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Neues Album von Fiona Apple : Scharfkantig und betörend

Verträumt, gar lieb? Da würde Fiona Apple wohl antworten: „I would beg to disagree, but begging disagrees with me.“ Bild: Getty

Manche Themen verhandelt man nicht im Belcanto: Fiona Apple, die eigensinnigste Musikerin unserer Zeit, lockt mit Zuckerwatte und holt dann den Bolzenschneider heraus.

          3 Min.

          Drei Jahre, sechs Jahre, sieben Jahre, acht Jahre. Das sind die Abstände der bisherigen fünf Alben von Fiona Apple, und auch wenn die Wartezeiten immer länger werden: Bisher hat sich das Ausharren, in dem einem nichts bleibt außer dem sehnsüchtigen Anglotzen ihrer seltenen Quatschvideos auf Youtube und dem Aufsaugen jedes Fitzelchens, das sie zwischen den Alben produziert, gelohnt. Das gilt auch für „Fetch the Bolt Cutters“ (Epic/Sony), das neue Album der Amerikanerin, ein hochdosierter Gefühlsausbruch aus avancierter Percussion, unerwarteten Bekenntnissen und bellenden Hunden. Fiona Apples sperriger Charme hat sich jedenfalls kein bisschen verändert seit ihrer Grammy-Dankesrede für ihr erstes Album, als sie im Alter von nur siebzehn Jahren vor die Menge trat und verkündete: „This world is bullshit.“

          Doch so kapriziös sich Sängerin und Musik auch manchmal geben: Genau zwanzig Sekunden dauert es, bis das Album seine Zuhörer umarmt. Da setzt im ersten Lied „I Want You To Love Me“ das Klavier ein, so klar, hell und reißend wie ein Gebirgsbach. Dem „New Yorker“ erzählte Apple kürzlich für ein ausführliches Porträt, sie habe das Album eigentlich aus einer ungeordneten Zusammenarbeit mit den Musikern heraus entwickeln wollen. Was sie davon berichtet, klingt ein wenig nach Urschreitherapie ohne Schreie, auf jeden Fall sehr nach Kalifornien, wo die New Yorkerin inzwischen lebt, und führte am Ende nicht zum Ziel. Dafür musste sie sich eben doch wieder ans Klavier setzen, zum Glück, denn indem sie das tut und dazu mit ihrem betörenden Kontra-Alt singt, lockt sie die Hörer mit Zuckerwatte an, um sie dann in ein wildes Karussell zu stoßen. Fiona Apple hat nämlich einiges zu sagen, von dem wir noch nicht wussten, dass wir es hören wollen.

          „We don’t want your tiny hands / Anywhere near our underpants.“

          „Holt die Bolzenschneider“: Das ist ein Zitat aus der Serie „The Fall“ mit Gillian Anderson als Kriminalkommissarin, die ebendies zu einem Kollegen sagt, weil sie ein Mädchen befreien will, das gefoltert wurde. „Fetch the Bolt Cutters“ ist also ein Album über Befreiung, über Traumata, über Einsamkeit. „Shameika“ handelt davon, dass Apple in der Schule gemobbt wurde; „Heavy Balloon“ ist eine Metapher für Depression („People like us, we play with a heavy balloon / We keep it up to keep the devil at bay / But it always falls way too soon“); „For Her“ beschäftigt sich mit einer nie angezeigten Vergewaltigung („Good Morning / You raped me in the same bed your daughter was born in“). In „Newspaper“ und „Ladies“ beschreibt Apple, wie Frauen gegeneinander aufgehetzt werden. Frauensolidarität ist eines ihrer großen Themen – zu den wenigen Dingen, die man in den letzten Jahren von ihr hörte, gehörte der 2017 als Chant für den Women’s March nach Washington geschriebene Song auf Trump: „We don’t want your tiny hands / Anywhere near our underpants.“

          Wer nun befürchtet, es bei diesem Werk mit einer deprimierenden Auffächerung von Schicksalen zu tun zu haben, der irrt. Dafür ist Apple viel zu verspielt und humorvoll. „I would beg to disagree, but begging disagrees with me“, singt sie, und am Ende eines Lieds bellen ausführlich Hunde im Tonstudio ihres Hauses in Venice Beach – ihr eigener und die des Models Cara Delevingne, die im Background singt. Mitten in „On I Go“ verspricht sie sich und lässt das genau wie ihre anschließenden Flüche einfach drin. Schließlich sitzt hier kein Produzent hinter der Scheibe, der eine Meinung dazu haben könnte. Ihre Plattenfirma dürfte ihre Erfahrungen gemacht haben, seit sie von wütenden Fans mit Äpfeln per Post bombardiert wurde, weil sich herumgesprochen hatte, das Album „Extraordinary Machine“ werde ausgebremst, und seit Fiona Apple für ebendieses Album unbedingt noch einen Song schreiben sollte und einen lieferte, in dem sie trotzig „Please please please / No more melodies“ forderte. Ihren unbestreitbaren Eigensinn beschreibt sie selbst in „Under the Table“: „Kick me under the table all you want / I won’t shut up.“

          Wie es sich für als schwierig bekannte Künstler gehört, macht Apple eben am liebsten alles allein mit der Unterstützung weniger Freunde. Schlagzeugerin Amy Aileen Wood produzierte die Songs mit ihr, außerdem gehört der Gitarrist Davíd Garza zum Team und der Bassist Sebastian Steinberg, der seine Saiten so scheppernd anschlagen kann, dass sie noch lange im Kopf des Zuhörers nachwummern. Nichts und niemand klingt so wie diese vier Musiker zusammen, denn niemand vereint solche Widersprüche: unmittelbar und kompliziert, düster und aufpeitschend, hart und weich. Und so neu das Album ist und so frisch es klingt, so viel Geschichte hat es gleichzeitig: Manche der Liedzeilen hat Fiona Apple als Teenager geschrieben, manche Songs hat sie in den vergangenen zehn Jahren wieder und wieder überarbeitet. Das ist recht ungewöhnlich in einer Branche, in der Sänger üblicherweise mit Songwritern einkaserniert werden und zwei Monate später mit einem fertigen Album das Studio verlassen sollen, und gerade deshalb ein ausgesprochen beruhigender Gedanke. Mit Musik verhält es sich im Grunde genau wie mit Essen: Oberhalb eines gewissen Niveaus sollte sie nicht zu schnell produziert werden. Darunter muss der Qualitätsverlust mit Fett ausgeglichen werden (also Butter beziehungsweise Beats).

          Wer nur eines dieser langsam gegarten Lieder anhören will, um sich ein Bild zu machen, sollte es mit „For Her“ versuchen, für das Fiona Apple selbst alle Stimmen eingesungen, Schlagzeug gespielt und auf andere Instrumente verzichtet hat. Avantgardistisch, jawohl, ein bisschen, und scharfkantig und trotzdem betörend. Manche Themen verhandelt man eben nicht im Belcanto, deshalb klingt Fiona Apple mal wie ein überdreht kieksendes kleines Mädchen, mal wie Sphärengesänge, manchmal wie eine Schiffshupe. Ihre Musik hat längst das erreicht, was viele Frauen sich wünschen: nicht immer schön sein zu müssen.

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