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Scorpions-Sänger Klaus Meine : Wir müssten den deutschen Kritikern dankbar sein

  • Aktualisiert am

Klaus Meine durch und durch: Im März mit den Scorpions auf der Bühne in Lissabon Bild: dpa

Die Scorpions gehen wieder in Deutschland auf Tour. Ihr Sänger Klaus Meine spricht über das Älterwerden, über seine Liebe zu Rammstein, den Nutzen der Heimat und erklärt, warum er seinen Kritikern dankbar ist.

          6 Min.

          Mit einiger Verspätung erscheint Klaus Meine zum Interview. Er darf das, als internationaler Rockstar muss er das vielleicht sogar. Vor wenigen Tagen erst haben die Scorpions ihre Welttournee beendet, von Lateinamerika bis Japan wurden sie bejubelt. Es sollte eigentlich ihr Abschied werden, so oder so ähnlich war es geplant. Doch schon zu Beginn der Konzertreise vor drei Jahren ruderte die Band zurück. Kürzlich kam ein „MTV-Unplugged“ heraus, im Sommer werden sie in Brasilien bei der Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft auftreten. Zunächst aber bespielen die Scorpions die deutschen Konzerthallen unplugged. Meine feiert im Mai seinen 66. Geburtstag, auch privat trägt er sein Bühnenoutfit, mit Sonnenbrille, Lederjacke und dem berühmten Kangol-Barett.

          Darf ich mit einer Geschichte beginnen, die seit Jahren über die Scorpions kolportiert wird? Ich muss aber auch gleich sagen: Sie ist nicht besonders schmeichelhaft.

          Na gut, ja.

          In einer Nacht in den Achtzigern soll vor der Münchner Edel-Diskothek „P1“ eine Schar langhaariger Männer in Lederjacken, Strumpfhosen und Stiefeln aufgetaucht sein. Kein Einlass. Woraufhin einer aus der Gruppe sagte: „Wir sind aber die Scorpions!“ Die Antwort des Türstehers: „Eben!“

          Tja. Wow. Wer auch immer damals dort vor dem „P1“ aufgetaucht war und sich als Scorpion ausgegeben hat: Ich war es nicht.

          Was sagt diese Geschichte aus über das Verhältnis der Deutschen zu den Scorpions?

          Das sind natürlich schöne Geschichten, die gerne breitgetreten werden. Da stürzen sich alle genüsslich drauf und sagen, das geschieht den Spinnern recht. Liegt vielleicht auch daran, dass gewisse Leute es cool finden, die Scorpions uncool zu finden.

          Die Scorpions sind die international erfolgreichste deutsche Band aller Zeiten. Trotzdem waren sie den Deutschen immer auch etwas - wie soll ich sagen - peinlich.

          Ja, ein bisschen ist das wie mit der „Bild“-Zeitung. Jeder liest sie, nur zugeben mag es keiner.

          Haben Sie eine Erklärung dafür?

          Das sind Bewegungen und Gegenbewegungen. Ich denke, dass sich das in den letzten Jahren schon wieder sehr gewandelt hat. Möglicherweise liegt es daran, dass man unseren weltweiten Erfolg lange Zeit nicht nachvollziehen konnte in Deutschland. Da ist man sehr schnell bei Hannover und schnell auch dabei, sich über meinen englischen Akzent auszulassen.

          Die Scorpions nonstop: Seit Ende April bespielen sie auch die deutschen Konzerthallen

          Das legendäre Klaus-Meine-Englisch.

          Das ich selbst aber gar nicht so schlecht finde. Es klingt eben deutsch. Aber über diese Kritik kann ich eigentlich nur lachen.

          Haben Sie nur deshalb angefangen, Englisch zu singen, um mit der Band auch international erfolgreich zu werden?

          Wir hatten die zugegebenermaßen größenwahnsinnige Vision, eines Tages Konzerte auf der ganzen Welt zu geben, ja.

          Woher kam dieser Wahn?

          Wir wollten einfach unseren Traum verwirklichen. Wir hatten ja zunächst hier in Deutschland in kleinen Klubs gespielt und jede Woche ums Überleben gekämpft. Kohle hatten wir alle nicht. Aber wenn du dann in der „Sounds“, einem deutschen Musikmagazin damals, lesen musstest: „Die neue Scorpions-Platte ist draußen, mein Schreibtisch wackelt, da kann man die gut drunterschieben, dafür ist sie gut genug“, dann überlegst du dir was! Da haben wir gesagt: „Okay, motherfucker, dann schauen wir mal, wie es da draußen in der Welt aussieht.“ Wir sind also nach Belgien gegangen, nach Frankreich. Und plötzlich hatten wir ein unheimlich positives Feedback in ganz Europa.

          Der internationale Erfolg war also eigentlich nur Ihre Gegenreaktion auf die schlechten Kritiken in Deutschland?

          Ja, absolut. Die Tatsache, dass die Geschichte immer so aufgebaut wurde, diese Scorpions aus Hannover, kann ja wohl nichts sein - das hat uns darin bestärkt, ins Ausland zu gehen.

          Ohne die Kritik der deutschen Kritiker hätten Sie international also nie Karriere gemacht?

          Wahrscheinlich nicht. Wir hätten uns mit dem Erfolg in Deutschland vielleicht begnügt. Vielleicht hätten wir dann auch ein deutsches Album gemacht. Und vielleicht, wer weiß, wären wir heute längst vergessen.

          Sie müssten den deutschen Kritikern dankbar sein!

          (lacht) Eigentlich ja! Vermutlich haben wir nur dadurch diesen Drive entwickelt. 1975 gingen wir nach England, da wollten wir unbedingt hin. In Deutschland bekamen die Bands aus Amerika und England die großen Artikel. Wir hingegen standen in der Krautrock-Ecke und waren somit zweitklassig. Aber wir wollten erstklassig sein. Und wenn du dann im „Marquee“ in London auf der Bühne stehst, wo kurz zuvor noch Jimi Hendrix gespielt hat und die Stones, dann befindest du dich plötzlich in einer internationalen Competition, auf Augenhöhe mit den ganz Großen. Als wir dann nach Deutschland zurückkehrten, da war das schon eine große Genugtuung.

          Neben den Scorpions haben nur noch Rammstein als deutsche Rockband eine internationale Karriere hingelegt. Können Sie trotz aller Unterschiede etwas Gemeinsames erkennen, das den Erfolg beider Bands erklärt?

          Ich selbst war eigentlich kein großer Rammstein-Fan, bis mich Rudolf mal auf ein Konzert mitgeschleppt hat. Das ist einfach eine supergeile Band, ein Kunstwerk. Seitdem bin ich ein Riesenfan. Unheimlich viel Energie. Unheimlich powervoll. Vielleicht liegt eine Gemeinsamkeit in der starken Live-Performance. Und sicherlich auch in der Bodenständigkeit. Viele deutsche Bands, die es international versuchten, haben sich meist viel zu früh selbst gefeiert. Die kleinsten Erfolge waren schon so, dass sie dachten, uns gehört jetzt die Welt. Doch eigentlich steckt hinter so einer Weltkarriere immer auch eine enorme Disziplin und sehr harte Arbeit.

          Den Scorpions hat man immer die Provinz aufs Brot geschmiert, Rammstein nie. Warum?

          Tja, warum eigentlich?! Die Tatsache, dass wir aus Hannover kommen, hat für die Fans in Brasilien, in den Vereinigten Staaten oder in Russland überhaupt keine Bedeutung. Diese Häme, was Hannover betrifft, ist ein vollkommen deutsches Phänomen. Ich weiß nicht, wieso.

          Es gibt diesen berühmten Ausspruch von Arno Schmidt: „Was heißt schon New York? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover.“ Unterschätzen die Kritiker die deutsche Provinz?

          Bestimmt. Black Sabbath kommen aus Birmingham, und Hannover ist so etwas wie das Birmingham Deutschlands. Und die Beatles, warum kommen die aus Liverpool und nicht aus London? Auch die Scorpions haben Arbeiterbackground. Wir sind nicht mit dem goldenen Löffel aufgewachsen, und diese Karriere hat uns keiner geschenkt. Wir haben immer gesagt: Follow your heart, live your dream! That’s it! Was ist daran falsch?

          Trifft Sie Kritik aus der Heimat noch mal besonders?

          Natürlich möchte man zu Hause besonders geliebt werden. Wenn wir in Hannover spielen, dann wollen wir natürlich ein besonders geiles Konzert abliefern, weil die Freunde da sind, die Familie. Das ist aber auch ganz natürlich, dass man mit seinen eigenen Leuten zu Hause ein gutes Gefühl haben will und dass man mit dem, was man macht, auch starke Emotionen erzeugen möchte. Wenn das Feedback dann nicht so stark ist wie anderswo, warum auch immer, dann löst das Irritationen aus. Unseren Erfolg können die Deutschen erst dann wirklich nachvollziehen, wenn sie in ferne Länder reisen und aus irgendeinem Radio am fernen Strand kommt unsere Musik. Dann sagen sie: Ja, das sind unsere Jungs aus Deutschland!

          Hat man Ihnen hier vielleicht auch einfach nie verziehen, dass Sie diese amerikanische Pose so zelebriert haben?

          Vielleicht. Wir sind in unserer Entwicklung tatsächlich immer mehr eine amerikanische Band geworden. Unser ganzes Business hat sich ab Mitte der Achtziger in den USA abgespielt. Wir hatten dort unser Management, wir haben unsere Videos in Hollywood gedreht, die Inspiration für unsere Songs kam aus Amerika. Und wir hatten dort auch die stärkste Resonanz.

          Warum sind Sie letztlich nie in die Vereinigten Staaten gezogen?

          Das war tatsächlich mal ein Thema, Mitte der Achtziger, aber letztlich haben wir es wegen unserer Familie nicht gemacht. Mein Sohn kam zur Welt, und wir wollten, dass er möglichst normal aufwachsen kann. Hannover ist auch für mich ein guter Rückzugsort, wo ich mich von all dem Rock-’n’- Roll-Wahnsinn zwischen Privat-Jets und Bodyguards wieder erden kann. Hannover ist einfach eine coole Stadt. Wir haben uns hier immer wohl gefühlt und fühlen uns auch nach wie vor wohl.

          Ende November ist von den Scorpions ein MTV-Unplugged erschienen. Warum haben Sie das Konzert nicht in Hannover aufgenommen, sondern in Athen?

          Wir haben uns ja nicht gegen Hannover entschieden, sondern für Athen. Das liegt zum einen an den besonders treuen Fans dort. Und wir wollten in politisch schwierigen Zeiten auch ein Statement setzen. Wenn es dir mal nicht so gut geht, wenn du richtig am Boden bist, dann weißt du einfach, wer deine Freunde sind. Das wollten wir damit ausdrücken.

          Eigentlich hatten Sie 2010 Ihren Rückzug angekündigt. „Sting in the Tail“ sollte das letzte Album sein.

          Wir hatten uns tatsächlich überlegt, dass wir langsam mal in die Zielgerade einbiegen. Aber uns wurde irgendwann bewusst, dass man nicht von 200 Sachen auf null runterbremsen kann. Wir haben uns also gesagt, lasst uns dieses massive Touren reduzieren und nur noch Sachen annehmen, die wirklich Spaß machen. Und MTV-Unplugged war einfach noch mal eine ganz besondere Herausforderung, wo du Teil dieser illustren Familie wirst.

          Es ist ja fast schon eine sportliche Disziplin geworden, dass alternde Rockstars ihren Rückzug verkünden, um dann doch weiterzumachen.

          Na ja! Dass unsere Freunde von den Stones mit jetzt über siebzig noch immer so eine phantastische Show abliefern, das sehen wir natürlich sportlich. Aus Egogründen und wegen des Geldes brauchen wir das alle nicht mehr. Es ist die reine Lust an der Musik, die uns treibt.

          Warum tritt dieses Rückzugsphänomen gerade bei Rockmusikern so gehäuft auf?

          Einen Bluesmusiker würde keiner fragen, wann er aufhört, das stimmt schon. Beim Rock ist das anders, weil in vielen Songs Themen besungen werden, die natürlich gewisse Klischees bedienen. Sex und Rock ’n’ Roll, das sind nun mal Bruder und Schwester. Und irgendwann kommt man einfach in einen Bereich, wo man sich fragt, wer das noch von uns sehen will.

          Haben Sie Angst, auf der Bühne als tragische Figur zu enden?

          Nein, die Angst habe ich überhaupt nicht. Es kommt doch auf die Betrachtungsweise an. Wir gehören zur ersten Generation von Rockmusikern, die das Experiment „Alter“ auf der Bühne vorleben. Jedenfalls denke ich, dass wir alle miteinander die Kurve kriegen, bevor es zu spät ist.

          Wann wäre der Punkt erreicht, dass Sie sagen, jetzt ist Schluss?

          Solange meine Stimme da ist und wir von unseren Fans diese unglaubliche Energie bei den Konzerten bekommen, so lange geben wir Gas.

          Mick Jagger sagte mal im Interview, im Grunde fände er es niveaulos, Rockstar zu sein. Würden Sie ihm zustimmen?

          Wenn man doof ist, gibt man sich diesen Klischees und diesem ganzen Rockstarquatsch hin. Wer aber noch ein paar Gehirnzellen hat, der weiß, dass es in gewisser Weise auch einfach nur ein Spiel ist. Alles, was da draußen an Bildern und Klischees herumschwirrt, der Glamour, die Groupies, die Orgien, die zerlegten Hotelzimmer, das dient doch nur dazu, bourgeoise Phantasien zu bedienen. Man muss kompromisslos seinen Weg gehen und sich von diesen ganzen Sachen nicht beeindrucken lassen. Der Kern, das ist immer die Begeisterung, die Leidenschaft für die Musik.

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