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Hardcore-Punkszene : Askese und Leidenschaft

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Bild: Jim Saah www.jimsaah.com

Was bleibt vom Punk, wenn sich die Wut verliert? In ihrer Dokumentation „Salad Days“ statten Scott Crawford und Jim Saah den Veteranen der Hardcore-Szene in Washington einen Besuch ab.

          In der offiziellen Geschichtsschreibung des Pop gelten die mittleren achtziger Jahre als Brachland. Die große Punkwelle ist vorüber und läuft in Post-Punk und New Wave aus, die nächsten epochalen Bewegungen, Techno und Grunge, lassen noch bis ungefähr 1988 auf sich waren. Dass sich in den Jahren dazwischen aber ein Musikstil gebildet hat, dessen Vitalität bis heute auf vielfache Weise nachwirkt, entgeht den grobmaschigen Netzen der Enzyklopädien. Hardcore, die mit Verzögerung entstandene amerikanische Variante des Punk: Diese Bands waren musikalisch wesentlich schneller und aggressiver als die britischen Vorreiter (die Bad Brains verhalten sich zu den Sex Pistols ungefähr wie die Sex Pistols zu Foreigner), weltanschaulich ging es dieser Szene aber gerade nicht um Rausch und Destruktion, sondern um die Erschaffung autonomer Infrastrukturen.

          Das vielleicht wichtigste Zentrum des Hardcore war seit den frühen achtziger Jahren Washington, D. C., mit dem Plattenlabel Dischord Records und Bands wie Minor Threat, Faith, Rites of Spring und später Fugazi. Jetzt haben die Filmemacher Scott Crawford und Jim Saah die Dokumentation „Salad Days“ fertiggestellt, benannt nach dem Titel der letzten Minor-Threat-Single.

          Am Wochenende vor Weihnachten hatte der Film in Washington, D. C., Premiere, abends spielte die stilprägende Dischord-Band Soulside 25 Jahre nach ihrer Auflösung ein einmaliges Reunion-Konzert im „Black Cat“ - und als gegen Mitternacht unten in der kleinen Bar des Clubs die After-Show-Party begann, verdichtete sich die musikalische Kraft, die von dieser Stadt ausging, noch einmal auf engstem Raum. Hinten an der Theke stand Ian MacKaye, Gründer des Dischord-Labels und Sänger von Minor Threat und Fugazi; vorne tranken die Männer von Scream ein paar Biere, deren Schlagzeuger Dave Grohl die Stadt 1990 verließ, um sich einer aufstrebenden Band namens Nirvana anzuschließen.

          Bilderstrecke

          Was an „Salad Days“, einer Montage aus Konzertmitschnitten und Interviews mit über hundert Protagonisten, sofort überrascht, ist die Fülle der alten Filmaufnahmen. So häufig war also doch eine Kamera dabei, wenn die allerersten Hardcore-Bands, die Teen Idles oder State of Alert (mit dem noch untätowierten Henry Rollins), in Garagen oder Kleinstclubs auftraten: ein Heer von verzückten Gesichtern und durcheinanderfliegenden Leibern.

          Aber genau an diesen Orten entstanden Sounds, Tanzstile und Lebensmodelle, deren Einfluss noch dreißig Jahre später sichtbar ist, wenngleich bis zur Unkenntlichkeit transformiert. Dave Grohl, längst Superstar-Frontmann der Foo Fighters, sagt: „Das waren nicht die berühmtesten Bands der Welt. Aber sie haben die berühmtesten Bands der Welt inspiriert und hervorgebracht.“

          Zwei globale Jugendbewegungen der Gegenwart, „Straight Edge“ und „Emo“, haben ihren (unfreiwilligen) Ursprung in der Hardcore-Szene von Washington, D. C. Die erste geht auf den gleichnamigen Liedtext von Minor Threat zurück, ein Bekenntnis zur Nüchternheit, gerichtet gegen die Selbstzerstörungswut des traditionellen Punk. Ian MacKaye hat sich früh davon distanziert, dass ein persönlicher Song zum Manifest der Drogenfreiheit wurde, und in „Salad Days“ erzählt er die schöne Geschichte, wie es zur Markierung der Handrücken mit einem großen X kam, bis heute das Symbol der Straight-Edge-Bewegung. Das Zeichen tauchte erstmals bei einem Auftritt in Los Angeles auf, in einer Bar mit Alkoholausschank, die nur für Gäste über 21 zugänglich war. MacKaye, damals selbst noch minderjährig, überredete die Barbesitzerin, auch jüngere Besucher einzulassen, unter der Voraussetzung, dass sie sich, wie die Band selbst, mit Edding ein X auf die Handrücken malen würden. Damit wären sie für die Barkeeper identifizierbar. Das spätere Logo einer Bewegung: am Anfang nichts als ein Kontrollzeichen.

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