang und die bestechend schneidigen Bläser-Arrangements, das präzise Rockschlagzeug und die flüssig-funkigen Gitarreneinwürfe seiner Band The News ihn vom Sideman zum Star.

          Es folgte Hit um Hit: „Stuck With You“, eine Art Silberhochzeitslied mit Treueschwur, dessen Musikvideo dagegen eine Aussteigerphantasie für fliegende Liebende auf der einsamen Insel inszenierte, „Climbing Jacob’s Ladder“, ein Ausdruck von spirituellem Optimismus, „Hip to be Square“, der freundlich-selbstironische Versuch, alte Klischees von Spießigkeit und Fortschrittlichkeit in Musik aufzulösen, die alle glücklich macht. Und warum auch nicht? Klar: Auch Massenmörder können solche Musik hören, scheint uns die grausige Mordszene aus dem Film „American Psycho“ sagen zu wollen, die sarkastisch mit „Hip to be Square“ unterlegt ist. Darf man deswegen nicht mehr dazu tanzen?

          Huey Lewis selbst hat das alles nicht daran gehindert, ein paar Jahre lang sehr produktiv freundlichen Rock ’n’ Roll und außerdem als Schauspieler ein paar Filme zu machen, bevor er sich Mitte der neunziger Jahre wieder zurückzog und allenfalls Ausflüge in die Musikgeschichte unternahm („Four Chords & Several Years Ago“, 1994, „Soulsville“, 2010). Inzwischen lebt er in Montana und hat das Fliegenfischen entdeckt.

          In diesem Frühjahr hat er sich mit dem Album „Weather“ zurückgemeldet, das ironischerweise mit einem Country-Song endet, allerdings von schlechten Nachrichten begleitet wurde: Lewis ist durch die Menière-Krankheit zeitweise völlig ertaubt und musste nach sieben Liedern die Aufnahmen beenden. Auch deswegen wünscht man ihm zu seinem siebzigsten Geburtstag an diesem Sonntag alles Gute und „The Power of Love“.

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