https://www.faz.net/-gqz-9vqhe

Neues Album von Eminem : Splatter-Rap mit Grillenzirpen

  • -Aktualisiert am

Er erkennt die frauenfeindliche Niedertracht mancher seiner Texte, kommt aber doch nicht darüber hinaus: Eminem Bild: Backgrid UK/ Bestimage

Eminems neues Album will Konzeptmusik sein, wird aber durch platte Provokation beschädigt. So entsteht skrupelloser Boulevard-Rap, der das Richtige mit falschen Mitteln zu erreichen sucht.

          3 Min.

          „Der Tod einer schönen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt.“ Diese Behauptung stammt nicht von Eminem, sondern von Edgar Allan Poe. Sie ist sehr bedenklich, aber zumindest lässt sich die weite kulturelle Streuung des Topos nicht leugnen. So hat wohl jeder, der die ersten Sekunden von Eminems Album „Music to Be Murdered By“ hört, die berühmte Duschszene in Alfred Hitchcocks „Psycho“ vor Augen, in der die Reisende Marion Crane grausam vom Motelbesitzer Norman Bates erstochen wird.

          Die Klangkulisse in Eminems „Premonition – Intro“ ist die gleiche, nur dass hier nicht die Dusche läuft, sondern die Grillen zirpen. Gut, verstanden: Es wird beiläufig-brutal. Auf dem Cover ist Eminem als Totengräber-Gentleman mit rostiger Schaufel zu sehen. Warum gleich zu Beginn eine Frau gemeuchelt werden muss, ist dennoch nicht ganz klar. Es ist natürlich ein Schockeffekt – das Messer, die Schreie, man kennt das aus Eminems Song „Kim“, in dem er vor zwei Jahrzehnten über die Ermordung seiner damaligen Ehefrau phantasierte. Und es ist ein Einholen vermeintlicher poetischer Tiefe via Hitchcock und Poe. Ersterer brachte 1958 ein Album gleichen Titels heraus und wird mehrmals gesamplet.

          Dabei geht es textlich gar nicht um Femizid, vielmehr spielt Eminem auf die Rezeption seines vorigen Albums „Kamikaze“ an, das er 2018, wie dieses, ohne Ankündigung veröffentlichte. Es ist ein Trotzprotzen über, eine Tirade gegen missverstehende Musikkritiker und schließlich eine Art Bekenntnisschreiben nach dem Motto: Sagt, was ihr wollt, künstlerisch schlachte ich euch auch mit siebenundvierzig noch ab. Das neue Werk ist musikalisch respektabel und zeigt, mit zwanzig Titeln zwar etwas ausufernd, einen technisch unvermindert starken Rapper. Man könnte sich das alles gut anhören, wären da nicht die nervtötenden Splatter-Momente, die einzig der Provokation dienen. Es überrascht zwar kaum, dass Eminem nicht gerade mit Pietät ins Rennen geht, aber das Ausmünzen jedes noch so blutigen Ereignisses ist mindestens geschmacklos, schlimmstenfalls verharmlosend.

          In „Unaccommodating“ geht es um den verheerenden Bombenaschlag beim Ariana-Grande-Konzert in Manchester 2017. Und „Darkness“ schildert Massenmord auf einem Musikfestival in Las Vegas im selben Jahr – aus der Perspektive des Mörders. Er betrinkt sich, schluckt Pillen, sinniert über seinen Vater, zweifelt, schießt in die Menge. Immer wieder ist von seiner Angst vor dem Alleinsein im Dunkeln die Rede, und man fragt sich, ob man hier allen Ernstes aufgefordert wird, Mitgefühl mit dem Mörder zu empfinden. Erst das Ende des Musikvideos macht deutlich, was der Song höchst ungeschickt sagt: Eminem geht es nicht um die Seele des Schützen, sondern um strengere Waffengesetze. „When will this end?“, steht im Abspann. Die Antwort: „When enough people care“, dann ein Aufruf, sich zur Wahl anzumelden. Nur: Warum dann vorher ausgiebig eine Nachstellung des mit Halbautomatikwaffen übersäten Hotelzimmers des Täters zeigen? Eminem macht hier skrupellosen Boulevard-Rap, der das Richtige will, aber das Risiko in Kauf nimmt, einen Massenmörder als tragischen Helden dastehen zu lassen.

          Die übrigen Songs, komplettiert durch ganze dreizehn Gastauftritte – von Anderson .Paak über Ed Sheeran bis zum kürzlich verstorbenen Juice WRLD –, handeln von Sex, Familientraumata und Gewaltgelüsten. Die frauenfeindlichen Phantasien kann sich Eminem auch darin nicht verkneifen („they call me the Harvey Weinstein of 2019“), selbst wenn hin und wieder ein Rapper durchblitzt, der die misogyne Niedertracht in seinen Texten zumindest selbst erkennt: „You’re still a cunt, and I’m still a fucking jerk.“ Die Sensationsgeilheit wiegt aber letztlich auch die Andeutung in „Farewell“ nicht auf, dass das Makabre eben nicht nur aus purer Blutigkeit besteht, sondern aus im Dunklen vereinten Antithesen: „Wanna hold you, wanna choke you, wanna love you / Wanna hate you, wanna kill you, wanna hurt you / Wanna heal you.“

          „Music to be Murdered By“ will ein nuanciertes Konzeptalbum über Leben und Tod im Halbschatten sein: Slim Shady mit Kerzenschein bedacht von Alfred Hitchcock. Stattdessen brüllt Eminem ins Megaphon, dass er immer noch ein harter Kerl sei. Das ist in etwa so subtil wie Rammsteins „Deutschland“-Musikvideo und so edgy wie ein Clubhit von Ed Sheeran. Anders gesagt: Das Album wird ein Riesenerfolg.

          Eminem: „Music to Be Murdered By“ (Shady/Interscope)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.