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Indie-Festival im Odenwald : Zwischen Hirschen und Hippies

  • -Aktualisiert am

Bei „The Intersphere“ aus Mannheim gehen Härte, Melodie und technischer Anspruch Hand in Hand. Bild: Tobias Kreutzer

Noch ein schattiges Plätzchen für ein gutes, aber nicht großspuriges Popfestival gefällig? Bei „Sound Of The Forest“ im Odenwald lässt sich’s ungestört röhren.

          Eine knappe halbe Stunde braucht der Shuttlebus „Wilder Hirsch“ vom Michelstädter Bahnhof zum Eingang des Festivalgeländes. Neben der Transportlinie bezeichnet „Wilder Hirsch“ hier im Odenwald auch ein giftgrünes alkoholhaltiges Getränk, eine Art Mischung aus Cidre und Maracujasaft. Die Firma ist Mitsponsor eines relativ intimen Popfestivals namens „Sound Of The Forest“, das sich zwischen dunklen Tannen und dem Marbachstausee versteckt.

          Knapp fünftausend Leute zieht es jedes Jahr nach Südhessen, ganz große Namen unter den Bands erwartet dort wohl niemand. Wer hier die Bühne zur Primetime entert, stünde auf Rock-am-Ring-Plakaten in Minischrift ganz unten. Nicht selten aber schaffen hiesige Auftritte eine Grundlage für späteren Erfolg.

          Gitarrengewitter zwischen Tannen

          Mit dem Status eines Geheimtipps, den das „Sound Of The Forest“ in der deutschen Festivallandschaft genießt, geht bei Veranstaltern und Zuhörern eine Offenheit einher, die man bei einem Massenfestival so nicht kennt. Das beginnt schon bei den Genres: Neben Independent-Pop und -Rock finden sich Singer/Songwriter wie der Sheffielder Lokalmatador Louis Romégoux, spät noch dröhnen Elektro-Exoten wie Kadebostany bis in die hintersten Ecken des Zeltplatzes hinein.

          Auf der Odenwaldmobil-Seebühne klingen gerade die letzten Töne von Berlin Syndrome aus, einem bärtigen Berliner Hipsterkollektiv in der Schnittmenge aus düsterem Independent im Stile von The Editors und Post-Rock-Anleihen. Die Bühne ist lächerlich klein, der Backstage-Bereich nur durch einen Bauzaun abgetrennt. Die Hauptbühne ist etwas oberhalb des Sees mitten im Wald gelegen. Um zu ihr zu gelangen, muss man einen kleinen Bach auf einem Holzsteg überqueren.

          Nicht viele Festivals bieten Camping mit direktem Seeblick.

          Die hohen Bäume ringsherum schirmen die Lichtung von der Sonne ab, man bekommt einen Vorgeschmack auf die Kälte, die der Odenwald nachts entwickeln kann. Erster Pflichttermin sind hier The Intersphere. Die Mannheimer spielen handgemachten Alternative Rock, ohne Synthesizer oder Keyboards, dafür mit erhöhten progressiven Anteilen. Manches erinnert an die Band Muse, hier gibt es aber weniger Pathos, dafür mehr Gitarren. Moritz Müller dürfte einer der ganz wenigen Schlagzeuger sein, die seitlich, nicht hinten auf der Bühne sitzen. Endlich sieht man mal, wie so jemand arbeitet.

          Während die Party im Fuchsbau, einer Art Zirkuszelt für Anhänger rein elektronischer Musik, noch bis fünf Uhr morgens weitergeht, bleibt die Nacht auf dem Zeltplatz ruhig. Betrunken grölende Besucher sieht man hier nicht.

          Die möglichen Stars von morgen

          Auf der Seebühne schwingt sich Louis Romégoux am Samstag zu einem großartigen Auftritt auf mit seinen melancholischen Folksongs, angesiedelt zwischen Frank Turner und Bon Iver. Den Jägermeister, den ein schon reichlich alkoholisierter Festivalgast dem Briten anbietet, verschiebt der dankend auf nach der Show.

          Während der größte Name des Festivals, der Reggae-Künstler Patrice, später am Abend auf der Hauptbühne mit zu vielen halbherzigen Motivationsspielchen und zu wenig wirklich guter Musik enttäuscht, sind die tatsächlichen Höhepunkte schon früher in Augenschein zu nehmen. Okta Logue aus Darmstadt bestreiten hier ein Heimspiel. Selten hat man die vier Psychedelic-Rocker so entspannt und fröhlich erlebt. Niemand lässt sich jetzt von dem starken Regen verscheuchen. Klanglich geht die Gruppe über bloße Pink-Floyd- und Doors-Zitate weit hinaus und zeigt, wie man sich im Retrohype dennoch eine eigene Note bewahrt.

          Nach 2011 bereits zum zweiten Mal beim „Sound Of The Forest“: die deutsche Psychedelic-Rock-Band Okta Logue

          Gespür für die möglichen Stars von morgen haben die Veranstalter auch bei Balthazar aus Belgien gezeigt. Die Band spielt Independent-Rock und bevorzugt dabei die große Geste. Orgelintros und eine Violine im Rockgewand verstärken den Bombast. In den richtigen Momenten driftet das Ganze in Gitarrengewitter ab, an anderer Stelle wirken die Kompositionen fast zart. In den besten Momenten erinnert die Show an Arcade Fire, nur ohne deren Arroganz.

          Am dritten und letzten Tag schläft und nüchtert der gemeine Festivalbesucher erst einmal aus, dann packt er seine Sachen für eine letzte Runde im See. Nur auf der Seebühne wird noch gespielt. Der Campingplatz ist dank der dreihundert freiwilligen Helfer und fünf Euro Müllpfand nahezu sauber.

          Der „Wilde Hirsch“ steht schon am Ausgang bereit, als sich der erste Tross Heimkehrer mit Taschen und Zelten beladen zur Hauptstraße hochquält. Die Sicherheitsleute wünschen einen guten Nachhauseweg. Der Zeltplatz, in einer Art Bucht gelegen, ist von der Straße nicht einsehbar. Der Wald verschluckt jedes Geräusch von der Seebühne. In wenigen Wochen röhrt hier vielleicht wieder ein Hirsch.

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