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Sarah Connor und „Vincent“ : Ihr wichtigster Song

Gleichzeitig wird das Thema von „Vincent“ damit auf eine Stufe mit musikalischen Entgleisungen wie Kraftklubs „Dein Lied“ gestellt („Du verdammte Hure, das ist dein Lied“). Und mit Raplyrik, die man seinen Kindern besser auch erklären sollte: „Mach' den Lieferwagen auf, Kugeln liegen schon im Lauf, Wallah, ich geh' über Leichen, doch nie wieder in den Bau, rrah“ (Capital Bra, neun Nummer Eins-Hits in zehn Monaten). Die wird natürlich auch nicht in den großen Radiosendern gespielt.  

Aufforderung zum Gespräch

Dass also wegen „Vincent“ Eltern ihren Kindern erklären müssen, was es bedeutet, wenn ein Mann nicht auf Frauen steht, ist alles andere als skandalös. Sarah Connor betrachtet den Song als Aufforderung zum Gespräch. Der „Taz“ hat sie gesagt, sie glaube, es sei der wichtigste Song, den sie bisher gemacht habe. „Wir denken immer, wir seien so wahnsinnig tolerant, aber ich merke, dass wir es lange noch nicht überall sind.“

Nun in einer neuen Stellvertreterdiskussion darüber zu klagen, dass sich für Connor jeder Tag der Aufregung um ihren Song auszahlt, wäre überflüssig. Das große Empörungsorchester gehört heute dazu. Vielleicht würde sich schon eher eine Diskussion darüber lohnen, warum „Vincent“ mit einer traumszenenartig verklärten Zukunftsvision und nicht einfach einer Beobachtung aus dem deutschen Alltag endet (von dem Connor überhaupt erst auf das Thema gebracht wurde) und das Video für jeden, der homosexuelle Freunde in Amerika hat, schwer zu ertragen ist, da tanzen nämlich schwule Afroamerikaner mit einem Gospelchor durch eine Kirche, als wären systematische Stigmatisierung und Homophobie in der Kirche lang vergangene Schrecklichkeiten. Aber Connor liebt es, dick aufzutragen. Für den Punkt, den sie machen will, nutzt sie das Mittel der Provokation – warum auch nicht, wenn in dieser Zeit etwas zuverlässig für Aufmerksamkeit sorgt, dann Provokation.

Zufällig hat das Landgericht Chemnitz gerade am Ende der Woche, in der über „Vincent“ und die Entscheidung der Radiosender diskutiert wurde, drei Männer wegen einer der brutalsten homophoben Gewalttaten der vergangenen Jahre verurteilt: 2018 war das Opfer in einem ehemaligen Güterbahnhof mit Eisenstangen gefoltert und getötet worden. Das von langer Hand geplante Vergehen war so bestialisch, dass der Rechtsmediziner sagte, er habe in dreißig Jahren erst einmal Vergleichbares erlebt. Der Staatsanwalt sprach zwar von „absolutem Vernichtungswillen“, sah aber „keinen konkreten homophoben Auslöser“ für die Tat. Die Männer wurden wegen Totschlags verurteilt.

Man hätte die Einschätzung des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) nicht mehr notwendigerweise hören müssen, um zu verstehen, dass es in Deutschland noch immer genug Aufklärungsbedarf beim Thema Homosexualität gibt. Und Anlass, Kindern und Jugendlichen einen unbefangenen Umgang damit vorzuleben. Dafür darf homosexuelle Liebe nicht unsichtbar gemacht werden. Genauso, wie sie Teil des gesellschaftlichen Alltags ist, gehört sie zu seiner Repräsentation – im Radio, im Fernsehen, auf der Bühne. Dass sich dem Thema nicht nur Schlagersänger wie Helene Fischer annehmen, sondern zum Beispiel auch Musiker wie Fettes Brot auf ihrem neuen Album, erhöht die Chancen, dass es irgendwann beinahe so normal ist, über homosexuelle Neigungen zu singen, wie über Frauenkörper zu rappen. Und darüber zu diskutieren.

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