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Vorwürfe gegen Rapper Samra : Steht dem Deutschrap ein MeToo-Moment bevor?

Eine Influencerin wirft dem Rapper Samra vor, sie vergewaltigt zu haben. Seitdem vernetzen sich Betroffene und berichten von skandalösen Machtstrukturen.

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          Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Berliner Rapper Samra haben eine Debatte über sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch in der Hiphopszene angestoßen. Während Samra die Vorwürfe am Wochenende zurückwies, berichteten Betroffene unter dem Stichwort #deutschrapmetoo von ihren Erfahrungen und kritisierten ein Netzwerk aus Künstlern, Musiklabels, Agenturen und Managements, das Bescheid wisse und die Strukturen seit Jahren toleriere.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Ausgelöst hatte die Diskussion die Influencerin Nika Irani, die vergangene Woche schwere Vorwürfe gegen Samra erhob. Auf Instagram berichtete sie von einer ein Jahr zurückliegenden Begegnung in seinem Studio, bei der es gegen ihren Willen zum Sex gekommen sei. Der Rapper habe behauptet, ihr zeigen zu wollen, wo er aufnimmt, sie dann aber in ein Schlafzimmer gedrängt, die Tür abgesperrt und sie gewürgt. „Ich habe über 20 Mal nein gesagt“. Irani kündigte an, keine Anzeige zu erstatten. Stattdessen forderte sie eine Entschuldigung von Samra.

          So ein Riesendrama

          Universal Music Germany, bei dessen Sub-Label Universal Urban der Rapper unter Vertrag steht, ließ zunächst lediglich mitteilen, man verurteile „jede Form von Gewalt“. Am Freitag kündigte es an, die Zusammenarbeit bis zur Klärung der Vorwürfe ruhen zu lassen. Schließlich meldete sich auch der Rapper zu Wort. In einem Statement bestritt er die Vorwürfe und kündigte an, die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Anschließend veröffentlichte er ein Video auf Instagram, in dem er der Influencerin vorwarf, ihn zu Unrecht zu diskreditieren. Er sei mit seiner Psyche am Ende. „Kann sein, dass ich kein Gentleman zu dir war und dich nicht verabschiedet habe.“ Es sei nun einmal ein gleichgültiger Typ, aber kein Vergewaltiger. Vielleicht habe sie sich gekränkt gefühlt. Sie solle sich schämen, „so ein Riesendrama zu machen“. Ein Label brauche er nicht, er habe seine Fans. Sie forderte er auf, ihn zu verteidigen.   

          Die sich anschließende Diskussion über Sexismus, Gewalt und Verleumdung wurde am Wochenende grundsätzlich. Auf Instagram und Twitter tauchten Profile auf, in denen sich Betroffene vernetzten und Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen in der Szene teilten. Die als Lady Bitch Ray bekannt gewordene Künstlerin Reyhan Şahin postete auf Twitter, Deutschrap-Metoo sei lange überfällig. Die Hiphop-Journalistin Visa Vie schrieb: „Die meisten Betroffenen (inklusive mir) schweigen, weil sie in ihrem eigenen Verhalten Schuld sehen“. Das Umfeld schütze die Täter und unterstütze den Missbrauch: „Junge Frauen oder Minderjährige werden nach Konzerten ausgesucht, abgefüllt, in Hotelzimmer gebracht, danach weggeschickt“. Es habe sich für sie oft angefühlt, als wäre die Rap-Welt ein rechtsfreier Raum.

          Die Rapperin Shirin David berichtete, sie habe Samra in ihrer neuen Single „in einem positiven Zusammenhang“ erwähnt. Wegen der Vorwürfe habe sie sich entschieden, die Zeilen zu entfernen und die Veröffentlichung der Single um eine Woche zu verschieben. Sie kritisierte die Rolle der Hiphopmedien, die sich bei derartigen Vorwürfe zu sehr zurück- und die Opfer nicht ernst nähmen.

          Tatsächlich tun sich Berichterstatter aus der Szene schwer, sachlich auf die immer wieder neuen Vorwürfe gegen deutsche Rapper zu reagieren. Im Gegensatz zu anderen Kulturbereichen hat die 2017 begonnene MeToo-Debatte im deutschen Hiphop praktisch nicht stattgefunden, entsprechend wenig hat sich in den letzten Jahren verändert. Hiphopkünstler gehen massiv gegen die Berichterstattung über ihre Grenzüberschreitungen an. Kollegen halten still, schließlich gehören Grenzüberschreitungen zu ihrem Geschäftsmodell. Die Journalisten von Hiphopmedien, die oft enge Verbindungen zu den Musikern pflegen oder selbst Fans sind, sehen sich auf die guten Kontakte angewiesen. Immer wieder arbeiten sich ihre Leser an der Rolle der Frauen ab, unterstellen ihnen, es darauf angelegt zu haben oder sich unverhältnismäßig zu beklagen. Am Sonntag kursierte ein Video, demzufolge Irani Samra erpresst haben soll, bevor sie mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit ging.

          In die aufgeladene Stimmung hinein veröffentlichte der Rapper Nimo seine Single „Komm mit“, in der es heißt: „Deine Ex-Freundin ist aus der Fassung / Ich fick' sie fast tot, sie liegt im Wachkoma“. Die Reaktionen waren weitaus deutlicher, als man sie zu einem früheren Zeitpunkt hätte erwarten können. Der Rapper zog den Song zurück und ließ ihn von den Streamingplattformen löschen. „Ich möchte mich an dieser Stelle auch persönlich von jeglicher körperlichen Gewalt an Frauen und Missbrauch distanzieren und mich bei denjenigen entschuldigen, die meine Worte verletzt haben“, schrieb er auf Instagram. Er wolle seine Herangehensweise an das Thema nun ändern.

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