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„Sonic Youth“ : Gitarren im Strom

Weiche von uns, Satan des Mainstream: Sonic Youth in Berlin Bild: F.A.Z. - Christian Thiel

Es ist eine wirklich Geheimwissenschaft, die Rückkoppelung zu zähmen: „Sonic Youth“ sind dafür weltberühmt geworden. Jetzt sind sie auf Tournee gegangen, um das entscheidende Album ihrer sechundzwanzigjährigen Karriere von Anfang bis Ende durchzuspielen: „Daydream Nation“.

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          Sie zeigen einem gleich die Instrumente, Gefangene werden heute Abend keine gemacht. Thurston Moore, Lee Ranaldo und Kim Gordon von der New Yorker Band „Sonic Youth“ stehen auf der Bühne der Berliner Columbiahalle und drücken die Hälse ihrer Gitarren in die Verstärker hinein: Es ist ein ruhiger Augenblick, ganz am Anfang dieses Konzerts, auch wenn die Rückkopplung noch so dröhnt und sich höher und höher auftürmt - weil die drei ihre Instrumente in einem ganz bestimmten Winkel an die Verstärker halten, so hochkonzentriert, als sei das eine Geheimwissenschaft, als würde jede falsche Bewegung den Ton zerstören, dieses sich selbst verstärkende und verzehrende Signal.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und es ist eine wirklich Geheimwissenschaft, das Feedback zu zähmen und loszulassen: „Sonic Youth“ sind dafür weltberühmt geworden, sie so zu beherrschen wie sonst im Rock vielleicht nur noch Neil Young. Jetzt sind sie auf Tournee gegangen und nach Berlin gekommen, um bei wenigen, ausgewählten Auftritten das eine entscheidende Album aus ihrer sechundzwanzigjährigen Karriere von Anfang bis Ende durchzuspielen, auf dem sie sich die Rückkopplung endgültig zum Freund gemacht haben: „Daydream Nation“, erschienen im Oktober 1988.

          Die Band, auf die sich alle einigen konnten

          Ohne diesen Durchbruch hätte es drei Jahre später den Grunge wohl nicht gegeben, wäre „Nirvana“ kaum so erfolgreich geworden, die Rockmusik niemals so umgekrempelt worden, von unten nach oben, vom Underground bis in die Charts hinein: Keine wichtige Band von heute, weder „Tocotronic“ noch die „White Stripes“ oder „R.E.M.“, die sich nicht irgendwann auf „Sonic Youth“ berufen hätte. Auf allen Bestenlisten der Rockmusik taucht „Daydream Nation“ deshalb auf, im Jahr 2005 ist es sogar in die Tonsammlung der amerikanischen „Library of Congress“ aufgenommen worden, zusammen mit der Ansage zum Boxkampf von Max Schmeling gegen Joe Louis im Juni 1938 und dem ersten transatlantischen Telefonat 1927. Zeitgleich zur aktuellen Tour erscheint eine Sonderausgabe; die Platte ist also endgültig der Geschichte und dem Mainstream einverleibt worden - was eine ironische Wendung für eine Band wie „Sonic Youth“ ist, die aus der regelfreien Kunstszene der Lower Eastside kommt und dort bis heute zu Hause ist, also nie die Wurzeln gekappt hat, die sie in der Gegenkultur halten.

          „Sonic Youth“ waren aber immer auch die Band, auf die sich alle einigen konnten, hartgesottene Independent-Fans genauso wie Kunststudentinnen, Hip-Hopper und selbst Heavy-Metal-Hörer, und alle sind sie in die Berliner Columbiahalle gekommen. Jetzt haben zwar die meisten von ihnen die Hemden in der Hose, eine Brille und graue Haare, aber die haben eben auch Lee Ranaldo und Thurston Moore, der einmal, bei „Total Trash“, sogar kurz unterbrechen muss, weil er seine Kontaktlinsen verloren hat, und hinter die Bühne geht, um seine Brille zu holen.

          Unterkühlt und Angst einflößend geistesgegenwärtig

          Aber selbst mit dieser Architektenbrille sieht Thurston Moore, heute achtundvierzig Jahre alt, dann immer noch aus wie ein großer Junge. Ein riesengroßer Junge allerdings, der mit den Fäusten in seine Gitarre schlägt, sie bei „'Cross the Breeze“ mit einem Schlagzeugknüppel malträtiert, vor sich her trägt wie eine Monstranz und schließlich an der von Lee Ranaldo reibt, dass es nur so jault und kreischt und beide Hälse ein Kreuz bilden. „Sonic Youth“ wären aber nicht „Sonic Youth“, wenn diese Geste nicht ironisch gemeint wäre. Das hier ist alles andere als eine Rockreligion, dafür singt Kim Gordon sowieso zu oft vom Satan.

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