https://www.faz.net/-gqz-qv4w

Schlußmach-Pop : Ich will raus: Trennkost fürs Ohr

Von ihr stammt der erhabenste Trennungssong: Missy Elliott Bild: Warner Music

Wenn auf „Wir müssen darüber reden“ unflätige Erwiderungen folgen, wird es Zeit für die großen Abfuhrhits der Popmusik - bis der Verstärker glüht. Den erhabensten Trennungssong der letzten Jahre finden wir bei Missy Elliott.

          2 Min.

          Hau endlich ab! Laß mich in Ruhe! Geh mir wenigstens aus dem Weg, damit ich wieder ins Freie klettern kann! Moderne Trennungsdramen haben gegenüber sauberen und eindeutigen Zurückweisungsszenarien der zitierten Art häufig den schweren Nachteil, daß sie ab einem gewissen Reflexionsniveau der Beteiligten nicht mehr von Podiumsdiskussionen mit Philosophen, Soziologen, Krisenforschern und sonstigen "Lettre International"-Autoren zu unterscheiden sind: "Wir müssen darüber reden", "das sehe ich anders", "du mußt auch mal meinen Standpunkt verstehen."

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Schlechte Nachrichten, Kinder: Es gibt da draußen inzwischen Menschen, die sich nicht mehr banal entschuldigen können und auch nicht mehr wissen, daß endloses, an mikrokonkretem Ereigniskrempel klebendes Gelaber oder epische Selbstrechtfertigungsexzesse keineswegs Zeichen von Selbstbewußtsein oder Klugheit sind. Wenn der letzte Rest Intimität von haarsträubenden Hirnpurzelbäumen überrollt ist und die hartnäckigsten unter den Beziehungsaufarbeitern nichts anderes mehr versuchen, als dem trennungswilligen Partner das Recht auf seinen Überdruß auszureden, wird es Zeit für die großen Abfuhrhits der Popmusik, möglichst laut, möglichst oft, bis der Verstärker glüht: "Hit the Road, Jack", und laß dich hier nie wieder blicken!

          Nur eines noch, bevor ich geh'

          Mehr noch als bei Sehnsuchtsnummern und Erfüllungsschmachtfetzen hat der Popsong beim Thema Bruch die Chance, kühne, neue und gleichsam invers verführerische Wechselbeziehungen zwischen Sound und Text zu inszenieren: Die Hand des Gitarristen Phil Campbell etwa drischt bei "Ain't My Crime" von "Motörhead" - einem Stück, in welchem der Sänger gutgelaunt verkündet, er packe jetzt seinen Kram und die Alte könne sich seinetwegen einen neuen Trottel suchen - so unwirsch auf die Gitarrensaiten, daß man das Vom-Tisch-Wischen der gegnerischen Quasseleinwände deutlich hören kann.

          Saitenhiebe für Motörhead: Phil Campbell
          Saitenhiebe für Motörhead: Phil Campbell : Bild: SPV

          Der Baß bei "Just Like A Pill" von Pink fängt in dem Augenblick, in dem die Sängerin singt, daß sie endlich weg will, sofort an, entschlossen davonzustiefeln, daß es eine Freude ist, und die atemlose Stimme des fabelhaften Dave Grohl von den "Foo Fighters", die ohne Luftholen auf dem Desillusioniertheitshammer "Monkey Wrench" einen unglaublich langen, grammatisch komplett ordnungslosen Satz schreit, als wäre dieser ein einziges Wort - "one last thing before I quit I never wanted any more than I could fit into my head I still remember every single word you said and all the shit that somehow came along with it still there's one thing that comforts me since I was always caged and now Im free" -, erlischt, nah am lustvollen Selbstmord, in jener Mischung aus Wut und Entzücken, die das Empfinden beim endlich geglückten Sichlosreißen bestimmt.

          Den erhabensten Trennungssong der letzten Jahre aber finden wir auf der neuen Platte "The Cookbook" von der amtierenden Kaiserin des Hip-Hop, Missy Elliott. Das Ding heißt "Teary Eyed" und handelt, Gipfel wütenden Raffinements, davon, wie traurig und zornig die Sängerin immer wird, wenn sie dieses Lied singen muß, das sie aus Anlaß der Loslösung von einem Typen verfaßt hat, der nichts konnte außer das Schlimmste aus ihr herausholen. Dazu spielt das verlorenste Klavier der Welt kleine Wendeltreppen von M. C. Escher, und himmlische Gospelstimmen verraten im Hintergrund, was für ein ganz und gar nicht triviales Thema hinter aller Trennungsarbeit steckt: Das Recht jeder Menschenseele auf Erlösung.

          Weitere Themen

          Freiheit ist kein Privileg

          TV-Kritik: Anne Will : Freiheit ist kein Privileg

          Kaum sinken die Inzidenz-Zahlen, werden die Bürger ermahnt, nicht leichtsinnig zu werden. Muss das wirklich sein? Die Talkrunde bei Anne Will lotet das Verhältnis zwischen Vernunft und Bevormundung aus – zumindest hatte sie das eigentlich vor.

          Topmeldungen

          Israelische Luftangriffe im Gazastreifen

          Naher Osten : Israel setzt Luftangriffe im Gazastreifen fort

          Keine Entspannung im Nahostkonflikt: Die Hamas feuert Raketen Richtung Israel. Die israelische Armee wirft wieder Bomben über dem Palästinensergebiet ab. Die Organisation Reporter ohne Grenzen beschuldigt Israel eines Kriegsverbrechens.
          Talkrunde bei Anne Will

          TV-Kritik: Anne Will : Freiheit ist kein Privileg

          Kaum sinken die Inzidenz-Zahlen, werden die Bürger ermahnt, nicht leichtsinnig zu werden. Muss das wirklich sein? Die Talkrunde bei Anne Will lotet das Verhältnis zwischen Vernunft und Bevormundung aus – zumindest hatte sie das eigentlich vor.
          Coronavirus-Test in Niedersachsen

          Corona in Deutschland : RKI registriert 5412 Neuinfektionen

          Das Infektionsgeschehen in Deutschland flaut weiter ab. Die Zahl der registrierten Ansteckungen ist im Vergleich zur Vorwoche abermals gesunken. Aufgrund des Feiertags vergangene Woche müssen die Werte aber mit Vorsicht interpretiert werden.
          Der Generalsekretär der FDP, Volker Wissing, hat die Bühne für sich.

          Zukunft der FDP : Aus eigenem Recht

          Vor der Corona-Pandemie konnte die FDP von der Schwäche der Regierungsparteien nicht profitieren. Jetzt sieht es anders aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.