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Neues Album von Lady Gaga : Der Schmerz ist so ein guter Tänzer

Natürlichkeit ist so vorgestern: Lady Gaga macht jetzt Neunziger-Pop. Bild: AP/Interscope

Wir schwingen die Hüften auch noch, wenn uns ein Messer im Oberschenkel steckt: Lady Gaga führt auf ihrem sechsten Album „Chromatica“ ernste innere Dialoge zu Discobeats.

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          Die Neunziger sind zurück, aber sie sind immerhin besser als damals. Das konnte man schon am Video zu Lady Gagas Single-Auskopplung „Stupid Love“ erkennen: Da sind auf einem Wüstenplaneten Menschen in Phantasiekostümen miteinander verfeindet – aber dank Lady Gaga tanzen sie schließlich alle miteinander. Im Rückblick scheinen die Videoclips sämtlicher Eurodance-Hits ähnliche Plots gehabt zu haben. Aber Lady Gaga hat in der Vergangenheit mehrfach gezeigt, dass ihr Schaffen deutlich elaborierter sein kann, deshalb ist ihre Reprise dieser Ära keine reine Ideenlosigkeit, sondern eine liebevolle Hommage.

          Das setzt sich auf ihrem gesamten neuen Album „Chromatica“ (Universal) fort. Aus jedem Beat blitzt der Eurodance, man wartet geradezu darauf, dass jemand „I got the power!“ dazwischenruft. „Stupid Love“ mag der eingängigste Song sein, aber hier folgt ein Partykracher auf den anderen. „Babylon“ handelt von Klatsch, ist aber nicht gerade eine harsche Gesellschaftskritik: „We only have the weekend/You can serve it to me, ancient-city style/We can party like it’s B.C./With a pretty sixteenth-century smile.“ „Plastik Doll“ lässt viele kleine Beats durch den Körper des Zuhörers laufen, und man kann sich genau vorstellen, wie Partyvolk den Refrain über die Tanzfläche brüllt. Aber er lautet: „Don’t play with me/It just hurts me.“ Ein Duett mit Ariana Grande über Traumata der Vergangenheit, „Rain On Me“, gipfelt in der Hookline: „I’d rather be dry/But at least I’m alive.“ Im Video dazu steckt ein Messer tief in Lady Gagas Oberschenkel, aber sie tanzt natürlich trotzdem.

          „Sour Candy“, der Titel ihres Songs mit der koreanischen Girlgroup Blackpink, wäre ein programmatischer Titel für dieses Album gewesen. Nicht gerade subtile, aber traurige Texte, verbunden mit perfekter Musik für die Disco: Lady Gaga steht mit dieser Kombination in der Tradition der Supremes; sie hat sich nur die Musik aus den Neunzigern ausgeliehen. Und sie hat sie ein wenig cleverer gemacht. Wo man früher nach zehn Minuten auf der Tanzfläche gelangweilt feststellte, dass die musikalischen Muster sich doch sehr stumpf wiederholten, bietet „Chromatica“ mehr Abwechslung. Es gibt außerdem eine orchestrale Eröffnung und zwei Zwischenspiele, und eines Tages wird die Musikgeschichte aufarbeiten müssen, wer eigentlich mit diesem orchestralen Unsinn auf Popplatten angefangen hat und warum großartige Künstler es jahrelang weitergetragen haben, während das Publikum mitansehen musste, wie es mit jeder Interlude unorigineller wurde. Offenbar ist es schwer zu widerstehen, wenn man als Popstar eine Gelegenheit sieht, seine Melodie nicht nur einer Band, sondern einem ganzen Orchester hinzuschieben.

          Vielleicht wollte Lady Gaga den Zuhörern damit Atempausen gönnen. Nicht nur vom Tanzen, sondern auch von ihren inneren Kämpfen: In „911“ singt sie über ihre Antipsychotika, die sie nimmt, seit sie vor einigen Jahren in die Klinik kam und eine psychische Erkrankung bei ihr diagnostiziert wurde. „My biggest enemy is me“ singt sie, und dass sich in ihrem Kopf Sätze voller Selbsthass wiederholen. Gleich zwei Songs bilden Dialoge zwischen ihrer Künstlerpersönlichkeit Lady Gaga und der Privatperson Stefani Germanotta ab: „Replay“ und „Fun Tonight“ handeln von ihrer inneren Zerstrittenheit, weil ein Teil von ihr den Ruhm will und ein anderer Teil nur seine Ruhe. „I’m not having fun tonight“ singt sie, während der Bass vergnügungssüchtig donnert.

          Die sicherlich beste und absolut hörenswerte Gesangsdarbietung legt Lady Gaga in „Enigma“ hin. Ihr Duett mit Elton John, „Sine From Above“ (ein Wortspiel mit „Sign“ und der Sinuswelle), biegt unterdessen in einen handfesten House-Track ab, der keinen Gesang mehr benötigt. Das ist alles nicht besonders tiefgründig oder innovativ, und eigentlich ist Lady Gaga am besten, wenn sie etwas Neues erschaffen kann. Aber ein Album aufnehmen, zu dem man dreiundvierzig Minuten lang tanzen will – das kann auch nicht jeder.

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