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Shabaka Hutchings im Gespräch : „Black Power ist eine Ermutigung“

  • -Aktualisiert am

Shabaka Hutchings mit der Jazzband Sons of Kemet auf dem Roskilde Festival 2019 Bild: Picture-Alliance

Zugang zu den eigenen Kraftquellen finden: Der Saxofonist Shabaka Hutchings spricht über sein afrikanisches Erbe, Sound-Mysterien und die Black-Power-Bewegung.

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          Shabaka Hutchings gilt als Wortführer des britischen „Nu-Jazz“. Mit seinen karibischen Wurzeln und der Liebe zur afrikanischen Musik entwickelte er sich zu einem der interessantesten Saxofonisten der Gegenwart. Jetzt erscheint das neue Album „Black to the Future“ seiner Band Sons Of Kemet, die mit ihrer ungewöhnlichen Rhythmusgruppe von zwei Schlagzeugern und Tuba seit Jahren für Furore sorgt, auf dem geschichtsträchtigen „Impulse!“-Label. Wir erreichten Shabaka Hutchings telefonisch in London.

          Mr. Hutchings, ich möchte gern auf die besondere „schwarze Ästhetik“ zu sprechen kommen, die Sie auf Ihrem neuen Album verfolgen. In einem begleitenden Statement verknüpfen Sie Ihre Konzeption von „Blackness“ mit Fragen der Menschlichkeit, der Natur und der spirituellen Sphäre. Warum ist Blackness für Sie eine philosophische Kategorie?

          Unter Blackness verstehe ich eine bestimmte Art und Weise, die Welt zu sehen, indem man sich an traditionelle afrikanische Praktiken erinnert, an uralte ontologische Auffassungen. Man muss sich der Verbindung zwischen der menschlichen, der natürlichen und der spirituellen Welt bewusst sein, die ja einmal in einer einzigen zyklischen Gesamtkonzeption miteinander verschmolzen waren.

          Ein zentrales Stück auf Ihrem Album trägt den Titel „To Never Forget the Source“. Welche Quelle ist da gemeint?

          Natürlich zuallererst Afrika. Man darf nie vergessen, dass Afrika die Wiege der Menschheit war. Daran müssen wir uns erinnern, wenn wir uns fragen: „Wer sind wir eigentlich?“ Was herrschte damals für eine Kosmologie, in der sich die Menschen positionieren mussten? Welche Funktion hatten Heilige in Afrika? Wenn man sich klarmacht, wie die Alten die Beziehung des Einzelnen zur Natur und zur spirituellen Welt begriffen haben, lernt man auch etwas über unsere Gegenwart.

          In musikalischer Hinsicht schöpfen Sie ja auch aus den Quellen von John Coltrane, Albert Ayler oder Pharoah Sanders, Ihren Vorgängern auf „Impulse!“ –, fühlen Sie sich in dieser Hinsicht als eine Art Testamentsvollstrecker?

          Das könnte man vielleicht so sagen. Als ich anfing, ihre Musik zu hören, hat mich vor allem die Energie ihres Spiels inspiriert. Diese Energie, die besondere innere Kraft hat mir klargemacht, dass es etwas in der Musik gibt – und zwar nur dort –, für das sich in der Sprache kein Äquivalent findet. Deshalb habe ich sicherlich eine enge Verbindung zu diesen Musikern.

          Im Oktober letzten Jahres haben Sie einen Essay mit dem Titel „The Spiritual Power of Pharoah Sanders“ veröffentlicht. Und Sie fragen sich am Ende des Textes: „Wie können wir als Schwarze über ein System weißer Vorherrschaft triumphieren, ein System, das sogar unsere Auffassung von dem, was ,real‘ ist, beeinflusst?“ Sanders hat dafür eine einfache, schlüssige Antwort: Durch „Black Unity“ – so ein Albumtitel von ihm.

          Über diese einleuchtende Devise hinaus hat mich seine besondere Auffassung von „Sound“ überzeugt. Ich habe die Tonbildung von Sanders regelrecht studiert. Welche Bedeutungen schwingen in seinem Sound mit? Haben seine Schreie auf dem Saxofon nur Symbolcharakter, oder sind sie eine eigene Sprache? Wenn ich jetzt allerdings versuchen würde, diesen Sound zu verbalisieren, dann würde ich ihn reduzieren. Man kann den Klang, auch meinen eigenen, nicht in Worte fassen, man muss ihn erspüren. Langsam scheint sich ja die Auffassung durchzusetzen, dass man diese spezifische Kraft eines musikalischen Sounds nicht kompliziert erklären, sondern einfach erleben muss. Man muss sich ihm aussetzen, sich in ihn hinein versenken. Das habe ich von Pharoah Sanders gelernt.

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