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Solodebüt von Marcus King : In Bluesjahren ein Säugling

  • -Aktualisiert am

Hier kommt ein Gitarrenvirtuose, der euer Enkel sein könnte: Marcus King Bild: Alysse Gafkjen

Wenn ein 23-Jähriger darüber singt, wie es war, jung zu sein: Marcus King, der Gitarrist für besondere Aufgaben, blüht mit seinem Solodebüt „El Dorado“ als Soulsänger auf.

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          Marcus King ist die Art von Musiker, die in Interviews mit Gitarrenmagazinen eifrig zur Haltung des Daumens und dem Einsatz des kleinen Fingers beim Solieren ausgefragt wird (Antwort: hinterm Gitarrenhals; sehr sparsam). Er zeigt bereitwillig seine Verstärker und erklärt geduldig die angeschlossenen Effekt-Pedale. Und wenn er über Vorbilder und Bandkollegen spricht, nennt er sie völlig selbstverständlich cats, als spielte er selbst schon seit drei Jahrzehnten in verrauchten Jazzkellern. Dabei ist er kein Veteran der Szene, vielmehr: ein gefeierter Neuling.

          Eine EP und drei Alben hat seine Marcus King Band seit 2015 aufgenommen. Gleich das zweite produzierte der langjährige Allman-Brothers-Gitarrist Warren Haynes, der in klarsichtiger Schirmherrschaft schon das Debüt der Band auf seinem Label untergebracht hatte. King war da gerade neunzehn, in Bluesjahren ein Säugling. Der Kreativität der Band tat die Haynes’sche Mentorschaft gut, ihrer Reputation noch besser. Welttourneen folgten, auch mit Konzerten in Deutschland, wo nun wieder drei Auftritte anstehen.

          Viele hören Zukunftsmusik im jamfreudigen Repertoire der momentan fünfköpfigen Gruppe, jünger als dreißig allesamt. Dem gemeinen Bluesvolk, der Rente meist näher als der Jugend, ist das rare frohe Kunde: Hier kommt ein Gitarrenvirtuose, der euer (oder zumindest Duane Allmans) Enkel sein könnte! Im Fußball wäre Marcus King „Hoffnungsträger“ und würde zum Probetraining beim FC Bayern eingeladen.

          Jetzt hat er sein erstes Soloalbum vorgelegt. Es zeigt, dass er mehr ist als ein Gitarristen-Gitarrist – und mehr als ein Bluesmann. Ganz ohne den vertrauten Stoner-Rock beginnt „El Dorado“, mit einem langsamen Akustikstück, das klingt wie Neil Youngs „After the Goldrush” mit ein paar Grad mehr Heiserkeit. Fast sucht man die Ironie in „Young Man’s Dream“, immerhin singt da ein Dreiundzwanzigjähriger darüber, wie es war, ein junger Mann zu sein. Im Präteritum. Andererseits geht vielleicht wirklich eine Art Jugend zu Ende, wiewohl keine schöne, wenn man als Teenager ohne Schulabschluss seine 5000-Einwohner-Heimatstadt in South Carolina verlässt und alsbald knapp 200 Konzerte im Jahr auf der ganzen Welt spielt. „I have nothing good to say about Piedmont, no good memories“, erzählte King vor kurzem dem „Rolling Stone“. Positiv lyrifiziert hört sich das so an: „Looking at the world through electric eyes / Feel like I died and woke up in paradise.”

          Die größte Überraschung des Albums ist zugleich die schönste, nämlich das Aufblühen Kings als Soul-Sänger. Man lasse sich vom gezuckerten Titel nicht abschrecken und höre „Wildflowers and Wine“, um einen Geschmack davon zu bekommen, wie beseelt und melodisch Marcus King schreien kann. Wer das tut, kann bezeugen, dass King keine falsche Fährte legt, wenn er erzählt, wie sehr ihn James Brown und Janis Joplin beeinflusst hätten.

          Als er zwölf war, auch das nimmt man King ab, habe er eine Gitarrenpause eingelegt, um mehr Bläser und Vokalisten zu hören – Musiker, die Luft holen müssen, um ordentlich zu phrasieren, zum Beispiel Otis Redding, Aretha Franklin, Sonny Rollins und John Coltrane. „I didn’t wanna be another Stevie Ray Vaughan clone“, erklärte King vor ein paar Jahren im Podcast seines Blueskollegen Andy Frasco. Das Schicksal hat er erfolgreich abgewendet.

          Sowieso ist es keine typische Gitarristenplatte geworden. Ja, es gibt neben zwei soliden ZZ-Top-Stampfern („The Well“, „Say You Will“) auch einen phantastisch groovenden Blues aus der Clapton/Cale-Schule („Turn It Up“). Insgesamt aber ist es die Mischung aus Soul, Country und Folk, die „El Dorado“ ausmacht. Auch daran merkt man, dass diesmal Dan Auerbach von den Black Keys das Produzentenamt innehatte, dessen jüngstes Soloalbum ebenfalls eher auf Lieder setzte als auf ausgedehnte Jamstücke.

          Dass Kings „El Dorado“ ähnlich zurückhaltend endet wie es angefangen hat, ausgerechnet mit einem Fadeout, darf man als Beweis dafür verstehen, dass weichere Töne bei diesem Künstler genauso große Kraft entfalten können wie kantige Riffs. Der Schmerz, ja gewissermaßen Namensgeber von Kings Stammgenre Blues, kennt viele Aggregatzustände. „No Pain“ heißt das letzte Stück, in dem King davon singt, dass er gerade gar keinen Schmerz verspüre – was wohl etwas anderes ist, als zu sagen, dass er keinen in sich herumtrage. Von seinen Problemen mit Depression und anderen psychischen Krankheiten hat King mehrfach berichtet. „Ich garantiere Ihnen, dass Otis Redding nie beim Therapeuten war“, sagt er. „Für viele von uns ist die Musik eine Therapie, aber manchmal tut es gut, mit einem Profi zu reden.“ Das ist eine Feststellung, die so unblueshaft ist wie wahr. Wenn Künstler wie Marcus King und Alben wie „El Dorado“ dabei herausspringen, sollten wir alle in Therapie gehen.
           

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