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Sprachpflege : Der Dadada-Code

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Udo Lindenberg war der erste, heute ist der „Trio“-Sänger Stephan Remmler dran: Es scheint ein neuer Trend, dass Deutschrocker plötzlich mit Sprachpreisen geehrt werden. Wir wüssten noch weitere Kandidaten.

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          Mit Udo Lindenberg hat es angefangen. Er hat vom Land Rheinland-Pfalz die Carl-Zuckmayer-Medaille erhalten, weil er sich um die deutsche Sprache verdient gemacht habe. Böse Zungen sagen, sein größtes Verdienst sei es, stets so stark zu nuscheln, dass man seine Texte nicht versteht. Wir guten Zungen aber sagen: Echt crazy, dass die People endlich gecheckt ham, wie hammermäßig der Udo drauf ist, Alter. Neben der Medaille erhielt Lindenberg ein 30-Liter-Weinfass, das seine lyrische Ader gewiss weiter befruchten wird.

          Heute nun wird in Köln ein weiterer Künstler geehrt: Den „Internationalen Musikpreis“ für seine Verdienste um die deutsche Sprache im Ausland erhält Stephan Remmler, früher Sänger bei „Trio“ und Schöpfer des Werks „Da da da“. Da kann man nur sagen: aha. Das Lied - der komplette Titel lautet „Da da da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha“ - ging in der Tat um die Welt, weil das als hart und sperrig verschriene Deutsche hier drollig und eingängig wirkt; den Text, in dem hundertachtundsechzigmal das Wort „da“ und siebenundzwanzigmal „aha“ auftaucht, hat sogar Christina Aguilera in einem Pepsi-Werbefilm gemeistert. Keine Frage, dass Remmler seinen Erfolgsweg in bewährter Manier fortsetzen wird: Sein neues Album hat er „1, 2, 3, 4“ genannt.

          Neue Hoffnung für Rockpoeten

          Bob Dylan, der seit Jahren am Literaturnobelpreis vorbeischreibt, müssten die Erfolge seiner deutschen Kollegen vor Neid erblassen lassen. Die Beispiele Lindenberg und Remmler machen Mut: Eine riesige Reservearmee von Rockpoeten, deren Musik keiner hören mag, darf darauf hoffen, eines Tages wenigstens einen Sprachpreis einzuheimsen. Doch die Konkurrenz ist groß und das Potential an hochkarätigen Kandidaten enorm: Herbert Grönemeyers widerborstige Reimkunst („Bibel ist nicht zum Einigeln“) ist längst heinepreisverdächtig. Wolfgang Petry, der seine Karriere als Musiker im vergangenen Jahr beendete, hat nun Zeit, sich ganz auf sein schriftstellerisches Werk zu konzentrieren; seine feinsinnigen Prosa-Miniaturen (“Himmel, Arsch und Zwirn, du hattest leider genug, jetzt ist Hängen im Karton“) könnten auch in Klagenfurt bestehen.

          Der beliebte Nachwuchsdichter Sido (nein, kein Zitat, es könnten Kinder mitlesen) würde sich bestimmt über den Jugendliteraturpreis freuen, gäbe aber auch einen guten Stadtschreiber von Bergen-Enkheim ab. Und auch „De Randfichten“ sollten wegen ihres unermüdlichen Einsatzes für die erzgebirgische Mundart geehrt werden; die Originalpartitur ihres „Holzmichls“ muss auf der Stelle zum Unesco-Welterbe zählen. Dann bräuchten wir nur noch zu warten, bis bei Suhrkamp die Kritische Gesamtausgabe von Gottlieb Wendehals erscheint.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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