https://www.faz.net/-gqz-7zgof

Father John Misty : Die Ballade von Josh und Emma

  • -Aktualisiert am

Elektriker? Father John Misty ist, unter anderem, Eklektiker. Bild: Julia Zimmermann

Achtung, hier kommen die steilsten Lügengeschichten seit Tom Waits: Josh Tillman alias Father John Misty gewährt beim Tee Einblicke in das Seelenleben eines großen Musikers und erklärt, warum sein neues Album „I Love You, Honeybear“ heißt.

          4 Min.

          Als er das letzte Mal in Deutschland war, habe er teils noch vor zwanzig Leuten gespielt, sagt der Mann mit dem schönen Künstlernamen Father John Misty. Das ist Teil seiner Antwort auf die Frage, ob man ihn hier anders wahrnehme als in Amerika. Dort füllt er Hallen und tritt in der Show von David Letterman auf. Und dort hätte man ihn wahrscheinlich auch zum Interview in einem edlen Hotel getroffen. Hier ist es eine Berliner WG in Prenzlauer Berg, in der die Mitarbeiter seiner deutschen Plattenfirma hausen.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Umso besser, ganz ohne Tamtam. Wir nehmen in der Küche Platz. Father John trinkt Tee, hat einen großen Schal um. Krank ist er nicht, es handelt sich um ein Accessoire. Auf die Frage hin, wie er wohl auf ein deutsches Publikum wirke, überlegt er eine Weile und sagt dann: „Vielleicht wie eine männliche, demente Judy Garland.“

          Ganz wie nebenbei

          Als man gerade damit beginnt, sich ihn beim Trällern von „Somewhere Over the Rainbow“ und dabei den Text vergessend vorzustellen, ihn einzuordnen in jenes Zauberland hinter dem Regenbogen, in das er zweifellos gehört, klingelt es an der Tür. Jetzt müssen erst einmal Fotos gemacht werden. Im Büro nebenan wartet eine Überraschung: Auf der Couch sitzt die Ehefrau des Sängers, er hat sie einfach mitgebracht nach Europa. Sie wollten im Moment nicht getrennt sein, heißt es. Die beiden schäkern ein bisschen herum, das Posieren für die Bilder erledigt er wie nebenbei.

          Ihm ist ein bisschen langweilig in den  Vereinigten Staaten: Father John Misty
          Ihm ist ein bisschen langweilig in den Vereinigten Staaten: Father John Misty : Bild: julia zimmermann

          Misty steigt spontan auf den Schreibtisch, greift sich eine große, von der Decke hängende Glühbirne und wickelt sich das Kabel um den Hals: Steht da nun ein elektrischer Reiter oder ein Lebensmüder? Liegt ja beides ohnehin ziemlich nah beieinander, wie man aus einem Film mit Robert Redford weiß. An dieser Stelle darf man vielleicht auch einmal betonen, dass der mysteriöse John unglaublich gut aussieht. Mit dem Kurzhaarschnitt, wie er ihn gelegentlich während seiner Karriere als Sänger J. Tillman und auch als Schlagzeuger der Folkband Fleet Foxes trug, macht er mühelos klassischen Filmstars Konkurrenz.

          Zwischen Jesusfreak und Heiland

          Aber auch ein Vollbart, wie er ihn sich beim Wandel zur Kunstfigur mit dem Predigernamen zulegte, verbirgt seine feinen Züge nicht. Das Changieren seines Auftritts zwischen Jesusfreak und dem Heiland selbst hat auch biographische Gründe: Joshua Tillman wuchs in einer evangelikalen Familie auf, von der er sich als junger Mann allerdings lossagte.

          Obwohl er zum Zeitpunkt des Imagewechsels bereits sieben Alben als J. Tillman aufgenommen hatte, wirkt die Geschichte des Debüts als Father John Misty wie eine späte künstlerische Befreiung und Rebellion: An der kalifornischen Küste unterwegs, Psycho-Pilze essend und schließlich im legendären Hippiemusiker-Hangout des Laurel Canyon sich niederlassend, habe er in einem Ausbruch von Kreativität zwischen Song- und Erzählversuchen erst so recht seine Stimme entdeckt.

          Eine Fotosession mit diesem Entertainer wird jedoch gewiss nicht langweilig.
          Eine Fotosession mit diesem Entertainer wird jedoch gewiss nicht langweilig. : Bild: julia zimmermann

          Bevor man von seiner neuen, an diesem Freitag erscheinenden Platte spricht, muss man erst noch ein paar Worte über dieses Debüt verlieren. Das Album „Fear Fun“ war wahrscheinlich die beste Pop-Rock-Platte des Jahres 2012, wenn nicht noch mehr: Seinen Schmerzensauftakt „Fun Times in Babylon“, der kalifornische Musik der Zeit um 1970 zwischen Denny Doherty und Scott McKenzie heraufbeschwört und mit der ganzen Schönheit von Tillmans Stimme noch überbietet, wird man ebenso nie wieder vergessen wie den Talking Blues „I’m Writing a Novel“, der mit feinstem Rock ’n’ Roll unterlegt ist und an Bob Dylans frühe elektrifizierte Phase erinnert. Hat dieser „Only Son of the Ladiesman“ (Songtitel) sich damit vielleicht schon verausgabt? Eine solche Platte macht ja niemand ein zweites Mal. Auf den neckisch-parodistischen Titel des Nachfolgers war man allerdings auch nicht vorbereitet: „I Love You, Honeybear“.

          Weitere Themen

          Den Monstern ausgeliefert

          Neues Album von Tocotronic : Den Monstern ausgeliefert

          Tocotronic machen auf ihrem 13. Album „Nie wieder Krieg“ fast nichts neu und fast alles richtig. Aber braucht es das wirklich: Gitarrengeschrammel, Wortspielereien, Berufsjugendlichkeit und eine Handvoll Melodien?

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Die Stunde der wahren Empfindung

          Pop-Anthologie (134) : Die Stunde der wahren Empfindung

          Wie es dann wird, kann nur der bucklige Winter entscheiden: Gisbert zu Knyphausens sehr persönliches Lied „Seltsames Licht“ ist Beleg für eine Innerlichkeit, die deutschsprachige Popmusik lange gescheut hat.

          Topmeldungen

          Machtdemonstration: Ein Konvoi russischer gepanzerter Fahrzeuge fährt auf einer Autobahn auf der Krim. .

          Russischer Aufmarsch : Die Ukraine ist von drei Seiten umstellt

          Westliche Dienste sehen mit Unruhe, wie Moskau immer mehr Truppen an die Grenze zur Ukraine verlegt – auch über Belarus und das Schwarze Meer. Mit ihren Waffen sind die Russen schon jetzt überlegen.