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So berührend ist Heavy Metal : Besessen von einer aussichtslosen Sache

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Da sollten sich all jene ansehen, die sich nicht für Schwermetall interessieren: Anvil bei der Arbei Bild: AP

Konsequent erfolglos: Die kanadische Hardrock-Band Anvil ist der Inbegriff einer tragisch gescheiterten Band. Nun erzählt ein Dokumentarfilm die Geschichte von Steve „Lips“ Kudlow und Robb Reiner, zeigt, wie weit Freundschaft tragen kann. Ein Film nicht nur Musikfans.

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          Die amerikanische Band Mercury Rev sang 1998 in ihrem Song „Holes“ die schönen Zeilen: „Bands - those funny little plans/that never work quite right“. Es ist schon seltsam genug, dass Musiker so selten über die Unzulänglichkeiten und Kämpfe singen, die das Arbeiten als Band, als musikalisches Kollektiv, stets begleiten. Schöner als Mercury Rev könnte man es aber ohnehin kaum formulieren. Und jene Schlusszeile aus „Holes“ eignet sich eigentlich perfekt, um sie oben auf das Plakat des Films „Anvil!“ zu schreiben, einen Film, den Michael Moore als „the best documentary I've seen in years“ bezeichnete. „The Times“ wiederum schrieb: „Possibly the greatest film yet made about rock and roll“. Eine interessante Einschätzung, weil es in dem Film eigentlich um etwas völlig anderes geht.

          Steve „Lips“ Kudlow und sein Freund Robb Reiner wollen Rockstars werden, viele Platten verkaufen und um die Welt touren. Ihre Band heißt Anvil - zu Deutsch Amboss -, und so ähnlich klingen sie auch. Der entscheidende Unterschied zu den meisten anderen Bands mit Flausen im Kopf besteht darin, dass Kudlow und Reiner verheiratete Männer in ihren Fünfzigern mit fortschreitendem Haarausfall sind und dass sie mit ihrer Band seit den frühen Achtzigern mehr als ein Dutzend Alben produziert haben, die niemand hören will. Anvil, so könnte man es böse sagen, sind der Inbegriff einer tragisch gescheiterten Band.

          Alle Bands haben Millionen Platten verkauft - bis auf eine

          Sacha Gervasis Dokumentarfilm über die kanadischen Heavy-Metal-Pioniere beginnt mit einem Rückblick ins Jahr 1984. Wir sehen ein Festival in Japan. Einige der wichtigsten Hardrock-Bands treten auf: Whitesnake, Bon Jovi, die Scorpions. Und Anvil. Das dauergewellte Haar flattert, die Lederhosen erscheinen bedenklich eng, und die Posen der Musiker sind so unschuldig prahlerisch, wie es nur im harten Rock der frühen Achtziger möglich war. Eine Stimme aus dem Off lässt uns wissen: „All of them sold millions of records around the world. All of them - but one.“

          Schnitt. Fünfundzwanzig Jahre später. Steve „Lips“ Kudlow", eine Hygienehaube auf dem Kopf, fährt Essen für eine Cateringfirma aus. Kudlow ist, wenngleich von Existenzängsten geplagt, ein quirliger Typ, der den Traum von der großen Karriere einfach nicht aufgeben will. Und der auch nach unzähligen Niederlagen und Demütigungen jeden noch so kleinen Lichtstreif am Horizont mit größtem Enthusiasmus begrüßt. Sein Freund, der Anvil-Schlagzeuger Robb Reiner, ist ein eher nachdenklicher Zeitgenosse, der in seiner Freizeit Edward-Hopper-inspirierte Bilder malt, die von fortgeschrittenen Isolationsgefühlen künden - aber auch er ist im entscheidenden Moment um keine zünftige Metal-Pose verlegen.

          Tragische Clowns? Verfechter begrabener Tugenden!

          Die in Gervasis Film dokumentierten Vorgänge sind zeitweise so grotesk, dass manch uneingeweihter Zuschauer das Werk schon für eine Mockumentary, eine Doku-Parodie, gehalten haben soll: Bei ihrer Tour durch Europa fahren der Gruppe unentwegt die Züge vor der Nase weg, die Veranstalter der mehr als schwach besuchten Konzerte in schummrigen Kellerlöchern verweigern den Musikern ihre Gage, die Band löst sich beinahe auf, und die selbsternannte Managerin bricht ob ihrer eigenen Unfähigkeit in Tränen aus. Zurück in Kanada, pumpt Kudlow schließlich seine Schwester um Geld an, damit sich Anvil doch noch ihren Traum von einer an alte Glanzzeiten anknüpfenden Album-Produktion erfüllen können. Doch bei den Aufnahmen in Dover geraten sich Kudlow und Reiner, die Freunde aus Kindheitstagen, böse in die Haare.

          Man muss sich nicht für Heavy Metal, nein eigentlich noch nicht einmal für Rockmusik interessieren, um von „Anvil!“ bewegt zu werden. Es geht hier bei aller Lautstärke um etwas anderes als um Musik. Der große Trick des Films besteht darin, dass er zwei Menschen, deren Kultur den meisten Off-Kino-Gängern ferner sein dürfte als die niederrheinische Swingerclub-Szene, zunächst als tragische Clowns einzuführen scheint, sie aber nach und nach wie die letzten Verfechter weithin begrabener Tugenden wie Unbeugsamkeit, Aufrichtigkeit und Gutgläubigkeit erscheinen lässt.

          Der Misserfolg schweißt sie zusammen

          War man anfangs noch geneigt, über die beiden alternden Käuze mit den Wallehaaren und den Röhrenhosen, die auf der Hochzeit ihres Gitarristen vor einer konsterniert dreinblickenden Gästeschar ihre Metal-Riten abfackeln, zu lachen, ist man bald geradezu beschämt von der Ehrlichkeit und Geradlinigkeit der beiden Freunde. Insofern ist der deutsche Untertitel „Die Geschichte einer Freundschaft“ nur scheinbar pathetisch. „Anvil!“ erzählt letztlich davon, wie erdend und zusammenschweißend Misserfolg ist. Wenn Kudlow und Reiner, diese sympathischen Vertreter einer anachronistischen Härte-Folklore, einander schluchzend in den Armen liegen, wünscht man sich beinah, man könnte selbst einmal so sehr von einer aussichtslosen Sache besessen sein. Und auch wenn „Anvil!“ kein Film ist, der nur Musikfans interessieren sollte: Um von Freundschaft, Passion, Widmung und dem Fluch der Erfolglosigkeit zu erzählen, ist die Rockband womöglich die beste Einheit. Mercury Rev wussten dies schon 1998.

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