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Schweden-Pop : Im Bannkreis der Sounds

  • -Aktualisiert am

Gruppenbild mit Dame: The Sounds präsentieren ihr drittes Album Bild: Davis Management / The Sounds

Seit über zehn Jahren begeistern The Sounds aus Schweden mit eigenwilligem Synthie-Rock. Diesen Sommer erschien ihr drittes Album „Crossing the Rubicon“, das trotz etwas ruhigerer Töne dem eingängigen Stil der Band treu bleibt.

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          Wer Maja Ivarsson von der schwedischen Indie-Band The Sounds einmal live in Aktion gesehen hat, dem wird wohl nicht nur ihre Stimme, sondern auch ihre energetische Performance für einige Zeit im Gedächtnis bleiben: Mit ihrem Markenzeichen-Look aus Hot-Pants, High-Heels und wallendem blonden Haar tobt die hübsche Sängerin auf der Bühne herum, tanzt, spuckt, flucht - und raucht beim anschließenden Bad in der Menge. Unter den Fans sind ihre bizarren, unablässig wiederholten Kickbox-Tritte inzwischen legendär: Nicht umsonst geht in der Branche die Kunde, Ivarsson habe die wohl aufregendsten Beine seit Tina Turner – ein Vergleich, der zwar hoch gegriffen, vielleicht aber gar nicht mal ganz unstatthaft ist.

          Seit nunmehr elf Jahren machen The Sounds eingängigen elektronischen Poprock - und haben sich durch beständiges Touren durch Europa und die Vereinigten Staaten längst zu einem Geheimtipp entwickelt. Das Kuriose ist, dass sie mit ihren wunderbar eingängigen Melodien auch dort eigentlich gut aufgehoben wären – gerade jetzt, da der elektronische Synth-Pop der achtziger Jahre eine große Renaissance erlebt. Wenn Keyborder und Songwriter Jesper Anderberg mit selbstversunkenem Poetenblick in die Tasten greift, dann klingt das fast wie eine Mischung aus a-ha, Ultravox und Depeche Mode. Aber eben auch nur fast: Tatsächlich ist der Stil der Band eklektisch im besten Sinn, frei von Berührungsängsten, nicht jedoch von Eigenwilligkeit: Tom Petty wird in Interviews als Vorbild bemüht, die New-Wave-Gruppe Blondie und sogar Britney Spears. Eine solche Ahnenreihe bürgt für modische Unabhängigkeit: Etwas seltsam Zeitloses geht vom Sounds-Sound aus, der sich auch nach mehr als zehn Jahren noch angenehm frisch anhört, und zumindest manche der Songs klingen so, als habe man sie nicht im Studio, sondern in einem kristallklar schallenden Eishaus produziert.

          Klassische Themen

          Das gilt besonders für das dritte Studioalbum „Crossing the Rubicon“, das Anfang Juni erschien, und ein wenig ruhiger als die beiden Vorgänger „Living in America“ (2003) und „Dying to Say this to You“ (2006) ausgefallen ist. Die rockigen Ohrwürmern vom Schlage der Band-Hymnen „Painted by Numbers“ und „Ego“ sind diesmal dünner gesät, was schade ist, aber keine Katastrophe. Zum Ausgleich bietet die Tracklist eine breite Palette an eingängigen Allzweck-Songs. Zu den Höhepunkten zählt das als Preview veröffentlichte Stück „Dorchester Hotel“ und die erste Single-Auskopplung „No One sleeps when I'm awake“, eine Ode an vergangene Träume, für deren Refrainzeile ein Zitat von Ron Wood über Keith Richards Pate stand („No one sleeps when he's awake!“).

          Das Cover des neuen Albums „Crossing the Rubicon”
          Das Cover des neuen Albums „Crossing the Rubicon” : Bild: Label

          Die Texte des Albums durchstreift fast allesamt ein leiser Hauch von Melancholie: Der mit Pianosolo beginnende Track „The Only Ones“ huldigt der unschuldigen Kindheit, „Underground“ der rebellischen Jugend und „Lost in Love“ einer verflossenen Liebe. Klassische Themen also, die sich mit autobiographischen Dokumenten bewegter Band-Biographie – „4 Songs and a Fight“ handelt von einer Bühnenschlägerei, „Home is, where your Heart is“ vom permanenten Leben on the Road – zu einem beschaulichen, aber wohl kaum herausragenden Stück Pop-Dichtkunst ergänzen.

          Akustische Poesie

          Nun geht es bei The Sounds freilich nicht um verbale, sondern akustische Poesie – und die wird auf ihrem neuesten Werk zweifellos geboten: Auch diesmal fließen Elektropop-, Punk-Rock- und Dancemusik-Elemente wie selbstverständlich ineinander, legt sich der Synthesizer stimmungsvoll über Gitarrenriffs und Gesang. Die cäsareische Referenz im Titel ist denn auch weniger stilistisch als rein wirtschaftlich zu verstehen: „Crossing the Rubicon“ ist das erste Werk, das Ivarsson, Anderson, Drummer Fredrik Nilsson und die beiden Gründungsmitglieder Felix Rodriquez (Gitarre) und Johan Bengtsson (Bass) im Alleingang produziert haben - unter dem frisch gegründeten Label Arnioki Records und mit eigenem Geld. Der Platte, die immerhin bis in die Top-Ten der amerikanischen Billboard-Independent-Charts vorstieß, hat dies nicht geschadet.

          Live sind die fünf Schweden aus Helsingborg, die dieses Jahr fast allesamt dreißig werden, aber erst recht eine Wucht: Nach ihrem Gastspiel als Vorgruppe bei der Summer Tour von No Doubt sind sie von November an auch wieder in Deutschland zu Gast. Ein Besuch ihrer Konzerte lohnt.

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