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Sarah Connor und „Vincent“ : Ihr wichtigster Song

Sarah Connor schreibt ihre Songtexte jetzt selbst. Bild: Picture-Alliance

Sarah Connors Song „Vincent“ über einen homosexuellen Jungen soll zu explizit für deutsche Radiosender sein. Die Diskussion hat Fragen aufgeworfen: Was hören wir da eigentlich im Radio?

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          2006 produzierte der Rapper Akon mit Snoop Dogg den hingesäuselten Hit „I Wanna Fuck You“, und weil klar war, dass er mit der unmissverständlichen Aufforderung zum Sex nie in amerikanische Radios gekommen wäre, ersetzte man kurzerhand „fuck“ durch „love“. Die Geschichte, die erzählt wurde, das Musikvideo: durften bleiben. Zwölf Jahre später, im Jahr eins nach MeToo, sang Kanye West „You're such a fuckin' ho(re)“. Im Radio wurde daraus „You're such a freaky girl“, und weil im Video die Komikerin Adele Givens auftrat und die Rapper lustige Anzüge trugen, war man sich schnell einig: alles ironisch. So viel zu Amerika.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          In Deutschland ist es etwas komplizierter. Was muss passieren, damit ein Song, der es in die Top Ten der Charts schafft, nicht im Radio zu hören ist? Seine Inhalte müssen zu explizit sein, um sie einer Familie auf der Fahrt in den Urlaub zumuten zu können. Zu deutlich in ihrer sexuellen Botschaft, zu nah am Tabubruch, gewaltverharmlosend.

          Statement für Toleranz

          Sarah Connors Ende Mai erschienenes neues Album heißt „Herz Kraft Werke“ und ist gut angelaufen, besonders der Song „Vincent“, momentan steht es auf Platz neun der Deutschen Single Charts. Da sind zuerst nur eine Gitarre und Connors Worte zu hören: „Vincent krieg keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt, er hat es oft versucht und sich echt angestrengt.“ Es geht also um einen Jungen, der erkennt, dass er schwul ist, aber nicht nur darum, auch um Schmerz in der Liebe, bei der keine Medizin hilft. Das von der Künstlerin, die simple Wahrheiten schon immer liebte (from Sarah with Love) – aber diesmal hat Connor ihren Text selbst geschrieben. So lief er eine Weile im Radio, und davor und danach erklärten die Sprecher, dass „Vincent“ eine Diskussion über den Umgang mit Homosexualität angestoßen habe.

          Dann war Connors Song auf einmal nicht mehr so oft zu hören. Einige Sender hatten ihn aus dem Programm genommen. Antenne Bayern spielt „Vincent“ jetzt ohne die erste Zeile – laut Programmdirektion im Sinne des Jugendschutzes, Kleinkinder sollten derartiges nicht im Radio hören. Der SWR gab an, ohnehin keine Musik von Sarah Connor zu spielen, weil sie nicht ins Programm passe. HR3 spielt den Song, laut Musikchef Christian Brost als Statement für Toleranz. Und berichtete von den ersten Outings als Reaktion.

          Die Diskussion, die „Vincent“  anstoßen sollte, hatte sich also auf das Terrain der Angemessenheit verlagert. Die Frage, ob Kinder einen Songtext, den sie nicht verstehen, überhaupt bewusst wahrnehmen und hinterfragen, spielte da noch keine Rolle. Auch nicht die Überlegung, ob es nicht besser ist, wenn sich Kinder über ein „Hochkriegen“ wundern, als zu Ohrwurmsongs wie „Whistle“ von Flo Rida mitzupfeifen oder gleich mitzusingen: „Can you blow my whistle baby, whistle baby, let me know, girl I'm gonna show you how to do it and we start real slow “. Oder zu den vielen anderen Popsongs, die von (Hetero-)Sex und Frauen zum Anstarren handeln und Sexismus zur Kommunikationsstrategie erheben.

          Gleichzeitig wird das Thema von „Vincent“ damit auf eine Stufe mit musikalischen Entgleisungen wie Kraftklubs „Dein Lied“ gestellt („Du verdammte Hure, das ist dein Lied“). Und mit Raplyrik, die man seinen Kindern besser auch erklären sollte: „Mach' den Lieferwagen auf, Kugeln liegen schon im Lauf, Wallah, ich geh' über Leichen, doch nie wieder in den Bau, rrah“ (Capital Bra, neun Nummer Eins-Hits in zehn Monaten). Die wird natürlich auch nicht in den großen Radiosendern gespielt.  

          Aufforderung zum Gespräch

          Dass also wegen „Vincent“ Eltern ihren Kindern erklären müssen, was es bedeutet, wenn ein Mann nicht auf Frauen steht, ist alles andere als skandalös. Sarah Connor betrachtet den Song als Aufforderung zum Gespräch. Der „Taz“ hat sie gesagt, sie glaube, es sei der wichtigste Song, den sie bisher gemacht habe. „Wir denken immer, wir seien so wahnsinnig tolerant, aber ich merke, dass wir es lange noch nicht überall sind.“

          Nun in einer neuen Stellvertreterdiskussion darüber zu klagen, dass sich für Connor jeder Tag der Aufregung um ihren Song auszahlt, wäre überflüssig. Das große Empörungsorchester gehört heute dazu. Vielleicht würde sich schon eher eine Diskussion darüber lohnen, warum „Vincent“ mit einer traumszenenartig verklärten Zukunftsvision und nicht einfach einer Beobachtung aus dem deutschen Alltag endet (von dem Connor überhaupt erst auf das Thema gebracht wurde) und das Video für jeden, der homosexuelle Freunde in Amerika hat, schwer zu ertragen ist, da tanzen nämlich schwule Afroamerikaner mit einem Gospelchor durch eine Kirche, als wären systematische Stigmatisierung und Homophobie in der Kirche lang vergangene Schrecklichkeiten. Aber Connor liebt es, dick aufzutragen. Für den Punkt, den sie machen will, nutzt sie das Mittel der Provokation – warum auch nicht, wenn in dieser Zeit etwas zuverlässig für Aufmerksamkeit sorgt, dann Provokation.

          Zufällig hat das Landgericht Chemnitz gerade am Ende der Woche, in der über „Vincent“ und die Entscheidung der Radiosender diskutiert wurde, drei Männer wegen einer der brutalsten homophoben Gewalttaten der vergangenen Jahre verurteilt: 2018 war das Opfer in einem ehemaligen Güterbahnhof mit Eisenstangen gefoltert und getötet worden. Das von langer Hand geplante Vergehen war so bestialisch, dass der Rechtsmediziner sagte, er habe in dreißig Jahren erst einmal Vergleichbares erlebt. Der Staatsanwalt sprach zwar von „absolutem Vernichtungswillen“, sah aber „keinen konkreten homophoben Auslöser“ für die Tat. Die Männer wurden wegen Totschlags verurteilt.

          Man hätte die Einschätzung des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) nicht mehr notwendigerweise hören müssen, um zu verstehen, dass es in Deutschland noch immer genug Aufklärungsbedarf beim Thema Homosexualität gibt. Und Anlass, Kindern und Jugendlichen einen unbefangenen Umgang damit vorzuleben. Dafür darf homosexuelle Liebe nicht unsichtbar gemacht werden. Genauso, wie sie Teil des gesellschaftlichen Alltags ist, gehört sie zu seiner Repräsentation – im Radio, im Fernsehen, auf der Bühne. Dass sich dem Thema nicht nur Schlagersänger wie Helene Fischer annehmen, sondern zum Beispiel auch Musiker wie Fettes Brot auf ihrem neuen Album, erhöht die Chancen, dass es irgendwann beinahe so normal ist, über homosexuelle Neigungen zu singen, wie über Frauenkörper zu rappen. Und darüber zu diskutieren.

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