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Joan Baez wird 80 : Der Mond ist aufgegangen, auf die Sonne warten wir

  • -Aktualisiert am

Auf dem Weg von den Sechzigern in die Siebziger: Joan Baez in Montreux Bild: Picture-Alliance

Sie steht bis heute zum Protestsong, und trotz spöttischer Zeit ist ihr spirituelle Hoffnung nicht fremd: Joan Baez zum achtzigsten Geburtstag.

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          „Ein Freund warnte mich davor, über Jesus zu schreiben. Ich riskiere es trotzdem. Ich frage mich, ob Jesus weiß, was heute auf der Erde geschieht. Mach dir nicht die Mühe zu kommen, Jesus. Du hast keine Stiefel an, du hast keinen Helm und kein Gewehr – und keine Aktentasche. Du siehst dich um, und du weißt, dass die Sache irgendwo schiefgelaufen ist.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das sind keine Worte der Gegenwart, so gut sie auch mancherorts zu passen scheinen, sondern sie stammen aus dem Jahr 1968. Beziehungsweise stimmt das nicht ganz, denn ihre Übersetzung stammt aus dem Jahr 1978. Da erschien im Frankfurter Verlag Zweitausendeins das Buch „Tagesanbruch“ von Joan Baez. Übersetzt wurde es von Jörg Fauser.

          „Dass die Sache irgendwo schiefgelaufen ist“: Der Fauser-Sound stand hier schon fast in seiner Blüte. Der Baez-Sound hatte sich verändert beziehungsweise klang jetzt anders, denn zwischen 1968 und 1978 lagen entscheidende Jahre, vielleicht sogar eine Art Epochengrenze.

          Längst hatte die Band Ton Steine Scherben festgestellt: „Der Traum ist aus“, gerade war Hans Magnus Enzensbergers Achtundsechziger-Abgesang „Der Untergang der Titanic“ erschienen, und bald darauf sollte der amerikanische Rocker Sammy Hagar singen: „’69 was heavy, yeah, but what did it prove? / Just a bunch of hippies could become businessmen.“

          Um den Bruch auch anhand von Joan Baez zu begreifen, muss man vielleicht nur zwei ihrer Plattencover nebeneinanderlegen. Das für „Baptism“ (1968) ist eine stilisierte Illustration, die die Sängerin mit dem rabenschwarzen Haar märchenhaft zwischen Schneewittchen und Jeanne d’Arc schillern lässt. Das für „Blowin’ Away“ (1977) zeigt sie mit Fliegerbrille und silberner Pilotenjacke, auf deren Ärmel eine amerikanische Flagge prangt, die Haare unter einer Kappe verborgen.

          Nicht interessiert an den Charts

          War also die Folk-Ikone der frühen Sechziger zum Schlimmsten geworden, was man aus damaliger Sicht werden konnte: zu einem „Sell-Out“? Das nun kann man direkt mit demselben Album widerlegen. Im „Time Rag“ besingt Baez ihre dümpelnde Karriere voller Selbstironie und beschreibt den Besuch eines Journalisten, der eine reißerische Homestory mit ihr plant. Sie sagt ihm schließlich: „Take your insults about the queen / And shove them up your royal Timese machine.“

          Interessant ist dabei, dass sie die typische Folk-Form des „Rag“ wiederaufnimmt, gerade als diese völlig aus der Mode gekommen ist. Die äußerliche Konzession an das Musikgeschäft bricht sie gewitzt mit Zeilen wie „I don’t give a damn where I stand on the charts“, und über das Album hat sie später gesagt, es sei ein gutes mit einem schrecklichen Cover.

          Aber trotz Fähigkeit zur Selbstironie war es für Joan Baez, die um 1960 der Inbegriff der Folkmusik und um 1970 noch der Inbegriff eines „protest singer“ war, als sich Dylan zu ihrer großen Enttäuschung von dieser Rolle abgewandt hatte, nicht leicht, ihre Überzeugungen und ihr Image durch die Zeiten zu bringen.

          Sie, die 1963 beim Marsch der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf Washington die Menschenmenge bei „We Shall Overcome“ angeführt hatte, wurde immer wieder auch parodiert, in ihrer Frühzeit als „Phony Joanie“, in den achtziger Jahren in der Satiresendung „Saturday Night Live“. Ihr Name sei ihr zum Fluch geworden, hat sie einmal gesagt.

          Wie man Bob Dylan überwindet

          Aber auch das hat sie überwunden, genauso wie die traurige Liebesgeschichte mit Bob Dylan, den, das muss nebenbei erwähnt werden, ja erst sie, die zuvor Berühmte, so richtig berühmt gemacht hat, als sie anfing, mit ihm zu singen. In gewisser Weise belohnt für den Schmerz hat sie sich und die Welt mit ihrem (wie sie auch selbst meint) besten Song, „Diamonds and Rust“, der die Beziehung verarbeitet.

          Wie viele ihrer Kollegen hatte Baez eine schwierige Phase in den achtziger Jahren. Umso engagierter war sie in dieser Zeit für humanitäre Ziele – wie eh und je. Sie, die einmal Martin Luther King getröstet, 1966 mit Wolf Biermann in der DDR und bei westdeutschen Ostermärschen sang, die in Hanoi ein amerikanisches Bombardement miterlebt und in Chile mit den Müttern Verschollener gesprochen hatte, warb 1987 in Nahen Osten für Frieden und besuchte 1989 tschechische Dissidenten. Václav Havel hat Baez später als inspirierend für die Samtene Revolution beschrieben.

          Spätestens mit dem Album „Play Me Backwards“ (1992) war sie aber auch als Songschreiberin wieder obenauf. Treu geblieben ist sie sich, gegen allen Spott, im Protestsong. Während viele andere sagten, Trump tauge nicht mal dafür, schrieb sie über ihn das Lied „Nasty Man“, auch nicht ohne Ironie. Im Interview sagte sie, es sei kein guter Song, aber er werde Menschen zum Lachen bringen – „so I’ll probably just put it on Youtube“.

          Zuletzt hat sie öfter darüber gesprochen, wie ihr Glocken-Sopran, für den sie auch in Deutschland eine ganze Generation in Erinnerung hat, über die Jahre nachgelassen hat und mit welchen Übungen sie dagegen ankämpft. Längst hat sie aber, wie auch bei ihrem großartigen Frankfurter Konzert vor bald zwei Jahren deutlich wurde, zu einem anderen Register und Timbre, zu einem Altersstimmenstil gefunden, der nicht nur manches anders, sondern auch manches besser denn je klingen lässt.

          „Hier sind wir und warten am Vorabend der Zerstörung, ohne jede Aussicht, dass einer von uns bald einen Sonnenaufgang sehen wird“, schrieb Baez in „Tagesanbruch“. Getröstet hat sie sich über die Jahrzehnte damit, das deutsche Lied „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen, und die Hoffnung, dass auch die Sonne wieder folgen wird, hat sie nie aufgegeben. Die in New York Geborene, heute zurückgezogen in Kalifornien lebende, aber zuletzt sehr munter wirkende Joan Baez wird heute achtzig Jahre alt.

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